Hauptsitz dieser Währungshüter: Wie sich die Bundesbank unsichtbar macht

Jüngeren muss man inzwischen erklären, welchen Rang die Bundesbank einmal in Deutschland und der Welt hatte, damals, vor dem Euro. Den Namen ihrer Präsidenten kannte noch in den Neunzigerjahren jedes halbwegs wache Schulkind, die bedachtsam gesprochenen Worte der selbstbewusst, aber stets zurückhaltend, fast spitzenbeamtenhaft auftretenden Herren hatten ein enormes politisches und ökonomisches Gewicht.

Sie hüteten die Stabilität der D-Mark, das Symbol für den Wiederaufstieg des Landes; die Deutschen, die so sehr wünschten, in der Welt gemocht zu werden, mit Militärischem nicht mehr viel am Hut, aber das Trauma der Inflation immer noch in den Knochen hatten, verspürten gleichsam kompensatorisch ein wenig Stolz, dass ihr Land international für die Härte seiner Währung gefürchtet war.

Die Standortwahl für den Hauptsitz der Bundesbank am nordwestlichen Stadtrand von Frankfurt markierte den Anspruch auf Unabhängigkeit, gegenüber der Politik genauso wie gegenüber den Geschäftsbanken in der westlichen City, zu denen man bewusst auf Abstand blieb. Und auch die Architektur des Frankfurter Büros ABB – damals der Platzhirsch in der Stadt – strahlte den unbedingten Willen zu Solidität und Stabilität wider. Die Fassade der 54 Meter hohen und 220 Meter breiten Scheibe war in (natürlich sehr hochwertigem) Beton gehalten.

Das Gebäude ist raffinierter gestaltet, als es auf den ersten Blick scheint. Es wird von Aufzugsschächten in einen Haupt- und zwei Nebenflügel gegliedert, der Mitteltrakt ist durch ein Staffelgeschoss wie eine Art Frontispiz akzentuiert – ein ferner Anklang an die Architektur von Schlössern und somit dezentes Zeichen für den eigenen Souveränitätsanspruch. Der Hauptsitz wurde 1972 fertiggestellt, im letzten Jahr des Wirtschaftswunders, das 1973 mit der Ölkrise sein Ende fand. Es begann eine Zeit, die für die Bundesbank neue Herausforderungen mit sich brachte, die sie mit Bravour bestehen sollte.

Von der Zentrale der Deutschen Bundesbank ging der kontrollierende Blick auf die Skyline der Geschäftsbanken. Mit dem Aufstieg der EZB (links im Bild) war der Bedeutungsverlust der Bundesbank verbunden.
Von der Zentrale der Deutschen Bundesbank ging der kontrollierende Blick auf die Skyline der Geschäftsbanken. Mit dem Aufstieg der EZB (links im Bild) war der Bedeutungsverlust der Bundesbank verbunden.Bundesbank

Das alles ist nun endgültig Vergangenheit. Am Dienstag hat der Vorstand der Bundesbank mitgeteilt, man werde den gut fünfzig Jahre lang genutzten, inzwischen denkmalgeschützten Hauptsitz aufgeben. Schon vor einiger Zeit war man ausgezogen, die Sanierungsarbeiten, die Mitte der Dreißigerjahre abgeschlossen sein sollten, begannen. Doch angesichts der auf 1,9 Milliarden Euro angestiegenen Kosten hat man jetzt die Notbremse gezogen; die Summe war der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln.

Dabei war das Projekt schon 2023 dramatisch zusammengestrichen worden. Nach der Pandemie hatte die Bundesbank mitgeteilt, künftig mit 40 Prozent weniger Bürofläche auszukommen. Damit war der im Juli 2020 entschiedene Wettbewerb hinfällig, den das Schweizer Büro Morger Partner Architekten gewonnen hatte. Ein ganzer Campus sollte entstehen, die Bürofläche deutlich zunehmen. Der Siegerentwurf sah den Bau von drei Hochhäusern mit einer feingliedrigen Fassade vor. Es war eine deutliche Reminiszenz an die Architektur Egon Eiermanns, des führenden westdeutschen Architekten der Sechzigerjahre. Mit dieser Entscheidung drängte sich der Verdacht auf, die Bundesbank sehne sich nach der guten alten Zeit zurück, als sie noch nicht im Schatten der EZB stand.

Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Inzwischen kennt jedes Kind den Namen der EZB-Präsidentin, Christine Lagarde residiert in dem auf spektakuläre Fernwirkung kalkulierten Eurotower im Ostend. Sein peripherer Standort wurde zwar noch in Anlehnung an die Entscheidung der Bundesbank an der Peripherie gewählt, die in sich verdrehte Gestalt steht dagegen für die heute wirkenden Kräfte auf den Kapitalmärkten.

Kunstsinnig war die Bundesbank auch: Blick in den Vasarely-Saal, der als Speisesaal genutzt wurde. Die Aufnahme entstand 2017.
Kunstsinnig war die Bundesbank auch: Blick in den Vasarely-Saal, der als Speisesaal genutzt wurde. Die Aufnahme entstand 2017.Frank Röth

Dass das einstige Bundesbankgebäude künftig als Sitz der Europäischen Schule dienen soll, die überwiegend von Kindern von EZB-Mitarbeitern besucht wird, ist von beinahe aufdringlicher Symbolik. Die in ihrer Bedeutung geschrumpfte Bundesbank dagegen wird ihr Quartier nun zwischen den Geschäftsbanken im Bankenviertel im Zentrum der Stadt beziehen, wo sie derzeit schon ein Interim belegt.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat sogar ausdrücklich hervorgehoben, dass es sich bei dem noch zu erwerbenden neuen Hauptsitz nicht um ein repräsentatives Gebäude handeln müsse. Selbst als Steuerzahler möchte man so viel Bereitschaft zur Selbstverkleinerung nicht gutheißen. In­sti­tu­tionen, die für zentrale Funktionen des Staates stehen, müssen das auch in ihren Bauten zur Geltung bringen. Das Geldmuseum soll übrigens mit in die Innenstadt ziehen.

Source: faz.net