Heinrich Detering: „Sein Albtraum wird wahr“

ZEIT Geschichte: „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagt Thomas Mann, als er 1938 in New York an Land geht. Liegt in diesem Satz auch eine Anmaßung?

Heinrich Detering: Ich höre darin keine Selbstüberhöhung, sondern einen Arbeitsauftrag: Vergiss nie, dass du jetzt für die deutsche Kultur einstehen musst. Dass du nie für dich allein sprichst, dass es um alles oder nichts geht für dein Land.

ZEIT Geschichte: Wie blickt Thomas Mann in diesem Moment auf Deutschland?

Detering: Deutschland ist für ihn verloren, dort herrschen Verbrecher und Henker. Die Kulturnation Deutschland gibt es nicht mehr. Also nimmt er seine Heimat mit ins Exil, und er hält es dabei wie Bertolt Brecht. Auch wenn die beiden sich herzlich verabscheut haben, sind sie sich darin einig, dass sie als Exilanten die Verpflichtung haben, etwas von dem zu retten, was Deutschland hätte sein können. Dass Thomas Mann dann zum Wortführer des Exils wird, ist nicht sein Plan, aber unrecht ist es ihm auch nicht.