Grenzkonflikt: Kambodscha wirft Thailand „illegale Annexion“ von Territorien vor

Knapp eine Woche nach Inkrafttreten einer
Waffenruhe zwischen Thailand und Kambodscha hat Kambodscha der
thailändischen Armee die „illegale Annexion“ von Territorien auf der
kambodschanischen Seite der Grenze vorgeworfen. Der kambodschanische
Informationsminister Neth Pheaktra teilte gegenüber der
Nachrichtenagentur AFP mit, thailändische Truppen hätten in der Gegend des
Dorfs Chouk Chey Zivilgebäude beschädigt, Stacheldraht ausgerollt und
Container platziert, um eine Grenzbefestigung zu errichten.

Die thailändische Armee habe ihren Anspruch auf
das Gebiet auch dadurch demonstriert, dass sie die thailändische Flagge
hochgezogen habe, teilte Neth Pheaktra mit. „Kambodscha wird keine
Veränderung der Grenzlinie anerkennen, die aus der Anwendung von Gewalt
resultiert“, betonte er.

Die thailändische Armee wies die
Anschuldigungen zurück: Es habe keine „Invasion oder Besetzung von
kambodschanischem Gebiet“ gegeben, teilte sie mit. Vielmehr hätten die
Streitkräfte lediglich die Kontrolle über Gebiete übernommen, die zu
Thailand gehörten, aber von Kambodscha in der Vergangenheit „besetzt“
worden seien. Die Armee erläuterte nicht, auf welche konkreten Gegenden
sie sich damit bezog.

Mindestens 47 Tote und eine Million Vertriebene

Das kambodschanische Informationsministerium
übermittelte AFP eine Landkarte, die thailändische Militärpräsenz in
Territorien zeigen soll, die Kambodscha für sich beansprucht. Der Karte
zufolge kontrolliert Thailand nun ein Gebiet in Chouk Chey, das bis zu
750 Meter über die von Kambodscha definierte Grenzlinie hinausreicht.

Die Einwohner von Chouk Chey waren durch die
Kämpfe zwischen Kambodscha und Thailand im Dezember in die Flucht
getrieben worden. Das Dorf liegt an der Grenze zwischen der
kamboschanischen Provinz Banteay Meanchey und der thailändischen Provinz
Sa Kaeo.

Thailand und Kambodscha hatten sich am 27.
Dezember nach wochenlangen Gefechten auf eine „sofortige“ Waffenruhe
geeinigt
. Beide Seiten wollten demnach ihre Truppenbewegungen einstellen
und geflüchteten Zivilisten eine schnellstmögliche Rückkehr
ermöglichen.

Der seit vielen Jahren schwelende Grenzkonflikt
zwischen den Nachbarländern war im Dezember erneut aufgeflammt. Nach
offiziellen Angaben wurden seitdem mindestens 47 Menschen getötet und
rund eine Million Menschen vertrieben.

Unklare Grenzziehung löste Konflikt aus

Auf ein Ende der Gefechte hatten die USA, China
und Malaysia hingewirkt. Die drei Länder hatten bereits im Juli nach
Grenzgefechten der beiden südostasiatischen Nachbarländer mit mehreren Toten eine Waffenruhe vermittelt, die jedoch brüchig war.
US-Präsident Donald Trump verkündete dann im Oktober eine weiterführende
Vereinbarung zwischen Thailand und Kambodscha, die allerdings ebenfalls
nach wenigen Wochen gebrochen wurde.

Der Konflikt ist die Folge einer unklaren
Grenzziehung durch Kambodschas ehemalige Kolonialmacht Frankreich im
Jahr 1907. Wie die etwa 800 Kilometer lange Grenze verlaufen soll, ist
weiterhin nicht ausgehandelt. Beide Seiten erheben auch Ansprüche auf
historische Tempelruinen in dem Gebiet.