Heimat | Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Dirk Bernemanns Dorfroman spiegelt die gesellschaftlichen Spannungen unserer Zeit

Um über Heimat zu schreiben, muss sie schon verloren sein“, hat der Literatur- und Medienwissenschaftler Friedrich Kittler einmal geschrieben. Er benennt damit ein Paradox, das der Gattung des Heimatromans von Beginn an eingeschrieben ist: Heimat entsteht als Erzählung oft im Moment ihrer Auslöschung oder Infragestellung. Seit es literarische Vergewisserungen über das Eigene gibt, wird auch verhandelt, inwiefern Heimat und Heimatverlust, Gemeinschaft und Ausschluss, Geborgenheit und Gewalt miteinander in Verbindung stehen.

Vielleicht liegt es am wahrgenommenen Schwund sozialer Bindungskräfte in der Gegenwart, dass sich fiktionale Texte wieder verstärkt für diese Spannungsverhältnisse interessieren. In den Fokus rücken Räume, die eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen repräsentieren: Dörfer, Randgebiete und abgeschiedene Schauplätze, in denen anachronistische soziale Praktiken, religiöse Rituale oder eigenwillige Gemeinschaftsformen fortbestehen, die eine Kontrastfolie zur globalisierten Gegenwart bilden. An einem solchen Ort ist auch Dirk Bernemanns neuer Roman Gromzell angesiedelt, der sich programmatisch als „Heimatroman“ bezeichnet.

Das fiktive Gromzell, ein Dorf mit etwa tausend Einwohnern, erscheint als geschlossene Welt, geprägt von Katholizismus und Aberglauben, von gewachsenen Traditionen und einem gleichförmigen Alltag. Der Tod der 108-jährigen Marie – der ältesten Bewohnerin – erschüttert diese Ordnung im Kern. Der Verlust legt offen, was in Gromzell längst unterschwellig vorhanden war: die Sorge um den Fortbestand der Gemeinschaft und eine daraus resultierende Kultur der Verunsicherung und des Verdachts. Fast alle Figuren sehen sich gefährdet, die an sie gerichteten Erwartungen nicht zu erfüllen oder vorgezeichnete Lebenswege nicht weiterführen zu können: Der Jungbauer Paul Schneider fürchtet, keine Frau zu finden, die seinen Hof mitträgt. Friedrich, nun der älteste Bewohner, plagt neben der Angst vor dem Tod die Erwartung, selbst zur moralischen Instanz aufzurücken. Die 22-jährige Urenkelin Marie leidet an Bauchschmerzen – und erschrickt vor allem darüber, weil man in ihrem Alter in Gromzell eigentlich „nichts Schlimmes“ haben darf. Anna schließlich, die nach Berlin geflohene Tochter des Dorfs, erlebt ihre Rückkehr als Konfrontation mit der Frage, ob man sich je wirklich von Herkunft lösen kann – auch wenn man eigentlich alles daran ablehnt.

Stilistische Eleganz

Bernemann schildert diese kollektive Verunsicherung multiperspektivisch. Die wechselnden Blickwinkel zeigen, wie Maries Tod eine Dynamik des Misstrauens und der gegenseitigen Beobachtung in Gang setzt. Obwohl es allen darum geht, eine aus den Fugen geratene Normalität wieder zu befrieden, zeitigt das Verhalten der Dorfbewohner gegenläufige Effekte und mündet letztlich in einer Eskalation.

Dennoch unterläuft der Roman gekonnt die schlichte Alternative von Verklärung und Demaskierung. Gromzell ist weder ländliche Idylle noch provinzielle Hölle, sondern ein Ort, in dem die Ambivalenzen geschlossener, traditionsbezogener Gemeinschaften verdichtet zutage treten. Dass das Leben in der Stadt keine unproblematische Alternative dazu darstellt, wird an der gescheiterten Schauspielerin Anna deutlich. Sie entscheidet sich für die Rückkehr ins Dorf, weil sie in Gromzell zumindest eine Rolle spielen kann, die ihr – überzeugend genug verkörpert – soziale Sicherheit gibt. Formal verstärkt die klare, oft lakonische Sprache die Darstellung dieser sozialen Dynamiken und Ambivalenzen.

Bernemann beschreibt das Groteske, Gewaltsame und Ekelerregende mit einer Nüchternheit und stilistischen Eleganz, die an Autoren wie etwa Heinz Strunk erinnert. Mit Gromzell stellt er erneut sein großes literarisches Talent und sein präzises Gespür für die feinen Verschiebungen zwischen Nähe und Aggression unter Beweis – und liefert einen weiteren Beleg dafür, warum sein Werk größere Aufmerksamkeit verdient.

Gromzell Dirk Bernemann Edition W 2026, 173 S., 24 €