Hanna Schygulla: Mein Schamgefühl, germanisch zu sein
Diesen Text las die Schauspielerin Hanna Schygulla am 9. November zur Sondereröffnung
der Galerie Mond in Berlin. Sie hatte ihn wenige Tage zuvor geschrieben – in Erinnerung an die Befreiung des KZ Buchenwald.
Im Jahr 1954, ich war elf Jahre, erfuhr ich das erste Mal von Buchenwald. Wir waren zu zweit. Ich und die gleichaltrige kleine Tochter des Oberschulrektors, in dessen Wohnzimmer der Fernseher stand – damals noch keine Normalität in jedem Haushalt. Über diesen Bildschirm flimmerten also wahrscheinlich in einer Sendung über die Bundesrepublik Deutschland und ihre Nazivergangenheit Bilder von Buchenwald. Und da weiß ich nicht, was ich sagen soll. Dann denke ich: So etwas haben die Deutschen getan? So etwas haben wir Deutsche getan? Nach dem Erschrecken kam auch eine Art von Schamgefühl hoch, das Schamgefühl, deutsch zu sein. Und ein betretenes Schweigen – nur kein Wort drüber verlieren. Jetzt nicht und auch später nicht. Und auch nicht noch später. Und schon gar nicht bei mir zu Hause.