Hämische Botschaften an den Feind – eine Tradition seither jener Antike
Am See Genezareth in Israel ist ein rund 2100 Jahre altes Schleuderblei mit Inschrift gefunden worden. Es ist das bisher älteste Beispiel für ein sehr bekanntes, im 20. Jahrhundert oft fotografiertes Phänomen.
Es gibt buchstäblich Hunderte, wenn nicht Tausende Fotos davon: Soldaten, die auf Bomben oder Granaten Botschaften an den jeweiligen Feind schreiben, oft voll Häme. Natürlich bekamen die Adressaten nie etwas davon mit, denn eine Bombenhülle wird bei der Explosion zerstört, in unzählige Splitter zerfetzt – was vorher darauf geschrieben stand, war einigermaßen gleichgültig. In Wirklichkeit richteten sich diese Aktionen an Kameraden oder an die eigene Gesellschaft.
Jetzt haben Archäologen in Israel eine Schleuderkugel mit einer eingeritzten Warnung an den Gegner entdeckt: Am Ostufer des See Genezareth fanden sie nahe der antiken Stadt Hippos, einer hellenistischen Stadt im nördlichen Jordantal, ein etwa 2100 Jahre altes Bleistück mit den eingeritzten altgriechischen Buchstaben „ΜΑΘΟΥ“. Es handelt sich um die Imperativform des Verbs μανθάνω (mantháno – „ich lerne“) und bedeutet wörtlich: „Lerne!“
Das Objekt wurde mit einem Metalldetektor in der südlichen Nekropole nahe dem Bett eines Baches neben einer antiken Straße gefunden, heißt es in der Fachzeitschrift „Palestine Exploration Quarterly“.
Die Kugel, die höchstwahrscheinlich von den Verteidigern der Stadt auf Angreifer abgefeuert wurde, kommt zu bisher 68 anderen Bleischleuderkugeln hinzu, die um Hippos ausgegraben wurden. Einige davon waren mit einem Skorpion oder einem Blitz verziert, doch der jetzt öffentlich gemachte Fund ist der erste mit einer Inschrift.
Hippos war lange Zeit Mitglied der Dekapolis, einer Gruppe von zehn Städten meist östlich des Jordans, die enger mit der griechisch-römischen Kultur als mit der lokalen semitischsprachigen Bevölkerung verbunden waren. Die Siedlung hatte alle Merkmale einer griechischen Polis: einen Tempel, einen zentralen Marktplatz und weitere öffentliche Gebäude. Allerdings begrenzte der Mangel an Wasser die Größe von Hippos: Die Bürger waren auf Regenwasserzisternen angewiesen, um ihren gesamten Wasserbedarf zu decken.
Das Geschoss mit der Fundnummer B19655 besteht aus Blei und wurde in zwei Teilen gegossen. Es ist ellipsoid mit spitzen Kanten, man könnte es auch als „mandelförmig“ beschreiben, misst 3,2 × 1,95 Zentimeter und wiegt 37,8 Gramm. Es wurde vermutlich im Jahr 101 v. Chr. auf das angreifende Heer der Hasmonäer unter König Alexander Jannaeus geschleudert, sagte der Archäologe Michael Eisenberg von der Universität Haifa. Dabei handele es sich um den ersten Fund dieser Art weltweit.
Erfolg allerdings hatten die Verteidiger nicht: Die Truppen von Alexander Jannaeus eroberten Hippos und fügten die Stadt seinem Reich ein. Erst als der römische Feldherr Pompeius im Jahr 63 v. Chr. Syrien und Judäa eroberte, die Herrschaft der Hasmonäer (inzwischen regiert von Alexander Jannaeus’ Enkel Antigonos Mattatias) beendete und als dessen Nachfolger den von Rom abhängigen Regionalkönig Herodes den Großen einsetzte, gewann Hippos wieder mehr Eigenständigkeit.
Die jetzt zum ersten Mal aus vorchristlicher Zeit dokumentierte Eigenart, Geschosse mit hämischen Sprüchen zu „verzieren“, hielt sich seitdem. Einzelne Belege gibt es aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, z. B. aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Öfter dokumentiert ist derlei, der Verbreitung kleinerer Plattenkameras sei Dank, aus dem Ersten Weltkrieg.
Zum Massenphänomen wurde derlei erst mit privaten Fotoapparaten im Zweiten Weltkrieg: Deutsche Luftwaffensoldaten schrieben auf Bomben Sprüche wie „Nicht von Pappe“ oder „Made in Germany – Gruß an W. C.“, was für Winston Churchill stand. Polnische Piloten der Royal Air Force schrieben im Zweiten Weltkrieg auf Bomben „Greetings from Polish Airmen“, GIs wünschten per Aufschrift auf Artilleriegranaten „Happy Easter, Adolph“.
Auch nach 1945 setzte sich das mitunter fort: US-Waffentechniker „schickten“ Bomben „To Viet Cong from Raleigh, N.C.“ oder sandten Geburtstagsgrüße an den nordvietnamesischen Machthaber Ho Tschi-Minh. 2003 warfen US-Bomber Präzisionswaffen mit eher unheiligen Wünschen ab: „Dear Saddam + Osama! Special Delivery. Rest in Hell!“
Aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine kursieren in sozialen Netzwerken unzählige ähnliche Fotos, oft mit Aufschriften wie „Glory to the Ukraine and God bless America“ oder „Thank you for support“. Das hätten sich die Verteidiger von Hippos wohl auch nicht träumen lassen.
Source: welt.de