Harvard-Professor Sven Beckert: Der Kapitalismus ist 800 Jahre älter, wie viele denken
Auf 1.200 Seiten erzählt Harvard-Professor Sven Beckert von einer Wirtschaftsordnung, in der die meisten Menschen leben wie Fische im Wasser – ohne sie recht wahrzunehmen oder sich Alternativen zu ihr vorstellen zu können.
Sein Buch Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution entstand, sagt Sven Beckert, „auch aus einer tiefen Frustration heraus, dass so viele der Geschichten, die uns über den Kapitalismus dargeboten werden, unvollständig und manchmal schlichtweg falsch sind“.
der Freitag: Herr Beckert, im Sozialkundeunterricht beginnt der Kapitalismus oft mit der Erfindung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts in Großbritannien. Ihre Globalgeschichte des Kapitalismus beginnt im 12. Jahrhundert in der jemenitischen Hafenstadt Aden. Warum?
Sven Beckert: Die meisten Geschichten des Kapitalismus ignorieren fast alle Menschen auf dem Planeten Erde. Sie beginnen in Europa und erzählen den Kapitalismus als eine Geschichte der Industrie. Beides halte ich für falsch. Der Kapitalismus kann von Anfang an nur aus globaler Perspektive verstanden werden. Er ist global auf die Welt gekommen. Und die Logik des Kapitalismus wurde zu Beginn nicht von Industriellen, sondern von Kaufleuten personifiziert.
Was meinen Sie mit Logik?
Der Einsatz von Kapital, um damit mehr Kapital zu erwirtschaften. Ich halte mich an diese Minimaldefinition, die die verschiedensten Ausprägungen des Kapitalismus umfasst. Das Leben auf Barbados im Jahr 1750 war fundamental anders als das Leben im Ruhrgebiet der 1960er Jahre. Aber kapitalistisch waren beide Gesellschaften. Ich versuche im Buch genau diese Gesamtheit des Kapitalismus zu erfassen, mit all seiner großen Vielfalt und all seinen Veränderungen über die Jahrhunderte.
Wenn es schon um 1100 Kapitalisten gab, fristeten diese allerdings über Jahrhunderte ein Nischendasein neben der Subsistenz- und Feudalwirtschaft.
Das stimmt, es gab da schon Kapitalisten – aber eben noch keinen Kapitalismus. Kaufleute konnten zwar sagenhaft reich werden, wurden aber auch oft gesellschaftlich geächtet. Durch Investitionen Kapital zu vermehren, statt mit eigener Hände Arbeit Produkte zu erschaffen, galt in vielen Gesellschaften als unmoralisch.
Die Insel Barbados war eine der ersten völlig kapitalistisch organisierten Gesellschaften der Weltgeschichte
Wann begann der Kapitalismus zur global dominanten Wirtschaftsordnung zu werden?
Ende des 15. und dann vor allem im 16. Jahrhundert begannen europäische Kaufleute, nicht nur in den Handel, sondern auch in die landwirtschaftliche Produktion zu investieren. Dabei waren sie massiven Widerständen ausgesetzt. Bauern, Feudalherren oder Klöster widersetzten sich der neuen Logik. Aber das Kapital fand einen Ort, wo solche Widerstände schwächer waren.
Sie sprechen von Amerika.
Genau. Zur Kolonisierung der Neuen Welt verbündeten sich die europäischen Staaten und das Handelskapital. Ich erzähle das am Beispiel der Insel Barbados, einer der ersten völlig kapitalistisch organisierten Gesellschaften der Weltgeschichte. Englische Siedler rodeten den Urwald von Küste zu Küste. Sie führten privaten Landbesitz ein, legten Zuckerrohrplantagen an, importierten versklavte Afrikaner und verkauften den gewonnenen Zucker auf globalen Märkten. Das zeigt: Zur Expansion des Kapitalismus mussten Staat und Kapital zusammenkommen. Sie stehen keinesfalls im Gegensatz zueinander, wie oft behauptet wird.
Das heißt, der Kapitalismus war auf den staatlich organisierten Kolonialismus angewiesen?
Auf einer rein abstrakten Ebene kann Kapitalismus natürlich ohne Kolonialismus funktionieren. Aber im historischen Kontext war der Durchbruch des real existierenden Kapitalismus stark mit kolonialer Expansion und Sklaverei verbunden. Diese Geschichte erzählt das Buch, nicht die einer Abstraktion.
Die Idee, dass der Kapitalismus uns notwendigerweise in eine demokratische Gesellschaft führt, ist falsch
Tatsächlich überlebte der Kapitalismus den Zusammenbruch der Kolonialreiche genauso wie die Abschaffung der Sklaverei.
Ja, hier findet im 19. Jahrhundert ein Paradigmenwechsel statt. Wo vorher Sklaven auf Märkten gehandelt wurden, bieten nun freie Lohnarbeiter ihre Arbeitskraft auf dem Markt an. Wobei auch die Lohnarbeit nicht gewaltfrei in die Welt gekommen ist. Die ersten großen Fabriken in England und Schottland fanden Lohnarbeiter auch, weil Landbesitzer die bisherige Subsistenzwirtschaft auf dem Lande unmöglich machten, etwa indem sie Ländereien zu Schafweiden umwandelten. Der Staat erklärt das Herumziehen landloser Arbeiter dann zu Vagabundentum und macht es illegal. Um zu überleben, mussten vor allem Frauen und Kinder in den Fabriken arbeiten. Die Menschen hatten riesige Angst vor den Fabriken. Sie hielten sie für Monster, die sie auffressen.
Nicht ganz unbegründet mit Blick auf die Arbeitsbedingungen. Trotzdem gibt es auch eine andere Geschichte über den Kapitalismus: die, dass er Freiheit, Wohlstand und Demokratie in die Welt gebracht hat.
Das stimmt, über nichts lässt sich so gut streiten wie über den Kapitalismus. Die Debatte ist oft hochgradig ideologisch, Nuancen gehen verloren. Ja, der Kapitalismus hat unfassbare Produktionssprünge und unglaublich viel Wohlstand geschaffen. Gleichzeitig konnte er nur äußerst gewaltvoll durchgesetzt werden. Beides schließt sich nicht aus. Auf jeden Fall aber ist der Kapitalismus nicht die naturgegebene Selbstverständlichkeit, als die er heute oft gesehen wird. Sondern eine radikale Abkehr von der vorangegangenen Menschheitsgeschichte. Wir müssen ihn verstehen, da er unser Leben und unsere Welt heute mehr beeinflusst als jeder andere Prozess des letzten Jahrtausends.
Wohlstand, Reichtum und damit Macht konzentrieren sich immer stärker auf eine winzige Gruppe von Menschen
Hat der Kapitalismus den Weg für die Entstehung der liberalen Demokratie geebnet?
Da ist etwas dran. Historisch sehen wir die Entstehung liberal-demokratischer Gesellschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts, parallel mit der Entfaltung des Kapitalismus. Aber die Idee, dass der Kapitalismus uns notwendigerweise in eine demokratische Gesellschaft führt, ist falsch. Er kann genauso gut auch in monarchischen, autoritären oder faschistischen Systemen blühen, wie wir es historisch auch beobachten können.
Blickt man aktuell auf die USA, scheint der Kapitalismus tatsächlich ganz gut ohne Demokratie auszukommen.
Dabei haben die beiden lange gut koexistiert, gerade in der keynesianisch geprägten Zeit zwischen der Weltwirtschaftskrise 1929 und den 1970ern. Staatliche Umverteilung nach unten sorgte für ausreichend Nachfrage und dafür, dass die massiven Produktivitätsgewinne der Zeit in westlichen Gesellschaften vielen Menschen zugutekamen. Inzwischen beobachten wir aber, dass sich Wohlstand und Reichtum immer stärker auf eine winzige Gruppe von Menschen konzentrieren, und damit auch Macht.
Zerstört Kapitalismus die Grundlagen der Demokratie?
In seiner aktuellen Form, vor allem in den USA, untergräbt er die Demokratie zumindest massiv.
Der Kapitalismus ist undogmatisch und kann ganz verschiedene Formen annehmen. Vieles deutet darauf hin, dass die seit den 1970ern dominante, neoliberale Formation an ihre Grenzen stößt
Andersherum greift die Politik gerade massiv in die Funktionsweise des globalen Kapitalismus ein. Grundsätze von freiem Handel und unregulierten Märkten werden aufgegeben, geostrategisches Denken nimmt zu.
Der Kapitalismus an sich ist davon aber nicht bedroht. Diese Entwicklungen illustrieren gut eine zentrale These meines Buches: Der Kapitalismus ist undogmatisch und kann ganz verschiedene Formen annehmen. Vieles deutet darauf hin, dass die seit den 1970er Jahren dominante, neoliberale Formation an ihre Grenzen stößt. Der Kapitalismus selbst endet damit aber nicht. Auch schon während der Zweiten Industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine riesige soziale Ungleichheit, Industrieunternehmen mit Quasi-Monopolstellung und eine mächtige Koalition von Unternehmern und Staat.
Sie diagnostizieren nicht das Ende des Kapitalismus, sondern das Ende des Neoliberalismus?
Genau. Diese Phase war nun rund 50 Jahre lang relativ stabil. Und wie alle Phasen des Kapitalismus verstand sich auch diese als der natürliche Endpunkt einer langen Entwicklung. Denken Sie nur an das Buch Das Ende der Geschichte des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama oder Margaret Thatchers Bonmot: „There is no alternative.“ Jetzt sehen wir plötzlich, dass dieses Regime doch nicht so stabil ist, und bei vielen Beobachtern hinterlässt das das Gefühl des Schleudertraumas. Dabei zeigt ein nüchterner Blick in die Geschichte, dass rapider Wandel im Kapitalismus ganz gewöhnlich ist.
Alle bisherigen Wirtschaftsformen der Menschheit hatten einen Anfang und ein Ende. Warum sollte der Kapitalismus eine Ausnahme sein?
Wie wird die nächste Phase des Kapitalismus aussehen?
Sie wird sicherlich weiter Züge des alten, neoliberalen Regimes tragen. Alles Weitere ist noch weitgehend unklar – und damit formbar. 1930 gab es zwei verschiedene Perspektiven für den Kapitalismus: die angloamerikanisch-liberale und die deutsch-italienische, faschistische Variante. Erst als sich die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete, war klar, welche sich durchsetzen würde.
Und auch heute sehen Sie zwei mögliche Perspektiven?
Gerade scheint ein autoritärer Staatskapitalismus im Aufwind zu sein, der ein Tabu des neoliberalen Kapitalismus aufbricht: Er will den Markt politisch einhegen. Trump zeigt mit seinen Annexionsträumen bezüglich Kanada und Grönland die Möglichkeit eines neuen Kolonialismus. Das Ende des neoliberalen Tabus eröffnet aber zugleich andere Perspektiven: Man kann den Markt auch so gestalten, dass er das Problem der sozialen und globalen Ungleichheit angeht und die ökologische Krise bekämpft. Mächtige politische Interventionen werden wieder legitim.
Könnte der Kapitalismus einmal ganz verschwinden?
Das Ende des Kapitalismus wird nun seit 200 Jahren vorhergesagt, stattdessen wurde er immer dynamischer. Insofern würde ich mich sehr zurückhalten, sein baldiges Ende zu prognostizieren. Trotzdem zeigt die Geschichte, dass alle bisherigen Wirtschaftsformen der Menschheit einen Anfang und ein Ende haben. Ich sehe nicht, warum der Kapitalismus da eine Ausnahme sein sollte.
Sven Beckert studierte Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften an der Universität Hamburg und an der Columbia University in New York. Seit 2008 ist er Professor für Geschichte an der Harvard University in Massachusetts, wo er Kurse zum amerikanischen 19. Jahrhundert sowie zur Globalgeschichte des Kapitalismus gibt. 2025 erschien sein Buch Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution bei Rowohlt.