Haben Irans Sicherheitskräfte 30.000 Menschen getötet?

Noch ist es nicht möglich, ein abschließendes Bild der Repression zu zeichnen, mit der das iranische Regime die jüngste Protestbewegung niedergeschlagen hat. Berichten zufolge geraten zunehmend Ärzte und medizinisches Personal ins Visier


Dutzende Tote in einer Leichenhalle südlich von Teheran

Foto: Abacapress/Imago Images


Als Dr. Alireza Golchini in den vergangenen Tagen im Dehkhida-Krankenhaus in Qazvin in Iran Verletzte versorgte, tat er, was Ärzte überall auf der Welt tun: Leben retten. Der Chirurg behandelte Protestierende kostenlos, so wie schon während der „Frau Leben Freiheit“-Proteste 2022. Dafür wurde er nun festgenommen. Die iranischen Behörden werfen ihm „Spionage“ vor; ihm droht die Hinrichtung.

Golchini ist nicht der einzige Arzt, der für die Versorgung verletzter Protestierender festgenommen wurde. Er reiht sich ein in eine Eskalation, die sich zunehmend gegen den medizinischen Sektor in Iran richtet. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) gehen Sicherheitskräfte der Islamischen Republik systematisch gegen Ärzt*innen, Pflegekräfte, freiwillige Ersthelfer*innen und medizinische Einrichtungen vor, die verletzte Demonstrierende behandeln. Ziel sei es, die Öffentlichkeit einzuschüchtern und die Versorgung Verwundeter zu verhindern. Eine Methodik, die bereits bei den landesweiten „Frau Leben Freiheit“-Protesten 2022 zu beobachten war.

IHRNGO berichtet von einem freiwilligen Ersthelfer, etwa 45 Jahre alt, der sein Haus als Notunterkunft für Verletzte nutzte. Er brachte mehr als 20 verletzte Demonstrierende bei sich unter und behandelte sie. Zwei der Verletzten starben später in seinem Haus an den Folgen ihrer schweren Schussverletzungen. Am 14. Januar stürmten Sicherheitskräfte sein Haus und nahmen ihn fest. „Er wurde auf äußerst brutale Weise abgeführt und schwer misshandelt“, sagte ein Augenzeuge gegenüber der NGO.

Angriffe auf Krankenhäuser

Bereits in den ersten Tagen der aktuellen Proteste, die am 28. Dezember auf dem Teheraner Basar ausbrachen, waren zahlreiche Angriffe auf Krankenhäuser zu verzeichnen. In Ilam versuchten Regimekräfte zweimal, ein Krankenhaus zu stürmen. Beim ersten Versuch leistete die Bevölkerung Widerstand, doch am nächsten Tag kamen weitere Mitglieder der Basidsch-Miliz, schlugen das medizinische Personal und drangen in das Krankenhaus ein.

Berichten zufolge wurden verwundete Protestierende, teils bewusstlos, aus den Behandlungszimmern entführt. Auch die Vereinten Nationen schlagen Alarm. Eine UN-Expertin für Iran erklärte, sie habe Berichte erhalten, wonach Demonstrierende aus Krankenhäusern entfernt und von Sicherheitskräften festgenommen worden seien, was einen schwerwiegenden Verstoß gegen das Recht auf medizinische Versorgung nach internationalem Recht darstellt.

Aus Angst vor Inhaftierung trauen sich viele Protestierende nicht, ein Krankenhaus aufzusuchen. Das Center for Human Rights in Iran schildert einen Fall, in dem ein verwundeter Demonstrant drei Tage lang regungslos in einem Plastiksack lag und sich tot stellte – aus Angst, von Sicherheitskräften getötet zu werden. Seine Familie suchte ihn tagelang und fand ihn schließlich in der berüchtigten Leichenhalle Kahrizak zwischen den Leichen. Er befand sich in kritischem Zustand mit schweren Schussverletzungen.

Parallel mehren sich Hinweise auf außergerichtliche Hinrichtungen in Krankenhäusern. Bilder aus Leichenhallen lassen laut dem iranischen Exilmedium Iran International kaum Zweifel daran, dass einige Verwundete während ihrer Behandlung im Krankenhaus gezielt in den Kopf geschossen wurden. In mehreren Fällen seien noch medizinische Schläuche, Überwachungsgeräte oder Herzmonitor-Elektroden an den Körpern befestigt gewesen. Mehrere Ärzte und Pflegekräfte berichteten dem Exilmedium von sogenannten „Todesschüssen“ auf bereits verwundete Patient*innen.

Die Dimension der Gewalt ist kaum noch zu überblicken. Das Time Magazin spricht mittlerweile von bis zu 30.000 Toten an nur zwei Protesttagen. Iran International geht von insgesamt 36.500 Getöteten in mehr als 400 Städten aus.