Hahnemühle: Wie eine 441 Jahre Mami Papierfabrik überlebt

Jan Wölfle, Geschäftsführer der Hahnemühle FineArt GmbH im niedersächsischen Dassel im Solling, sieht in der Digitalisierung eher Chancen als die Gefahr unterzugehen. Künstlerpapiere, Labormaterialien und Hightech-Digitalpapiere spielen eine wichtige Rolle in Kunst, Wissenschaft und Technologie. Zudem wollten sich Menschen nicht nur Bildschirme an die Wand hängen, ist man bei Hahnemühle überzeugt. Man produziere immer noch am gleichen Standort, sagt der Geschäftsführer des 1584 geggründeten Unternehmens. Ansiedlungsgrund sei das reine Wasser aus dem Solling gewesen, das man in der Produktion nutze.
Begonnen habe alles mit dem traditionellen Künstlerbedarf, der jetzt Fine Art genannt werde, berichtet Wölfle. Dazu zählen Papiere für Aquarelle, Skizzen und Pastelle. Der zweite Bereich, der heute Life Science heißt, wurde 1883 gegründet. Man nutze das sehr reine Quellwasser vor Ort für die Herstellung hochwertiger Filtrationspapiere insbesondere für den Labor- und Medizinbedarf, erklärt Wölfle. Mittlerweile liefere man auch Komponenten für Covid-19-Kartuschen-Schnelltestverfahren. Während der Corona-Pandemie war man systemrelevanter Betrieb.
Der dritte Bereich heißt Digital Fine Art. Er wurde um die Jahrtausendwende gegründet, Hahnemühle gelte als dessen Erfinder. Irgendwann sei in den Museen die Idee aufgekommen, die Kunstwerke zu digitalisieren, sagt Wölfle, mit hochauflösenden Scannern. Diese digitale Datei wird dann gedruckt, „und wir haben spezielle Papiere dafür entwickelt“. Sie entsprächen exakt der Qualität und Haptik der traditionellen Papiere, besäßen aber eine komplexe Beschichtung, die eine optimale Farbreproduktion und Haltbarkeit sicherstelle. Digital-Fine-Art-Papiere halten mit Blick auf die Lichtfestigkeit über 100 bis zu 300 Jahre.
Weniger Cellulose, mehr nachhaltige Rohstoffe
Die Breite des Portfolios sei einzigartig auf der Welt. Das neueste Segment sei die Natural Line. Mit der Natural Line gehe man weg von der Cellulose und verwende mehr nachhaltige Rohstoffe. So habe man Hanf wiederentdeckt, aus dem schon früher Papier hergestellt worden sei. In der Natural Line würden Hanf, Agave, Kaktus, Bambus und Zuckerrohr verwendet. Neuerdings biete man die ersten Fotopapiere an, die massenmarkttauglich seien. Sie enthalten laut Wölfle kein Plastik mehr und seien recycelbar. Man sei führend auf der Welt bei hochwertigem, museumsreifem Fotodruckpapier, das nicht auf Cellulosebasis hergestellt werde.
Das reine Wasser für die Produktion komme aus einem eigenen artesischen Brunnen und werde nur zu einem geringen Teil während der Produktion durch Verdunstung verbraucht. Der Großteil werde wieder dem Wasserkreislauf zugeführt. Die Zellstoffe und Pflanzenfasern für die Herstellung kommen aus Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien.
Hahnemühle beschäftige Papiermacher in der fünften Generation. Für besonders hochwertiges traditionelles Papier besitzt man zwei Rundsiebmaschinen vom Ende des 18. Jahrhunderts. In Europa gebe es nur noch fünf davon, auf ihnen produziere man Aquarellpapiere. Sie laufen langsam. Das sei Papierschöpfen mit einer „simulierten Hand“, ein Meter je Minute, sagt Wölfle. Eine Zeitungsdruckmaschine schaffe 1000 Meter in der Minute.
Die Hochwertigkeit des Filterpapiers von Hahnemühle im Life-Science-Bereich, etwa in der Medizintechnik, zeige sich im Verbrennungsergebnis, sagt Wölfle. Normalerweise bleibe Asche übrig, sie zeige die Verunreinigung im Papier. „Bei uns bleibt nichts übrig.“
Dali und Picasso haben mit Hahnemühle-Papier gearbeitet
Der Grund für Hahnemühles breites Produktportfolio liegt laut Wölfle darin, dass man sehr kleine, optimierte Maschinen habe, die sogenannte Short Runs produzieren könnten, was ungewöhnlich für die Papierindustrie sei. Normalerweise sei die Papierindustrie bekannt für hochvolumige Mengen. Hahnemühles Papiermaschinen können ganz dünne „Grammaturen“ ab 40 Gramm je Quadratmeter produzieren.
Verbrieft sei, dass die Maler Salvador Dali und Pablo Picasso mit Hahnemühle-Papier gearbeitet hätten. In der Wiener Albertina gebe es ein berühmtes Aquarell von Albrecht Dürer, der „Feldhase“ aus dem Jahr 1502. „Das Papier kann noch nicht von uns sein, uns gab es da noch nicht“, sagt Wölfle. Das Original werde nur sehr selten ausgestellt, es sei zu empfindlich. „Die Reproduktion, die die Besucher sehen, die ist auf unserem Papier gemacht, und man erkennt keinen Unterschied.“ Das Papier koste etwa 35 Euro je Quadratmeter. Wertvolle Fotografien in Museen und Sammlungen seien oft auf Hahnemühle-Papier. Auch Udo Lindenberg nutze es für viele seiner Werke. Und die Sänger Bryan Adams und Lenny Kravitz, die auch Hobbyfotografen sind, seien ebenfalls Kunden.
Digital Art ist für Wölfle kein Problem. Es gebe seit 2010 das sogenannte Certificate of Authenticity, ein Büttenpapier mit Hologramm. Der Künstler kann auf der Internetseite von Hahnemühle sein digitales Kunstwerk hochladen und seinen Kunden als limitierte Edition anbieten. Die Reproduktion wird dem Kunden mit Hologramm zugesandt, etwa in einer Auflage von zehn Stück. Hahnemühle zertifiziere, dass es nur zehn Stück davon gebe. Inzwischen habe man 6000 Künstler registriert und 15.000 Kunstwerke in der Datenbank. Hahnemühle biete eine Plattform an, auf der Künstler ihre digitalen Bilder „lagern“ und auch als NFTs handeln könnten. Bei Bedarf könnten sie diese in zertifizierten rund 1000 Druckstudios auf der Welt auf Hahnemühle-Papier ausdrucken lassen. Originell sei auch, dass Tattookünstler ihre Produkte fotografierten, dann auf Hahnemühle-Papier ausdruckten und dem Kunden für die Wand verkauften.
Man beschäftigt 200 Mitarbeiter in Deutschland, global sind es 250. Die Preise reichen von zwei bis 40 Euro je Quadratmeter. Das hochwertigste Papier sei zu 100 Prozent aus Baumwolle und habe eine Metallicbeschichtung. Der Umsatz sei in den sieben Jahren seiner Geschäftsführerschaft von 30 auf 50 Millionen Euro gestiegen, sagt Wölfle. Er könne vor allem im Ausland noch deutlich gesteigert werden, vor allem in Asien und Südamerika.
Der Artikel stammt aus „Jugend und Wirtschaft“ – einem Schulprojekt der FAZIT-Stiftung mit Unterstützung der Brost-Stiftung.