Habermas und Freud: Wie die Psychoanalyse eine Theorie revolutionierte

Da soll noch jemand sagen, Habermas habe in einer Theoriearchitektur residiert, von den Lebensvollzügen nur selten erreicht. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich vor Augen hält, dass die Psychoanalyse ihm als Modell der Erkenntnisbildung diente. Und warum das? Weil, wie er in „Erkenntnis und Interesse“ (1968/73) schrieb, ein Lebenszusammenhang ein Interessenzusammenhang ist und eben deshalb Erkenntnis nicht anders zu haben sei als übers Bewusstmachen der erkenntnisleitenden Interessen.

Die methodische Selbstreflexion, auf die es die Psychoanalyse anlegt, machte sie in seinen Augen zum Modell für ein Erkenntnisinteresse, von dem sich auch eine kritische Gesellschaftstheorie leiten lassen sollte, hier ganz dem seinerzeit breit rezipierten Ansatz Alexander Mitscherlichs folgend. Aber erst das systematische Interesse an der Freud’schen Tiefenhermeneutik in der Lesart Alfred Lorenzers – so erläutert Habermas in dem Interviewband „Es musste etwas besser werden …“ (2024) – „hat mich auf die Spur einer kommunikationstheoretischen Explikation des Vernunftbegriffs gesetzt“. Das gilt es festzuhalten: Sein Hauptbeitrag zur Kritischen Theorie, die „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981), wäre demnach ohne die Psychoanalyse nicht denkbar gewesen.

Auf der Couch des Analytikers

In dem genannten Interview wird dieser Zusammenhang ausbuchstabiert, dergestalt, dass die psychoanalytische Methodik bei Habermas als Aufweis für die Vernunftförmigkeit von Sprache dient: „Das analytische ,Gespräch‘ ist eine Methode; sie soll ja den Arzt zu einer diagnostisch ergiebigen Kommunikation mit dem Ziel anleiten, die unbewussten Motive der Patienten diesen selbst bewusst zu machen. Dieses Muster eines vernunftorientierten tiefenhermeneutischen Sprachgebrauchs versprach Aufklärung über den internen Zusammenhang von logos, als Wort verstanden, und von Logos im Sinne von Vernunft. An der analytischen Praxis der Auflösung von neurotischen Pathologien musste sich die vernünftige Struktur der sprachlichen Kommunikation zeigen lassen.“

Salopp gesagt: Von der Couch des Analytikers her ergab sich für Habermas die Theoriefähigkeit des kommunikativen Handelns. „In diesem Sinne hat mich schon die frühe Beschäftigung mit Psychoanalyse und Hermeneutik auf die Spur der formalen Sprachpragmatik gesetzt, die ich später in den Bahnen der Theorie der Sprechakte entwickelt habe.“

Aufklärung über Selbsttäuschungen

Es war die frühe Lektüre der Zeitschrift „Psyche“, die sein Interesse an Freud geweckt hatte, das sich in der Aufmerksamkeit für Entwicklungspsychologie und Arbeiten zur klinischen Psychologie niederschlug. Das Image Freuds an der Universität war schlecht, er wurde, wenn überhaupt, abfällig erwähnt. Daher „waren die von Alexander Mitscherlich und Horkheimer organisierten Freud-Vorlesungen, die ich im Sommer 1956 in Frankfurt gehört und über die ich in der F.A.Z. auch fleißig berichtet habe, eine Offenbarung“ – so erinnert sich Habermas beinahe siebzig Jahre später. Seine Berichte erschienen unter den Überschriften „Sigmund Freud – der Aufklärer“ und „Triebschicksal als politisches Schicksal“ in den Ausgaben vom 7. Mai und 14. Juli 1956.

Am Freud-Kapitel von „Erkenntnis und Interesse“ ist noch die inspirierte erste Begegnung mit der großen Freud-Ausgabe ablesbar, die der junge Habermas sich in der Frankfurter Zeit zugelegt hatte: „Solche Fehlleistungen, zu denen Freud Fälle von Vergessen, Versprechen, Verschreiben, Verlesen, Vergreifen und sogenannte Zufallshandlungen rechnet, sind Indikatoren dafür, dass der fehlerhafte Text Selbsttäuschungen des Autors zugleich ausdrückt und verdeckt.“ Und ist nicht auch die Bereitschaft zur Selbstkorrektur von „Erkenntnis und Interesse“ als ein psychoanalytisches Signal lesbar? Im Nachwort von 1973 erklärt Habermas den fünf Jahre zuvor publizierten Text für änderungsbedürftig.

Kommunikative Vernunft hat es im Wesentlichen mit der Aufklärung über Selbsttäuschungen zu tun. Insoweit haben die Ansätze kritischer Gesellschaftstheorie einen biographieförmigen Kern, arbeiten sich an „Fehlleistungen“ ab, die sozial aufgespannt werden. Wenn Habermas Gesellschaftskritik als Textkritik verstand, dann ging es ihm um nichts anderes als um die Analyse und Korrektur von Fehlleistungen der angesprochenen, in der Kommunikation sich niederschlagenden Art. In diesem Sinne blieb Habermas bis zuletzt seiner psychoanalytischen Sozialisation verhaftet: Verständigung galt ihm als eine Form, an der Auflösung von Symptomen zu arbeiten.

Source: faz.net