Grönland: Was halten sozusagen die Inuit von Trumps Plänen zu Gunsten von die Arktis?

Es ist ein bitterkalter Morgen in der kanadischen Arktis. Trotzdem versammeln sich etwa 70 Menschen auf der Straße für eine Kundgebung. Trotz eisigem Wind marschieren sie durch das von den Inuit verwaltete Gebiet Nunavut und schwenken Schilder mit Aufschriften wie „Wir stehen zu Grönland“ und „Grönland lässt sich nicht kaufen“.

Die Demo im arktischen Teil Kanadas ist nur ein Beispiel dafür, was der Kampf um Grönland für die indigenen Völker der Arktis geworden ist: eine Auseinandersetzung, bei der ihr langjähriger Kampf um Autonomie einer globalen Supermacht gegenübersteht.

Donald Trumps Griff nach Grönland erinnere an „Jahrhunderte des Imperialismus durch verschiedene Nationalstaaten, aber auch an die Kolonialisierung“, sagt Natan Obed, Präsident der nationalen Inuit-Organisation Kanadas, Inuit Tapiriit Kanatami. „Die Inuit mussten lernen, wie sie ihre Gesellschaft, ihre Kultur und ihre Selbstbestimmung inmitten anderer Menschen bewahren können, die unterschiedliche Dinge von ihnen oder von ihren Ländern und Territorien wollen.“

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Es ist eine Vergangenheit, die viele für überwunden hielten. „Die Vorstöße der Vereinigten Staaten – und es geht nicht nur um eine einzelne Person, sondern um eine ganze Reihe von Leuten, die alle sehr ähnlich klingen – machen uns große Sorgen, dass es unseren kollektiven Rechten an den Kragen geht“, sagt Obed.

Besonders besorgniserregend finde er den Fokus auf Grönlands Bodenschätze und Militärbasen, sagt Obed. „Das ist der beängstigendste Teil der Rhetorik, die derzeit kursiert“, sagte er. „Ich habe wirklich geglaubt, wir hätten diese Prämisse hinter uns gelassen, dass indigene Völker, wenn sie ihr Land nicht nach den Vorstellungen der Imperialisten verbessern, ihre Selbstbestimmung verlieren. Die Entscheidung über unser Land und darüber, was wir damit machen wollen, liegt allein bei uns.“

Während Trump kürzlich versprach, Grönland nicht mit Gewalt zu übernehmen, hat das Weiße Haus signalisiert, dass es weiterhin daran interessiert ist, die größte Insel der Welt zu kontrollieren. Jeff Landry, der US-Sonderbeauftragte für Grönland, beschrieb Grönland in einem Gastbeitrag als „eine der strategisch bedeutendsten Regionen der Welt“. Der 976 Wörter lange Artikel, der in der New York Times veröffentlicht wurde, erwähnte die indigene Bevölkerung, die das Land seit Jahrtausenden bewohnt, mit keinem Wort, sondern stellte stattdessen fest: „Der Präsident hat sich unmissverständlich geäußert: Die amerikanische Vorherrschaft in der Arktis ist nicht verhandelbar.“

„Grönland ist unsere Heimat“

Viele Grönländer erleben Trumps Äußerungen über den „Kauf“ oder die „Übernahme“ des Territoriums als Rückfall in eine Zeit, in der indigene Gebiete ausschließlich als zu erwerbende Güter betrachtet wurden, während die Inuit von den politischen Verhandlungen, die über ihr Leben entschieden, ausgeschlossen waren.

„Angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen den Großmächten beklagen wir, dass die Arktis entweder als Schnäppchen oder als leere Eiswüste dargestellt wird“, sagte Sara Olsvig, Vorsitzende des Inuit Circumpolar Council und ehemalige Vorsitzende der Inuit Ataqatigiit, einer linken, für die Unabhängigkeit eintretenden Partei in Grönland. „Für uns ist es unsere Heimat, die mit ihren Reichtümern unser Volk, unsere Kultur, unsere Kinder, Jugendlichen und Ältesten ernährt. Die Inuit leben und gedeihen seit jeher in unserer arktischen Region, lange bevor es Staaten gab.“

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Das Streben nach einer feindlichen Übernahme hat für sie deutlich gemacht, dass viele überhaupt nicht wussten, dass Grönland nach Jahrhunderten der Herrschaft unter Dänemark nun ein selbstverwaltetes Gebiet innerhalb des Königreichs Dänemark ist. „Grönland gehört also nicht Dänemark, und Dänemark kann Grönland auch nicht ‚verkaufen‘“, erklärte Olsvig in einer Stellungnahme.

Die vergangenen Monate waren für sie von „Echos früherer Zeiten der Kolonialisierung“ geprägt, was dazu führte, dass sie und ihre Mitstreiter immer wieder von neuem dazu gezwungen waren, klarzustellen, dass die Inuit und die Menschen in Grönland gleiche Rechte wie alle anderen Nationen genießen. „Es wäre fatal, die Fehler des Imperialismus der Vergangenheit zu wiederholen“, sagt sie und fügt hinzu: „So etwas wie bessere Kolonialherren gibt es nicht.“

Je mehr Trumps Rhetorik sich zuspitzte, desto beunruhigter wurden die Inuit in Alaska. Marie Greene, die Präsidentin des Inuit Circumpolar Council – Alaska, sagt: „Wir konnten das alles zuerst gar nicht glauben. Aber dann merkten wir, dass unsere Leute, insbesondere Kinder und ältere Menschen, immer mehr Angst vor einer Invasion bekamen.“

Die Drohungen waren ein schwerer Schlag für die Inuit, die sich seit langem gemeinsam dafür eingesetzt hatten, dass die Arktis eine Zone des Friedens bleibt, auch wenn die Spannungen zwischen den Weltmächten, die sie umgeben, zunahmen. „Für die Inuit ist Frieden in der Arktis kein abstraktes Prinzip, sondern es geht darum, unsere Heimat, unsere Familien und die Zukunft unserer Kinder zu schützen“, sagte Vivian Korthuis, ebenfalls vom Inuit Circumpolar Council – Alaska. „Dauerhafter Frieden entsteht, wenn man den Inuit zuhört, unsere Rechte respektiert und mit uns als Partnern zusammenarbeitet, deren Wissen und Verantwortung in der Arktis selbst verwurzelt sind.“

Rechte der Indigenen werden nur in guten Zeiten hochgehalten

Die Diskussion über Grönland habe deutlich gemacht, wie besonders anfällig indigene Völker für geopolitische Turbulenzen sind, sagt Gunn-Britt Retter vom Saami Council, einer Organisation, die die Sámi-Völker Finnlands, Russlands, Norwegens und Schwedens vertritt.

„Wenn die Geopolitik heiß läuft, gerät man in einen Modus, in dem Staatschefs reden und als Erstes die indigenen Völker vergessen“, sagt Retter. „Es gibt immer etwas Wichtigeres. Dann heißt es: ‚Ja, wir schätzen die indigenen Völker oder wir respektieren die Rechte der indigenen Völker, aber im Moment ist dies oder jenes leider wichtiger.‘“

Man habe das Gefühl, dass die Rechte der Indigenen in guten Zeiten hochgehalten würden, aber dann, wenn strategische Interessen wie die Androhung von Zöllen ins Spiel kämen, würden sie außer Kraft gesetzt, so Retter. „Von indigenen Rechten reden sie am liebsten, wenn es Haushaltsüberschüsse gibt.“

Für viele in der Arktis sei es schwer, die über Grönland schwebenden Bedrohungen nicht als Menetekel zu sehen, sagt Obed von der kanadischen Inuit Tapiriit Kanatami. „Wir verstehen, dass wir zunehmend im Zentrum eines geopolitischen Kampfes stehen, der zwar nicht unsere Kultur oder unsere Gesellschaft betrifft, aber unser Heimatland, unseren Lebensraum“.

Als Beispiele nannte er die enormen Mittel, die sowohl Russland als auch China in den Ausbau von Häfen in und um die russische Arktis gesteckt haben, sowie den stillen Wettlauf um die Nordwestpassage, seit der Klimawandel die Region immer stärker verändert. „Wir wissen, dass diese Kämpfe kommen werden“, sagt Obed. „Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um Allianzen, Strategien und Pläne zu schmieden, damit wir bereit sind, wenn es soweit ist.“

Ashifa Kassam ist Europa-Korrespondentin des Guardian