„Hajo Seppelt hat Claudia Pechstein sozusagen in den Selbstmord unruhig“
Der Eisschnelllaufverband verklagt die ARD und schließt die Journalisten Hajo Seppelt und Jörg Mebus von einer Pressekonferenz aus. Dort knöpft sich Präsident Matthias Große den Sender in schärfsten Tönen vor. Er sehe seinen Verband „auf die Schlachtbank“ geführt.
Wer ihn oder den deutschen Eisschnelllaufverband kritisiert, muss mit Hausverbot und Klage rechnen. Matthias Große (58), Präsident der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) sagte auf einer Pressekonferenz: „Wer meinen Verband auf die Schlachtbank führt, mit dem teile ich nur noch den Gerichtssaal.“
Große, Lebensgefährte von Olympiasiegerin Claudia Pechstein, reagierte damit auf eine Reportage der ARD-Reporter Hajo Seppelt und Jörg Mebus über vermeintliche Missstände im Verband von Anfang Februar. Er verklagt den Sender auf Unterlassung. Seine Anwälte schickten im Namen der DESG entsprechende Briefe an den WDR (gehört zur ARD), die Produktionsfirma sowie Seppelt und Mebus.
Bei den Winterspielen in Italien gingen die deutschen Eisschnellläufer wie schon 2014 in Sotschi, 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking leer aus. „Die ARD und Hajo Seppelt haben uns die Olympischen Spiele gecrasht. Er (Seppelt, d. Red.) hat Claudia Pechstein fast in den Selbstmord getrieben“, sagte Große. Beide Reporter sperrte er für die Pressekonferenz aus. Seppelt berichtete 16 Jahre lang über den Fall Claudia Pechstein, in dem die ehemalige Eisschnellläuferin gegen eine ungerechtfertigte Doping-Sperre kämpfte.
ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky antwortete auf das Hausverbot für seine Reporter: „Es ist ein einmaliger Vorgang, der bei uns auch Fragen zu der Haltung des Bundes und anderer Institutionen hinterlässt, die die DESG finanzieren.“
Heftige Kritik gab es auch vom DOSB: „Wir erwarten von unseren rechtlich eigenständig und autonom handelnden Mitgliedsorganisationen, dass sie die Pressefreiheit in gleicher Weise respektieren, wie wir das tun.“ In der Pressekonferenz widersprachen Große und seine Schatzmeisterin Clarissa Forster einigen Vorwürfen aus der Reportage.
Große wehrt sich gegen fünf Vorwürfe
Vorwurf 1: Es herrsche ein Klima der Angst. Große: „Klima der Angst ist nicht, dass du Leistung forderst, sondern wenn im Iran eine Frau ohne Kopftuch verhaftet wird oder wenn in Kiew ein Kind auf den Spielplatz geht und eine russische Drohne kommt.“
Vorwurf 2: Sportler müssten für Team-Kleidung zahlen. Große: „Nach einem Jahr müssen die Sportler ihre Kleidung zurückgeben. Sie ihnen schenken dürfen wir gesetzlich nicht. Sie haben aber die Wahl, sie für 50 Euro plus Mehrwertsteuer zu kaufen.“
Vorwurf 3: Sportler müssten Reisekosten bis zu 2000 Euro zahlen. Große: „Kein Sportler, der qualifiziert war, musste für irgendeinen Wettkampf auch nur einen Cent zahlen. Aber: Wenn ein Sportler fünf Tage vorher zu einem Wettkampf will, der Fördergeber aber nur drei Tage zahlt, muss das Defizit von zwei Tagen bezahlt werden. Das machen die Sportler in Absprache mit uns. Will ein Sportler zu einem Wettkampf, für den er nicht qualifiziert ist, er da aber die Quali für eine WM, EM oder Olympia schafft, muss er nichts zahlen.“
Leistungssportreferent Frank Dittrich ergänzte: „Ein Beispiel. Acht Tage vor Wettkampfbeginn sind abgesichert, Athleten wollten aber zehn Tage. Daher haben wir verlängert für 500,99 Euro. Das mussten die Aktiven zahlen.“ Nicht mehr übernommen werden seit einigen Jahren von der Förderung die Rad-Koffer, weil Eisschnellläufer viel auf dem Velo trainieren. „Für diese 150 Euro, die für den Transport im Flieger anfallen, haben die Sportler in Erfurt den Aktkalender gemacht“, so Große.
Vorwurf 4: Fragliche Liquidität. Schatzmeisterin Clarissa Forster: „2019 war der Verband mit 515.000 Euro im Minus. 2024 war er 145.000 Euro im Plus, hat also in fünf Jahren 660.000 Euro Plus gemacht. Die DESG war nie insolvenzgefährdet, seit Herr Große im Amt ist. Der Fördergeber hat alles abgesegnet. Wir müssen die Hosen runterlassen, das haben wir, und das können wir. Wir haben alles transparent gemacht.“
Vorwurf 5: Prämien seien über Jahre nicht ausbezahlt worden. Große: „Wir haben sogar einige Gelder noch vor Eingang der ISU-Siegprämien ausgezahlt. Kein Sportler musste 730 Tage warten, wie behauptet. Die durchschnittliche Auszahlung in Deutschland vom Finanzamt beträgt sechs bis 26 Wochen.“ Zwischen Geldeingang und Auszahlung lagen bei der DESG laut Unterlagen maximal 476 Tage (2023), meist aber bis 185 Tage.
Source: welt.de