Handelsvertrag: Wer profitiert vom Mercosur-Abkommen – und wer verliert?

An großen Worten mangelt es nicht. „Die Zustimmung des EU-Rats zum Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten ist ein Meilenstein“, lobt der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Konzerns, Roland Busch, die jüngste Entscheidung: „Die jetzt entstehende größte Freihandelszone der Welt ist eine Win-win-Situation für alle und wird viele neue Chancen für die Menschen in Deutschland, Europa und Südamerika bieten.“ Solche Äußerungen waren in den vergangenen Tagen von vielen Politikern und Managern in Europa zu hören. Sie sind verbunden mit der Hoffnung, dem vor allem von den USA vorangetriebenen Niedergang der alten Weltordnung und des freien Welthandels endlich etwas entgegensetzen zu können. Doch es gibt auch scharfe Kritik von vermeintlichen Verlierern.

Während der amerikanische Präsident Donald Trump neue Zölle im Streit um Grönland ankündigte, haben EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa in Asunción, der Hauptstadt von Paraguay, das Handels- und Investitionsabkommen mit den vier Mercosur-Gründungsmitgliedern Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay unterzeichnet. Dieser Schritt gilt als Meilenstein der Ratifizierung. Befürworter des Abkommens sind optimistisch, dass die abschließende Ratifizierung durch die Parlamente der Südamerikaner und das Europaparlament trotz Widerstands erfolgen werden.

Dadurch entsteht mit rund 750 Millionen Menschen die größte Freihandelszone der Welt, in der für 91 Prozent aller gehandelten Waren die Zölle schrittweise entfallen sollen. In den mehr als 25 Jahre dauernden Verhandlungen sind zahlreiche Schutz- und Übergangsbestimmungen in das Abkommen aufgenommen worden, aus Furcht vor Verwerfungen.

Maschinen- und Autobau sowie Ernäh­rungs­indus­trie als Gewinner

Vielen gilt Deutschlands Exportwirtschaft als großer Profiteur. Schon heute exportieren mehr als 12.000 deutsche Betriebe in die vier südamerikanischen Staaten. Vom Abbau der Handelsschranken würden vor allem der Maschinen- und der Autobau, aber auch die Ernäh­rungs­indus­trie profitieren. Laut EU-Statistikbehörde belief sich die Ausfuhr der EU in diese Region im Jahr 2024 auf 53 Milliarden Euro; im Gegenzug wurden von dort Waren und Dienstleistungen für 57 Milliarden Euro in die EU eingeführt.

Zu den lautstarken Befürwortern der Freihandelszone gehört die gebeutelte deutsche Automobilindustrie, auch wenn sich die Vorteile nicht sofort erschließen. Denn deutsche und europäische Autokonzerne betreiben schon große Auto­fa­bri­ken in Brasilien und Argentinien. 2024 wurden dort von deutschen Konzernen 524.000 Personenwagen gebaut, aber nur 25.700 Autos von Deutschland nach Südamerika exportiert.

Dennoch erwartet der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) zusätzliche Wachstumschancen, weil die Zollsätze für die Einfuhr nach Südamerika bisher ziemlich hoch lagen – bis zu 35 Prozent auf Autos und 14 bis 18 Prozent auf Autoteile. Für die Produktion in Südamerika könnte künftig die Lieferung von Autoteilen attraktiver werden. Zudem scheint es einfacher, mehr hochwertige und teure Nischenprodukte aus Deutschland nach Südamerika zu liefern, die nicht zur preiswerteren Massenware aus argentinischer und brasilianischer Produktion gehören.

Hoffnung auf Wachstum

„Automärkte wie Brasilien und Argentinien haben sehr viel Potential, doch andererseits ist etwa Brasilien auch bekannt als das Land der enttäuschten Hoffnungen, wo viel investiert wurde, immer wieder neue Programme aufgelegt wurden und dann nicht viel herauskam“, sagt Henner Lehne, Chef der Autosparte von S&P Global Mobility. In Südamerika produziert Volkswagen seit 1953, daneben auch Stellantis, Renault und BMW, Mercedes hat sich zurückgezogen. Südamerika könnte für die europäischen Autokonzerne zu einem Standort werden, von dem aus die Europäer künftig die verbliebenen Märkte für Verbrennerautos bedienen, sagt Lehne. Um Südamerika, vor allem Brasilien, buhlt aber auch China, inzwischen mit einem Marktanteil von zehn Prozent.

Auch andere Branchen sehen Wachstumspotentiale. „Für die Elektro- und Digitalindustrie eröffnet das EU-Mercosur-Abkommen konkrete Chancen in einem Markt mit rund 280 Millionen Menschen und einem Elektromarktvolumen von über 90 Milliarden Euro – vergleichbar mit Großbritannien.“ Die Mercosur-Staaten seien Nettoimporteure von Elektro- und Digitaltechnik, sagt der Verband ZVEI. Gerade für hochwertige Investitionsgüter, Energie-, Automatisierungs- und Digitalisierungslösungen aus Europa bestehe erhebliches Absatzpotentiale.

Die Pharmabranche darf ebenfalls hoffen. Nach Zahlen der Vereinten Nationen ist Deutschland nach den USA der wichtigste Arzneimittellieferant für Lateinamerika. Im Jahr 2024 betrug der Wert der deutschen Einfuhren rund 2,3 Milliarden US-Dollar – von mehr als 120 Milliarden US-Dollar, die deutsche Pharmaunternehmen insgesamt jedes Jahr exportieren. Die Nachfrage nach hochwertigen Medikamenten steigt zudem – getrieben durch eine wachsende Mittelschicht und alternde Bevölkerungen in Südamerika. Besonders Mittel gegen chronische Erkrankungen, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen dürften nach Einschätzung des Branchenverbands Pharma Deutschland mehr nachgefragt werden.

Forderung nach Nachverhandlungen

„Gerade jetzt ist besonders wichtig, die Abhängigkeit Europas bei Arzneimitteln von China und Indien zu verringern”, sagt Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland. Begrenzt blieben die Möglichkeiten allerdings für öffentliche Aufträge. Einen freien Zugang sieht das Abkommen nicht vor. So bevorzugen gerade Brasilien und Argentinien für Arzneimittel lokale Produzenten.

Als entscheidendes Kriterium für den Erfolg des Handelsabkommens nennt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, dass es „ausgewogen, tragfähig und an europäischen Standards ausgerichtet“ sei. Gerade das ist aber ein Knackpunkt. So beschäftigen die Unternehmen unterschiedliche Zulassungsverfahren, regulatorische Anforderungen oder Fragen des Patentschutzes sowie der Preisgestaltung. Vor allem im Patentschutz hoffen die Pharmaunternehmen, dass die EU noch nachverhandelt.

Auch das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim bemängelt: „Wichtige Regelungen wie der Schutz regulatorischer Daten und Regelungen zum Patentschutz fehlen. Dies ist besonders relevant, da Brasilien zu den Top-zehn-Ländern für die Teilnahme an klinischen Studien von Boehringer gehört.“

Merck: „nicht perfekt“, aber ein „wichtiges Si­gnal“

Das Dax-Unternehmen Merck, das im Jahr 2024 in Südamerika einen Umsatz von rund 1,5 Milliarden Euro erzielte, nennt das Mercosur-Abkommen „nicht perfekt“, dennoch aber ein „wichtiges Si­gnal“ in einer Zeit, in der Handelsbarrieren und Protektionismus zunähmen. „Freihandel ist der Schlüssel zur weltweiten Weiterentwicklung von Technologien, zur Entwicklung neuer Medikamente und zur Ernährung einer wachsenden Bevölkerung”, sagt Konzernchefin Belén Garijo.

Zu den potentiellen Nutznießern des Abkommens zählt auch der Maschinen- und Anlagenbau. Zwar gehören Maschinen und Anlagen schon heute zu den wichtigsten Exportgütern der EU in die Länder des Mercosur und machten 2024 nach Zahlen des europäischen Statistik-Amts Eurostat 21,5 Prozent der gesamten EU-Exporte dorthin aus, aber die Vorteile dürften sich nach und nach in Exportzahlen niederschlagen. Vorgesehen ist ein Zollabbau für 95 Prozent aller Maschinenbauprodukte, die vereinbarten Zollabbauperioden betragen aber zehn bis 15 Jahre. Allerdings fanden sich auf mehrere Anfragen der F.A.Z. keine Unternehmen, die dazu Stellung beziehen wollten.

Für viele der angefragten Unternehmen spielt das Geschäft mit den Mercosur-Ländern bislang eine untergeordnete Rolle – gerade deshalb ist womöglich noch Luft nach oben. Siemens etwa macht derzeit etwas mehr als eine Milliarde Euro Umsatz in der Region bei einem Gesamtumsatz von 80 Milliarden Euro. Auch für den Stahlbereich von Thyssenkrupp sei das direkte Im- und Exportgeschäft mit der Mercosur-Region „mengenmäßig von untergeordneter Bedeutung“. Hier blickt man ebenfalls wohlwollend auf das Abkommen: „Indirekt können sich positive Impulse ergeben, etwa durch belebende Effekte in nachgelagerten Industrien wie dem Automobilsektor und dem Maschinen- und Anlagenbau“, sagt ein Sprecher.

Südzucker sieht sich als Verlierer

Der Halbleiterhersteller Infineon erwartet keine kurzfristigen Auswirkungen angesichts eines Anteils des interregionalen Handelsvolumens von weniger als einem Prozent am Weltmarkt. Dagegen macht der Duftstoffhersteller Symrise schon ein Sechstel des Umsatzes mit Lateinamerika und bezieht wichtige Rohstoffe wie Nüsse oder Samen aus Brasiliens Urwäldern.

Doch es gibt auch Branchen, die sich als klare Verlierer sehen. Mögliche Importsteigerungen durch den größten Zuckerproduzenten der Welt, Brasilien, bereiten etwa der Südzucker AG Kopfzerbrechen. Die Mannheimer sind Europas Branchenführer. Das Kerngeschäft des Konzerns mit Zucker, an dem 27.000 Rübenbauern in Europa hängen, ist etwa aufgrund veränderten Konsumverhaltens heute schon defizitär. Der Vorstand klagt, dass nun trotz der schwierigen Lage zusätzliche zollfreie Zuckermengen über Importe auf den EU-Binnenmarkt drängten, „die teilweise unter niedrigeren Sozial- und Umweltstandards und damit geringeren Kosten produziert werden“. Nach Angaben des Unternehmens dürfen über das Mercosur-Abkommen weitere 180.000 Tonnen Zucker aus Brasilien und 10.000 aus Paraguay zollfrei eingeführt werden.

Auch die Rindfleischbranche gilt angesichts eines vermeintlich schärferen Wettbewerbs mit Steaks aus Argentinien und Brasilien landläufig als Verlierer. Doch Steffen Reiter vom Verband der Fleischwirtschaft sieht keine Gefahr, dass die Einfuhr außer Kontrolle gerät. „Ein erheblicher Teil der neuen Kontingente ersetzt bestehende Einfuhr, die bereits heute zum vollen Zoll in die EU gelangen.“ Mehrjährige Stufenpläne sorgten für eine angemessene Anpassung. Überraschend: Laut Reiter liegt der Fleischimport aus Südamerika heute deutlich unter früheren Mengen. In der Landwirtschaft hat das Mercosur-Abkommen dennoch nicht viele Freunde. Gerade in Ostdeutschland, wo die Flächen der Betriebe im Durchschnitt zwar deutlich größer als im Westen sind, die Probleme deshalb aber nicht geringer, gab es in den vergangenen Wochen zum Teil wütende Proteste.

Bauernverband: Kein Mercosur ist auch keine Lösung

Henrik Wendorff, der Präsident des Landesbauernverbands Brandenburg, verweist aber auf hausgemachte Probleme: „Wer denkt, wenn wir Mercosur wegbekommen, ist die Welt wieder in Ordnung, funktioniert das so nicht. Wir müssen vielmehr die strukturellen Probleme in Deutschland lösen, damit wir wieder eine stärkere Position im Handel haben.“ Seit 2015 ist die Zahl der Rinder in Brandenburg auch ohne Handelsabkommen um ein Viertel gesunken, die Zuckerrübenflächen schrumpften um 14 Prozent.

Egal, in welche Richtung die Warenströme fließen – die deutschen Seehäfen profitieren immer. Die Rindersteaks aus Argentinien sieht man bildlich in Hamburg als zentraler Drehscheibe für Lebensmittelimporte schon vor Augen, ebenso Shrimps, Sojabohnen, Kaffee, Avocados, Ananas. All das sind wichtige Importgüter, die in großen Mengen mit Schiffen der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd aus Südamerika in Richtung Europa transportiert werden. Das Mercosur-Abkommen wird diesen Geschäften zusätzlich Schub geben. „Wir erwarten, dass die Mengen wachsen werden“, erklärt ein Sprecher der Reederei.

Dabei handelt es sich tendenziell um ein sehr rentables Geschäft, denn viele Agrargüter erfordern eine durchgängige Kühlung, was gut bezahlt wird. 15 bis 20 Prozent der gesamten Ladungsmenge von Hapag-Lloyd entfällt auf den Lateinamerika-Verkehr. Das betrifft aber nicht nur Europa, sondern auch die Verbindungen nach Nordamerika oder von der Pazifikküste Richtung Asien. Die starke Position des Hamburger Unternehmens in Lateinamerika ist auch die Folge der Fusion mit dem chilenischen Konkurrenten Compañía Sud Americana de Vapores 2014.