„Hamlet“ ohne Hamlet pro die Gen Z

Und zur Traumatherapie fassen sich alle an den Händen: In Freiburg stutzt Julia Rieder, Schauspielerin des Jahres, als Regiedebütantin ihren „Hamlet“ auf TikTok- statt Reclam-Maß. Dabei vergisst sie nicht nur den Helden.

Es ist ein „Hamlet“ der Überraschungen, den Julia Riedler am Theater Freiburg auf die Bühne bringt. Es ist das Regiedebüt der 1990 in Salzburg geborenen Schauspielerin, die sich mit ihrem interaktiven Solo „Fräulein Else“ in die Herzen des Publikums und der Kritik gespielt hat. Die Fachzeitschrift „Theater heute“ wählte Riedler prompt zur Schauspielerin des Jahres – aktuell ist der von Leonie Böhm frei nach Arthur Schnitzler inszenierte Abend in Wien, München und Köln zu sehen und zusätzlich auch im Mai beim Theatertreffen in Berlin. Jetzt begibt sich Riedler auch in die Gefilde der Regie. Und zwar direkt mit Shakespeares „Hamlet“ – dem Klassiker der Klassiker, wenn man so will.

Zu den Überraschungen gehört, dass Riedler eigentlich einen „Hamlet“ ohne Hamlet macht. Sie lässt das Stück nämlich von Horatio, dem Überlebenden, erzählen. Der hat vom sterbenden Dänenprinzen den Auftrag erhalten, dessen Sache den Zweifelnden, wie Jürgen Gosch und Angela Schanelec in der verwendeten Fassung „the unsatisfied“ übersetzt haben, zu erklären. Nadine Geyersbach als Horatio verwickelt die zweifelnden Zuschauer in ein Zwiegespräch über die fatalen Vorkommnisse am dänischen Hof, die bekanntlich zu allerhand Totschlag, Mord und Selbstmord geführt haben. Die Geister der Toten – von Rosenkranz, Güldenstern und Ophelia – verfolgen Horatio noch immer.

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Auf geht’s im Folgenden zur theatralen Geisteraustreibung! Gelingt der Schlussstrich unter die Vergangenheit? Das Publikum, von Horatio animiert, fasst sich zum Allyship-Schwur für Horatios Traumatherapie an den Händen. Und so beginnt die Erzählung, die nach knapp einer halben Stunde mit erlöschendem Saallicht in die Wiederaufführung kippt – unterstützt von Emma Petzet, Urs Peter Halter und Hale Richter als Geister, die in die Rollen von Claudius, Gertrud und Polonius schlüpfen. Das ist nach dem Einstieg eine weitere Überraschung: Mit nur vier Schauspielern in acht Rollen (Marcellus und Bernardo werden spontan im Saal gecastet) wird das Drama auf ein Gerüst reduziert.

Mit knapp unter zwei Stunden Spieldauer orientiert sich Riedlers „Hamlet“ eher an der Aufmerksamkeitsspanne der Generation TikTok als der Generation Reclam-Heft. Es geht bunt zu. Das Ensemble singt zur Auflockerung den einen oder anderen Popsong zwischendrin. Die berühmte „Mausefalle“, das Stück im Stück, wird als Zaubertrick „Zersägte Jungfrau“ mit Motorsäge dargeboten. Doch auf die Dauer löst sich die zusätzliche Erzählebene, die das dänische Kettensägenmassaker zum Stück-im-Stück-im-Stück werden lässt, nicht ein. Da fällt selbst der trotzigen Ophelia nur noch „6-7“ als Kommentar zum Ganzen ein. Dänemark, Hamlet, Liebe? Ist doch irgendwie auch egal.

Sein oder Nichtsein, was ist denn das für eine beschissene Frage?!

Ist das ein Abend für und über die Gen Z? Am Ende, als die Geister mit Horatio-Fan-Shirts – Hamlet ist echt out! – auftauchen, scheint man den ganzen alten Boomer-Mist endlich hinter sich gelassen und das Projekt „Unlearning Hamlet“ erfolgreich absolviert zu haben. „Sein oder Nichtsein, was ist denn das für eine beschissene Frage?!“, ruft Horatio an einer Stelle aus, bevor man am Ende mit eingängigen Selfcare-Botschaften entlassen wird: Es ist dein Leben, pass auf es auf. With a little help from your friends. Als ob man „Hamlet“ in die Freiburger Innenstadt verpflanzen würde, irgendwo zwischen Selbstwirksamkeitsseminaren und Familienaufstellung gegen negative Denkmuster.

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Wenn man sich im Kontrast noch einmal in Erinnerung ruft, wie Frank Castorf vor einem halben Jahr seinen Hamburger Hamlet über sechs Stunden von den Gespenstern vergangener politischer Systeme verfolgt durch die Ruinen von Europa jagte, so fällt der Unterschied zum posttragischen Gestus von Riedler umso schärfer ins Auge. Das hat auch damit zu tun, dass zwar klar wird, dass Hamlet und sein Umfeld problematische Verhaltensweisen kultivieren, der sonstige politische und soziale Hintergrund aber so farblos und unbestimmt bleibt wie die grauen Bühnenbildlappen von Stefan Britze, allein die Spieler dürfen in den Kostümen von Sophie Reble zumindest ein bisschen glänzen.

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Wie der Literaturwissenschaftler und Philosoph Anselm Haverkamp kürzlich in seinem Buch „Shakespeare mit Hegel“ argumentiert hat, ist in Shakespeares Dramen gerade der Hintergrund das Entscheidende. Kein „Othello“ ohne die Seeschlacht von Lepanto und die Verstrickung der Republik Venedig in den Sklavenhandel übers Mittelmeer. Und kein „Hamlet“ ohne die „Unruhen in Norwegen“, wie es in Goethes „Wilhelm Meister“ heißt, und Hamlets Doppelgänger Fortinbras, der in Freiburg fehlt. Und dabei ist es nicht so, als würde davon gar nichts auftauchen. Da heißt es beispielsweise: „Warum wird Tag für Tag Geschütz gegossen und in der Fremde Kriegsgerät gekauft?“, was aufs Heute passt wie die Abfangrakete zur Drohne in den Kriegen dieser Welt. Nur was folgt daraus?

So ist das Überraschendste des Freiburger „Hamlet“, wie wenig der Abend mit seinem Titelhelden zu tun haben möchte und wie sehr seine Sympathie Horatio gehört, dem Überlebenden und Zeugen. Das lässt sich als Absage an das Gebaren von Hamlet und seiner Sippe verstehen, als Kritik des männlichen Heroismus, der vom kriegerischen Vater kommt und dem im protestantisch-aufklärerischen Wittenberg studierten Prinzen noch immer zum Verhängnis wird. Kaum ein Theaterstück rührt jedoch so sehr an die Unmöglichkeit, das Vergangene einfach hinter sich zu lassen, wie „Hamlet“. Insofern verstrickt sich Julia Riedler bei ihrem von Talent zeugenden Regiedebüt in dieselbe Dialektik wie ihr Held, den sie überwinden will. So einfach wird man Hamlet nicht los.

„Hamlet“ läuft am Theater Freiburg.

Source: welt.de