Hauptversammlung: Thyssenkrupp-Aktionäre: Kein Stahl-Verkauf „unter Wert“

Auf der Hauptversammlung des Industriekonzerns Thyssenkrupp haben am Freitag in Bochum Aktionärsvertreter davor gewarnt, die Thyssenkrupp-Stahlsparte zu billig an den indischen Konzern Jindal Steel zu verscherbeln. Ingo Speich, der mit der Sparkassen-Tochtergesellschaft Deka Investment eine der größten deutschen Fondsgesellschaften vertritt, forderte: „Verkaufen Sie die Stahlsparte nicht unter Wert!“ Zuvor waren mehrfach Gerüchte aufgekommen, die notorisch Verluste einfahrende Sparte könne nur zu einem negativen Kaufpreis veräußert werden.

Thyssenkrupp verhandelt derzeit mit Jindal über ein unverbindliches, indikatives Kaufangebot, das die Inder im vergangenen Herbst für die Stahlsparte abgegeben hatten. Derzeit läuft ein so genannter Due Diligence Prozess, das heißt, die Interessenten schauen genau in die Bücher von Thyssenkrupp Steel. Thyssenkrupp-Chef Miguel López wollte auf der Hauptversammlung mit Verweis auf die vertraulichen Verhandlungen keine Details zum Stand der Gespräche verraten, auch nicht zum Zeitplan, wann es zu einer Entscheidung kommen könnte. Er sprach lediglich von einem „konstruktiven Austausch“. Wie ein Plan B aussähe, falls ein Verkauf nicht zustande kommt, führte er nicht näher aus.

Thyssenkrupp möchte die Stahlsparte seit langer Zeit verkaufen; Gespräche mit der Holding EP des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky waren zuletzt beendet worden. Seinen 20-Prozent-Einstieg in die Stahlsparte machte Kretinsky wieder rückgängig, als das unverbindliche Angebot der Inder auf dem Tisch lag. Dieses ist nun die einzige verbliebene Angebot.

Knackpunkt Pensionslasten

Marktgerüchten zufolge könnte Jindal bereit sein, die Pensionsverpflichtungen zu übernehmen, die mit rund 2,5 Milliarden Euro auf der Stahlsparte lasten. Die Thyssenkrupp AG müsste dann aber womöglich eine substantielle Mitgift zahlen, damit die Käufer aus Indien das obendrein sanierungsbedürftige Stahlgeschäft unter ihre Fittiche nehmen. Diskutiert werde die Übernahme der Pensionslasten durch Jindal unter der Voraussetzung einer Barmitteleinbringung seitens der Thyssenkrupp AG zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro, zitierte Aktionärsvertreter Speich auf der Hauptversammlung entsprechende Gerüchte. Speich sagte in Vertretung der Deka-Aktionäre: „Wir wünschen uns einen werthaltigeren Deal.“

Er verwies zur Begründung darauf, dass die EU-Kommission erkannt habe, dass die Stahlbranche Unterstützung braucht: „Aufgrund der angedachten ,Safeguards’ und der CO2-Besteuerung ist davon auszugehen, dass der Wettbewerbsdruck durch Importe stark nachlässt und die Auslastung der europäischen Stahlhersteller deutlich steigt.“

In eine ähnliche Richtung ging eine Äußerung von Daniel Voss von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. „Wie stellen Sie sicher, dass bei einem Partnereinstieg die Werte für uns Aktionäre maximiert werden?“, fragte er. López sagte dazu, potentielle Partner würden danach ausgewählt ob sie einen klaren strategischen und operativen Mehrwert böten.

Weiterführung von HKM durch Salzgitter von López favorisiert

Vor den Toren des Bochumer Ruhrcongresses demonstrierten am Freitag mehr als 500 Beschäftigte, darunter viele Mitarbeiter der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM), die sich an diesem Freitag in einem Warnstreik befanden und in Bussen aus Duisburg angereist waren. Thyssenkrupps Stahltochtergesellschaft, der HKM zur Hälfte gehört, möchte das Werk verkaufen oder schließen, die Mitarbeiter hoffen auf einen Sozialtarifvertrag. Eine Lösung der Frage, was mit HKM passiert, zieht sich aber in die Länge, was auch auf den Verkaufsverhandlungen mit den Indern lasten dürfte.

Thyssenkrupps Konkurrent Salzgitter, der 30 Prozent an dem Werk hält, möchte HKM gern in verkleinerter Form fortführen, verlangt aber von Thyssenkrupp einen finanziellen Beitrag zu einer solchen Lösung. Die Höhe dieses Beitrags muss Thyssenkrupp nun abwägen gegen die voraussichtlichen Schließungskosten für HKM, wenn Abfindungen gezahlt und Flächen renaturiert werden müssten.

Bisher konnten sich die Gesellschafter zwar noch nicht einigen. Allerdings sprach sich López auf der Hauptversammlung erstmals für eine Fortführung durch Salzgitter als bevorzugte Variante aus: „Natürlich“ favorisiere Thyssenkrupp eine „Lösung der Zukunftsfähigkeit“ und zwar „unter der Führung von Salzgitter“. Bislang war López zuweilen unterstellt worden, er wolle HKM am liebsten schließen.

Aktionärsvertreter mit „Respekt und Anerkennung“

Mehrere Aktionärsvertreter äußerten sich verglichen mit früheren Hauptversammlungen insgesamt zufriedener mit der Entwicklung von Thyssenkrupp. „Vertrauen ist wieder da, Zuversicht ist zurückgekehrt“, sagte etwa Oliver Vollbrecht von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er zollte López’ Arbeit „Respekt und Anerkennung“ und sagte, man könne angesichts der positiven Entwicklung des Aktienkurses schon fast von einer „Turnaround“-Hauptversammlung sprechen.

Auch Thyssenkrupps Vorstandschef Miguel López selbst sprach von einer „positiven Entwicklung“ im abgelaufenen Geschäftsjahr. Er rechnete vor: „Ein Aktionär, der zur Hauptversammlung vor einem Jahr zwanzig Thyssenkrupp-Aktien besaß, hatte damals mit seinem Aktienpaket einen Börsenwert von 96 Euro. Mit gestrigem Schlusskurs sind allein diese Thyssenkrupp-Aktien 225 Euro wert. Das bedeutet: ein Wertzuwachs von 135 Prozent in zwölf Monaten.“ Zusätzlich habe der Aktionär durch die Abspaltung der Marinesparte (TKMS) für jeweils zwanzig Thyssenkrupp-Aktien eine neue TKMS-Aktie erhalten: „Diese Aktie steht mit gestrigem Schlusskurs bei 96,50 Euro. Rechnet man beides zusammen, ergibt sich ein Wertzuwachs von deutlich über 200 Prozent.“

Volle Auftragsbücher bei TKMS

Thyssenkrupp hatte im vergangenen Jahr einen Minderheitsanteil von 49 Prozent an der Marinesparte abgespalten und an die Börse gebracht. Das mittlerweile unter TKMS firmierende Unternehmen ist nun im M-Dax notiert und prosperiert wegen des derzeitigen Rüstungsbooms. Die Auftragsbücher sind randvoll. Am Freitag gab TKMS eine neue Vertragsunterzeichnung in Oslo bekannt. Die Norwegische Regierung habe TKMS mit dem Bau zweier weiterer 212CD-U-Boote beauftragt; insgesamt kann TKMS nun sechs solcher U-Boote für Norwegen bauen.

Gespalten äußerten sich Aktionärsvertreter hinsichtlich der geplanten Zahlung einer Dividende von 15 Cent je Thyssenkrupp-Aktie. „Thyssenkrupp lebt seit Jahren von seiner Substanz“, sagte Deka-Vertreter Speich: „Damit muss endlich Schluss sein!“ Solange der freie Cashflow so schwach sei, dürfe keine Dividende ausgeschüttet werden. Tatsächlich hatte Thyssenkrupp zwar für das abgelaufene Geschäftsjahr 2024/25 einen kleinen Gewinn vermelden können; das Unternehmen erwartet allerdings – vor allem wegen der teuren Stahl-Sanierung – für das laufende Jahr einen hohen Verlust von 400 bis 800 Millionen Euro.

Auch die Arbeitnehmervertreter auf der Kundgebung kritisierten Thyssenkrupps Pläne zur Zahlung einer Dividende scharf. Obgleich allein die Stahltochtergesellschaft 5000 Stellen streichen und weitere 6000 auslagern möchte, wolle das Unternehmen insgesamt 93 Millionen Euro ausschütten. „Aktionäre first ist der falsche Weg“, rief der zweite Vorsitzende der IG Metall und stellvertretende Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Jürgen Kerner ins Mikrofon. Auch der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssenkrupp, Tekin Nasikkol mahnte auf der Bühne: „Die Aktionäre sind schon durch den Marinebörsengang reichlich bedient worden.“ Er fragte an den Aufsichtsrat gerichtet: „Wie können Sie bloß den Aktionären eine Dividende empfehlen?“

Vorstandsverträge verlängert

Neben der Dividendenkontinuität – auch schon im Vorjahr waren 15 Cent je Aktie gezahlt worden – setzt Thyssenkrupp auch auf personelle Kontinuität und gab am Tag der Hauptversammlung bekannt, die Vorstandsverträge von Ilse Henne und Volkmar Dinstuhl um jeweils fünf Jahre bis Ende 2031 verlängert zu haben. Beide Vorstandsmitglieder kamen im Jahr 2024 in das Gremium; ihre Bestellung drückte damals dem Vernehmen nach Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm mit seiner Doppelstimme gegen den Willen der Arbeitnehmerbank durch. Beide Vorstände gelten als starke Mitstreiter der Linie von Konzernchef López.

Mittlerweile hat sich die IG Metall offenbar mit den neuen Vorstandspersonalien abgefunden. „Wir haben die Vertragsverlängerungen mitgetragen“, sagte Kerner der F.A.Z.. Neue Unruhe im Vorstand sei aktuell kontraproduktiv, vielmehr „müssen wir den Vorstand jetzt in die Pflicht nehmen.“ In den kommenden Umstrukturierungsprozessen müsse „der Mensch im Mittelpunkt“ stehen.