Hemingways dunkelstes Geheimnis
1923 besuchte Ernest Hemingway mit seiner Frau Hadley den italienischen Ort Cortina d‘Ampezzo. Ein Ausflug mit einem lokalen Touristenführer ging mächtig schief. In seinem Bericht darüber ließ der Schriftsteller ein grausames Detail aus.
Im Dezember 1922 macht sich die Amerikanerin Elizabeth Hadley Richardson in Paris auf, um in die Schweiz zu reisen. In Lausanne will sie ihren Ehemann treffen, einen Journalisten, der für den „Toronto Star“ aus Europa berichtet. Warum Hadley, wie Ernest Hemingway seine erste Frau rief, einen Koffer mit fast all seinen Manuskripten nebst Abschriften und Durchschlägen bei sich hatte, bleibt rätselhaft.
Hemingway schrieb in seinen Erinnerungen an die Pariser Zeit, sie habe ihn überraschen wollen und gewollt, dass er auch in den Schweizer Bergen weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeiten könne. Doch Koffer und Manuskripte wurden Hadley schon im Pariser Gare de Lyon gestohlen. Woran Hemingway drei Jahre lang gearbeitet hatte, blieb für immer verschollen.
Er habe geglaubt, nie mehr schreiben zu können, berichtet Hemingway in seinen Erinnerungen. Es hat dann aber nur vier Monate gebraucht, bis er wieder damit anfing. Nicht in den Schweizer, sondern in den italienischen Bergen, in Cortina d’Ampezzo, das nach 1956 auch in diesem Jahr Austragungsort der Olympischen Winterspiele ist. „Schonzeit“ heißt die Story, die er hier „ohne Punkt und Komma“ in die Schreibmaschine hämmerte. Und obwohl die Hemingways begeisterte Skifahrer waren, handelt sie von etwas ganz anderem.
Sie beginnt mit Peduzzi, einem alternden Tagelöhner, der sein beim morgendlichen Gärtnern in einer Hotelanlage verdientes Geld bereits in Alkohol angelegt hat. Das macht die Verständigung mit dem amerikanischen Ehepaar, dem er bei einem Angelausflug als örtlicher Führer dienen soll, schwer. Zwischen Tirolerisch und Italienisch radebrecht er, nennt die junge Dame, der nicht entgeht, dass er einen sitzen hat, mal Signora, mal Signorina. Kurz: Alles, was der „vecchio“ von sich gibt, finden die Touristen „mysteriös“.
Das Paar hat sich morgens gestritten, so viel erfahren wir, worüber, erfahren wir nicht. Mehr als einmal fordert der Mann seine Frau auf, ins Hotel zurückzugehen. Das macht sie schließlich. Stete Angst vor der Polizei hatte den Ausflug von Anfang an überschattet.
Die Fische haben nämlich, wie es bereits der Titel verrät, „Schonzeit“. Weshalb es dem Amerikaner zu guter Letzt ganz recht ist, als er und Peduzzi den Tag unverrichteter Dinge beenden, weil ihnen zum Angeln das Angelblei fehlt. Ob man am nächsten Tag einen erneuten Versuch unternehmen will, ist unklar. Für Peduzzi will der Amerikaner eine Nachricht beim „padrone“ des Hotels hinterlassen.
Das Eisbergmodell
Die Story über Cortina gilt als die erste, bei der Hemingway dem „Eisbergmodell“ folgte: „Ein Eisberg bewegt sich“, schrieb er später, „darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“ Genauso sollte auch der Schriftsteller große Teile seiner Geschichte vor dem Leser verbergen.
Das dunkle Geheimnis, das Hemingway in „Schonzeit“ verbarg, offenbarte er 1925 F. Scott Fitzgerald: Er habe sich über den betrunkenen Touristenführer beim „padrone“ beschwert. Peduzzis Vorbild habe sich erhängt, nachdem er gefeuert worden sei.
Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter telefonseelsorge.de. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.
Source: welt.de