Hamburg legt Olympia-Kalkulation vor – und rechnet mit Gewinn

Gut zehn Jahre nach dem gescheiterten Olympia‑Referendum versucht Hamburg einen neuen Anlauf. Vor der Abstimmung am 31. Mai legt der Senat nun ein umfassendes Finanzkonzept vor, das Vertrauen schaffen und die Bürger von einer Bewerbung überzeugen soll.

Hamburg kalkuliert für die Durchführung Olympischer und Paralympischer Spiele 4,8 Milliarden Euro – und geht davon aus, dass am Ende sogar noch Geld für die Sportförderung übrig bleibt. Das ist laut Senat die wichtigste Erkenntnis aus dem am Mittwoch vorgelegten Finanzkonzept. Das Konzept stellt Ausgaben und Einnahmen für die Austragung von Spielen in der Hansestadt gegenüber und weist zudem aus, welche Investitionen in städtische Infrastruktur nötig wären. Das wären mit 1,3 Milliarden Euro eine vergleichsweise geringe Summe. „Wir können uns die Spiele leisten – und wir können einen Überschuss erzielen“, sagte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD).

Am 31. Mai stimmt die Stadt über eine Olympia-Bewerbung ab. Dass bis dahin eine verlässliche Kostenschätzung vorliegt, war eins der Versprechen des Senats, der die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele unbedingt nach Hamburg holen will. 2015 hatte sich die Hansestadt schon einmal beworben. Ein Referendum – ein von der Stadtregierung auf den Weg gebrachter Bürgerentscheid – stoppte die Pläne damals. Wohl vor allem wegen der befürchteten Kosten stimmten 51,6 Prozent der Referendumsteilnehmer gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele.

Lesen Sie auch

Nun sucht Deutschland einen Kandidaten für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044; Hamburg ist eine von vier Bewerberregionen, neben Berlin, München und Rhein‑Ruhr. Bis zum 1. Juni 2026 müssen alle Regionen ihre finalen Unterlagen beim DOSB einreichen, im September fällt die Entscheidung.

Der Kern der neuen Kalkulation ist das Durchführungsbudget. Darin bündelt Hamburg alle operativen Kosten: temporäre Wettkampfstätten, Technik, Personal, Logistik, Marketing. Dieses Budget soll sich vollständig aus Einnahmen decken. Der Senat listet 4,9 Milliarden Euro auf – vor allem IOC‑Beiträge, nationales Sponsoring, Ticketing (rund zehn Millionen Tickets) sowie einen Zuschuss des Bundes für die Paralympics in Höhe von 200 Millionen Euro.

Sportsenator Andy Grote (SPD) betont, dass genau diese Struktur das Risiko begrenze: „Beim Durchführungsbudget ist alles so kalkuliert, berechnet und doppelt überprüft, dass hier eben gerade kein Risiko besteht, sondern dass es ein durch Einnahmen gedecktes Ausgabenbudget ist, das auf null beziehungsweise rechnerisch auf einen Überschuss hinausläuft – und so arbeiten wir auch.“

Lesen Sie auch

Sollte es dennoch zu Kostensteigerungen kommen, sieht Grote klare Leitplanken: „Wenn wir mit der Preissteigerung über dem liegen, was wir jetzt mit sicherer Vorsorge einkalkuliert haben, dann werden auch die Einnahmen wachsen, und wenn das nicht reicht, dann müssen wir die Ausgaben ein Stück weit reduzieren.“ Die Maßgabe sei „Design to Budget“. Der Begriff stammt aus dem Projektmanagement und gilt unter anderem für Bauprojekte. Wenn der Kostenrahmen steht, wird das Projekt daraufhin geplant. Preisänderungen führen zu Veränderungen im Projekt. Grote: „Das heißt: Entweder ich muss es günstiger machen, wenn Sachen im Planungsverlauf teurer werden, oder ich muss die Einnahmen erhöhen. Das ist die Setzung, die gilt. Punkt.“

Das ist die Setzung, die gilt. Punkt.

Der IOC‑Budgetexperte Christian Alfs, der für den DOSB die Kosten aller Bewerberregionen berechnet hat, verweist auf die Reformen des IOC, durch die eine neue Bewerbung Hamburgs auf anderen Grundlagen als noch 2015 basiert: „Die strikten Anforderungen früherer Spiele gibt es nicht mehr.“ Standen früher Abhaklisten, etwa für Stadien und Zuschauerplätze im Vordergrund, sollten sich Olympische Spiele nun nachhaltiger gestalten und den Städten anpassen. „Nichts soll neu gebaut werden, was nach den Spielen nicht gebraucht wird.“ Hamburg nutzt deshalb zu 76 Prozent bestehende Anlagen; nur der Rest wird temporär errichtet.

Lesen Sie auch

Strikt getrennt vom Durchführungsbudget steht das Investitionsbudget: 1,3 Milliarden Euro, verteilt über zehn Jahre, listet der Senat darin auf. Damit sollen Sportstätten modernisiert, Barrierefreiheit ausgebaut, Grünflächen und Wege verbessert und ÖPNV‑Projekte umgesetzt werden. Auch der Umbau vom Olympischen Dorf zu Wohnstätten für Studierende und Wissenschaftler nahe dem Forschungscampus in Bahrenfeld ist darin eingerechnet. Dressel betont, dass dieser jährliche Mehraufwand von „etwas über 100 Millionen Euro“ im regulären Investitionshaushalt der Stadt gut unterzubringen sei.

Unabhängig von diesen geplanten Olympia‑Investitionen steht jedoch ein zweiter Themenblock im Raum: die milliardenschweren Verkehrs‑ und Bauprojekte, die Hamburg ohnehin braucht. Das sind die U5, die S6 und ein Ausbau des Hauptbahnhofs. Hamburg hat Zusagen vom Bund, dass er die Projekte unterstützt und zum Teil sogar vorantreiben will, konkret passiert ist jedoch wenig. Eine Olympia-Bewerbung könnte eine Chance sein, das zu ändern. Dressel: „Mit einer positiven Bewerbung fließen öffentliche und private Gelder gezielter und schneller nach Hamburg – und nicht nach München oder in die Rhein‑Ruhr‑Region.“

Lesen Sie auch

Die Grünen, die gemeinsam mit der SPD die Regierung stellen, unterstützten am Mittwoch öffentlich den Kurs des Senats. Fraktionschefin Sina Imhof sprach von einer „soliden Grundlage“ durch das vorgelegte Finanzkonzept und von einer „echten Chance“ für die Stadt, sollten die Olympischen Spiele nach Hamburg kommen.

Kritik kam dagegen von der Linksfraktion. Sie hält die Kalkulation für unvollständig. Haushaltspolitiker David Stoop sagte, der behauptete Gewinn „sei in Wahrheit ein Verlust von 100 Millionen Euro, weil er nur durch 200 Millionen Euro Bundesförderung entsteht.“ Außerdem arbeite Hamburg mit dem Kostenstand 2025, ohne eine Projektion für 2040 oder 2044 vorzunehmen. Als größten Mangel nennt Stoop das Fehlen der Sicherheitskosten – Paris habe 1,4 Milliarden Euro allein dafür aufgebracht.

Auch die AfD äußerte Kritik. Die sportpolitische Sprecherin Antje Hebel beklagte, die Annahmen des Senats basierten auf Erfahrungswerten aus Paris, die sich nicht einfach auf Hamburg übertragen ließen. Hebel warnt vor dem Muster bisheriger Großprojekte: „Billig planen, falsch kalkulieren, teuer bezahlen, zu spät liefern.“ Der Hinweis des Senats, dass ohne Olympia Bundesmittel an andere Regionen gingen, hinterlasse zudem den Eindruck, es gehe eher ums „Abgreifen“ von Zuschüssen als um die Ausrichtung der Spiele. Auch Bundesmittel seien Steuergelder, mit denen verantwortungsvoll umzugehen sei.

Source: welt.de