Größter Lastwagenhersteller: Daimler Truck baut neue Fabrik in Tschechien

In der Kantine im Traditionswerk in Wörth am Rhein ist Achim Puchert am Dienstag vor die Mitarbeiter getreten und hat ihnen erläutert, dass es in Zukunft neben ihrer Fabrik und der Produktion im türkischen Aksaray einen dritten Standort geben wird, der Lastwagen mit dem Stern vorne auf der Haube produzieren soll. Der für die Marke Mercedes-Benz Trucks zuständige Daimler-Truck-Vorstand gab in einer Betriebsversammlung bekannt, dass der Lastwagenhersteller 2027 mit dem Bau einer neuen Fabrik im tschechischen Cheb in der Region Karlsbad beginnen wird. „Mit unserem neuen Montagewerk in Cheb stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit unseres Produktionsnetzwerkes“, sagte Puchert. „Das ermöglicht uns, am Standort Wörth Wertschöpfung und Beschäftigung zu sichern und hier auch weiterhin investieren zu können.“

Hintergrund sind nach Angaben des Unternehmens vor allem die Schwierigkeiten, die Produktion in Wörth auch dann effizient zu organisieren, wenn Kunden künftig mehr und mehr batterieelektrische Fahrzeuge oder perspektivisch Lastwagen mit Wasserstoffantrieben bestellen. Längen, Kabinenformen, Getriebe unterschieden sich bei den Lastwagen schon jetzt, kämen nun noch verschiedene Antriebsarten hinzu, führe das zu so einer aufwendigen Produktion, die an einem räumlich begrenzten Standort wie Wörth kaum mehr zu finanzieren sei.

Produktion in Wörth würde immer teurer

„In Wörth würde die Herstellung der Fahrzeuge immer teurer in der Zukunft. Und da geht es nicht nur um die Tariferhöhungen, sondern eben auch um die Komplexität“, sagt Jürgen Distl, bei Mercedes-Benz Trucks verantwortlich für die Fabriken. „Die geplante Ergänzung durch einen neuen Standort in Cheb verschafft uns die dringend benötigte Luft zum Atmen in Wörth.“ In Cheb soll die Produktion bis 2030 hochlaufen, geplant ist, dass sowohl Wörth als auch Cheb Fahrzeuge mit allen Antriebsarten herstellen, also Diesel-, Elektro- und Wasserstoff-Lastwagen.

Auf das Achsenwerk in Kassel, die Motorenfabrik in Mannheim und die Getriebeproduktion in Gaggenau hat das neue Werk keinen Einfluss, für die Komponentenwerke ändert sich nur der Empfänger. Verändern werde sich aber das Volumen an den Montagestandorten. „Wir wollen unsere Marktsituation in Europa natürlich weiter verbessern“, sagt Distl weiter. „Aber wenn ich an einem Standort mehr Fahrzeuge bauen will, wird das natürlich Auswirkungen auf das Volumen hier in Wörth und auch in Aksaray haben.“

Mischung aus verschiedenen Gründen gab den Ausschlag

Warum Daimler Truck einen Standort in Tschechien für das neue Werk wählte, erklärt Distl so. „Die Gründe waren eine Mischung aus Entfernung zu den Kunden und den Lieferanten, den Arbeitskosten, der Verfügbarkeit von Arbeitskräften und auch der Verfügbarkeit von Grundstücken“, sagte Distl im Gespräch mit der F.A.Z. „Es musste ein Standort sein, der über unser Lieferantennetzwerk gut bedienbar ist, der den Kundenansprüchen genügt, was die Lieferzeiten angeht, und an dem wir schlichtweg wirtschaftlich arbeiten können.“

Der Betriebsrat trägt die Entscheidung mit. Auch die Arbeitnehmervertreter sehen die Schwierigkeiten, in Wörth auch künftig eine effiziente Produktion sicherzustellen. „Wir fordern unter anderem, dass wir in Deutschland und Europa Marktanteile zurückgewinnen. Allerdings ist unser Werk in Wörth aufgrund der hohen Komplexität in seiner Entwicklung limitiert“, sagt Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht. „Das Werk in Tschechien ist deshalb Teil der geforderten Wachstumsstrategie. Davon profitieren auch die deutschen Standorte von Daimler Truck mit ihren Beschäftigten.“ Der Gesamtbetriebsrat und der Standortbetriebsrat befürworten den Kurs auch deswegen, weil der Neubauplan in Cheb Teil des im vergangenen Jahr auf den Weg gebrachten Kostensenkungsprogramms „Cost Down Europe“ ist. In den Verhandlungen über ebendieses Programm haben sich beide Seiten auf den Erhalt des Standorts Wörth als Volumenwerk geeinigt.

Geplante Kapazität in Cheb bei 25.000 Lastwagen

Das Werk Wörth hat im Jahr 2025 rund 66.000 Fahrzeuge produziert, die Rekordjahresproduktion lag bei 97.000 Lastwagen im Jahr 2023, auf die Wörth aber wegen der immer größer werdenden Zahl von Elek­trofahrzeugen nicht mehr kommen wird. Daimler Truck plant in Zukunft in Wörth mit einem Volumen zwischen 50.000 und 80.000 Lastwagen und mit einer Stammbelegschaft in dem Bereich von 5300 Mitarbeitern, für die schon jetzt eine Beschäftigungssicherung bis 2034 besteht. Im neuen Werk in Cheb sollen 1000 Mitarbeiter 25.000 Lastwagen im Jahr montieren.

Aus Sicht des Betriebsrats sind die Ergebnisse ein Erfolg, denn sie haben die Bestrebungen des Unternehmens abgewendet, das Werk Wörth im Zuge von „Cost Down Europe“ vom Volumen- zum Leitwerk mit wesentlich weniger Personalbedarf herabzustufen. „Mit der Fortschreibung des Zukunftsvertrags im Rahmen von Cost Down Europe konnten wir Wörth als Volumenwerk fixieren, alle Gewerke festschreiben und die Stammbelegschaft in der Produktion bis Ende 2034 absichern“, sagt Thomas Zwick, Betriebsratsvorsitzender des Werks Wörth.

Um die Schwierigkeiten und vor allem die Kosten in Deutschland in den Griff zu bekommen, hat Daimler Truck im vergangenen Jahr „Cost Down Europe“ angestoßen. Ziel ist es, die jährlichen Kosten bei Mercedes-Benz Trucks bis 2030 um eine Milliarde Euro jährlich zu senken. Das Programm umfasst alle Bereiche des Unternehmens – vom Materialeinkauf über Entwicklung und Fertigung bis zu Verkauf und der Zentralverwaltung. „Wir sind in Deutschland nicht zukunftsfähig aufgestellt“, hatte Daimler-Truck-Finanzvorstand Eva Scherer im F.A.Z.-Interview vor knapp einem Jahr die Situation zusammengefasst. Wenige Wochen später hatte sie auf einem Investorentag auch erklärt, dass die angestrebten Einsparungen einen Personalabbau von etwa 5000 Mitarbeitern in Deutschland mit sich bringen werden.

Auch der Plan, ein neues Werk in Cheb aufzubauen, soll zum Sparziel von einer Milliarde beitragen. „Wir haben angekündigt, dass wir die Kosten für die Produktion bis 2030 um 200 Millionen Euro senken wollen“, sagt Jürgen Distl. „Das werden wir auch dadurch erreichen, dass wir die Produktion der Fahrzeuge künftig zwischen Cheb und Wörth neu verteilen werden, um die Kosten zu senken.“