Halbleiterkrise: Infineon hofft hinaus den KI-Boom

Den drohenden Chipmangel für die deutsche Autoindustrie hätte der Halbleiterhersteller Infineon nicht beheben können. Denn die Überschneidungen der eigenen Autochips mit denen des Herstellers Nexperia seien nur sehr übersichtlich und begrenzt, sagte Infineon-Vorstandschef Jochen Hanebeck am Mittwoch auf der Bilanzpressekonferenz. In einigen Fällen sei Infineon als Lieferant eingesprungen. Umso erfreulicher wertete er deshalb die jüngste Entspannung.

Sorge um Lagerbestände

Die ist auf das Einlenken Pekings zurückzuführen, die Ausfuhrverfahren für Nexperia-Chips wieder zu lockern. Der Chipkonflikt brach aus, weil die niederländische Regierung am 30. September den Halbleiterhersteller Nexperia wegen Bedenken gegenüber der chinesischen Muttergesellschaft Wingtech unter staatliche Kontrolle stellte. Darauf reagierte die chinesische Regierung mit Exportbeschränkungen für bestimmte Nexperia-Chips, die europäische Autohersteller trafen.

Für Hanebeck ist der Vorfall eine eindringliche Warnung an die Autoindustrie, stets auf ausreichende Chipbestände zu achten und diese nicht unter ein kritisches Niveau fallen zu lassen. Dann könnte im Fall einer Marktbelebung ein Engpass drohen. „Wir sehen das Risiko, dass einige Autozulieferer und -hersteller ihre Lagerbestände bis zum Ende des Kalenderjahres auf ein nicht mehr nachhaltiges Niveau senken. Auch bei unseren Industriekunden erwarten wir gegen Ende Dezember einen sehr ausgeprägten Lagerabbau“, warnte der Infineon-Chef.

Eine Marktbelebung sieht Hanebeck in dem für Infineon sehr wichtigen Geschäft mit Autochips so schnell noch nicht: „Wir erwarten, dass sich die Handels- und Zollkonflikte negativ auf die Fahrzeugpreise und die Kundennachfrage auswirken“, sagte er. Das Wachstum des Elektrofahrzeugmarkts in China dürfte sich seinen Worten zufolge abschwächen, nachdem der Elektro-Anteil an den Neuwagenverkäufen 50 Prozent überschritten habe und die staatlichen Förderungen reduziert worden seien.

Nachlassende Dynamik in den USA

In Europa rechnet der Infineon-Vorstand mit einer sich etwas verstärkenden Dynamik. Dagegen werde sie in den Vereinigten Staaten wegen auslaufender Steuervergünstigungen vermutlich stark nachlassen. Für Hanebeck ist das ein Grund, warum einige westliche Hersteller die Einführung mehrerer neuer Elektrofahrzeugplattformen zugunsten von Verbrennermodellen verschieben.

Umso zuversichtlicher beurteilt er dagegen das Geschäft mit Leistungschips zum Energiemanagement von Rechenzentren für die Künstliche Intelligenz (KI). Im zurückliegenden Geschäftsjahr 2024/25 (per 30. September) stieg der Umsatz mit Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren auf mehr als 700 Millionen Euro.

Das entsprach binnen Jahresfrist fast einer Verdreifachung und übertraf die Prognose des Vorstands um 100 Millionen Euro – trotz negativer Währungseffekte durch den schwachen Dollar. „Unsere Umsatzerwartung für das Geschäftsjahr 2026 heben wir ebenfalls deutlich an, von einer auf rund 1,5 Milliarden Euro – also mehr als eine Verdoppelung zum Vorjahr“, sagte Hanebeck.

Führende Position am Markt

Der von Infineon adressierbare Markt mit KI-Chips wird nach seiner aktuellen Prognose bis zum Jahr 2030 zwischen acht und zwölf Milliarden Euro groß sein. Nach Aussage von Marketingvorstand Andreas Urschitz kommt Infineon auf einen Marktanteil von 30 bis 40 Prozent. Diese führende Position soll nach seinen Worten gehalten werden.

Hanebeck erwartet im gerade begonnenen Geschäftsjahr 2025/26 einen moderat steigenden Umsatz, nachdem dieser 2024/25 um zwei Prozent auf 14,7 Milliarden Euro gesunken war. Seinen verhaltenen Ausblick begründete er mit dem weiterhin schwierigen Umfeld, das von dem kurzfristigen Bestellverhalten der Kunden bestimmt werde. Deshalb lasse sich die Nachfrageentwicklung nur eingeschränkt abschätzen.

Die Geschäftsentwicklung für ein ganzes Geschäftsjahr vorherzusagen sei herausfordernd. Die Lagerbestände in den Lieferketten hätten sich im Großen und Ganzen normalisiert. Es sei die Endkundennachfrage, die das Ausmaß und das Tempo der Erholung der Halbleitermärkte bestimme. „Wir gehen davon aus, dass das Volumenwachstum im Verlauf des Geschäftsjahres zurückkehrt und wir einen schrittweisen Aufschwung sehen“, sagte der Infineon-Chef.

Das zurückliegende Geschäftsjahr war nach seinen Worten geprägt von einer Schwäche in den meisten Zielmärkten. Endkunden und Distributionspartner hätten Lagerbestände in großem Umfang abgebaut. Die Kunden seien mit Blick auf die geopolitische Instabilität sowie die Zollturbulenzen vorsichtig. Dies führe zu einem kurzfristigen Bestellverhalten bei Halbleitern.

Schwacher Dollar belastet

Zusätzlich bremste Infineon der ungünstige Währungseffekt. Wegen des schwachen Dollars und der US-Zollpolitik musste der Vorstand im Mai seine Jahresziele kürzen, nachdem er sie drei Monate zuvor noch angehoben hatte. Statt eines Dollarkurs von 1,05 Dollar je Euro kalkuliert der Chipkonzern nun mit 1,15 Dollar. Bei einem konstanten Wechselkurs wäre der Umsatz nahezu stabil geblieben, betonte Hanebeck.

Das Segmentergebnis, also der Gewinn der vier Geschäftsfelder, brach im vergangenen Geschäftsjahr um 18 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro ein. In der wichtigsten Sparte, dem Autogeschäft, sank der Umsatz um vier Prozent auf 7,4 Milliarden Euro und das Ergebnis um 24 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Die Aktionäre sollen aber eine unveränderte Dividende von 0,35 Euro je Aktie erhalten. Der Infineon-Aktienkurs legte im Handelsverlauf am Mittwoch um 6,5 Prozent auf 36,10 Euro zu, was an der höheren Prognose für KI-Chips lag. Seit Jahresanfang beträgt das Kursplus 15 Prozent.

Einen weiteren Stellenabbau plant Hanebeck derzeit nicht. Jedoch werde regelmäßig das Portfolio daraufhin geprüft, ob es am Markt erfolgreich sein könne. Wie die F.A.Z. Anfang November berichtet hatte, wird Infineon im Werk Belecke in der Nähe von Warstein rund 500 Stellen abbauen. Grund sei die schwache Entwicklung in der Elektromobilität. Wegen der ungünstigen Marktlage hatte der Vorstand im Mai 2024 schon den Abbau oder die Verlagerung von 2800 Stellen, davon 1300 in Deutschland, angekündigt. Die Mitarbeiterzahl lag Ende September mit 57.000 um knapp 1000 unter dem Niveau zwölf Monate zuvor.