Grenzen digitaler Transformation: Dirk Baecker blickt hinauf dasjenige Analoge in dieser Gesellschaft
Der Soziologe Dirk Baecker stellt die totale Digitalisierung infrage und lenkt den Blick auf die analogen Grundlagen der Gesellschaft. Sein neues Buch fordert zum Nachdenken über die Grenzen digitaler Transformation auf
Bunte Handy-Hüllen, leere Geräte – was bleibt von der Digitalisierung, wenn man sie durchstreicht?
Foto: John Macdougall/Getty Images
Auf dem Umschlag des neuen Buches von Dirk Baecker, dem umtriebigen Theoretiker, Soziologen und für manche Nachfolger von Niklas Luhmann im Theorieolymp der Systemtheorie, ist der Titel „Digitalisierung“ durchgestrichen. Das, so wird auf den ersten Seiten klar, enthält die These des gesamten Buches.
Die Gesellschaft macht nämlich der umfassenden Digitalisierung ihrer Kommunikation und Verkehrsformen (aber auch ihren Apologeten) den sprichwörtlichen Strich durch die Rechnung. Das ist überraschend. Auf dem Buchmarkt herrscht derzeit kein Mangel an Büchern, die mehr Digitalisierung einfordern oder vor noch mehr Digitalisierung warnen.
Digitalisierung liege, so schreibt Baecker, im „Streit mit einer Gesellschaft, die zunehmend auf sie angewiesen ist“. Digitalisierung kann immer nur im Analogen der Gesellschaft geschehen und dort beobachtet werden. Digitalisierung ist analog, wie Becker schreibt, weil sie in der Gesellschaft stattfindet, und nicht in Computern oder KI-Architekturen. Das sind Geräte.
Ich muss anders sein als die anderen
Gleichwohl, so Baecker, definiert die Digitalisierung „eine neue Wirklichkeit schneller Rechner, intelligenter Algorithmen und riesiger Datenspeicher“. Digitalisierung berührt zentrale Muster moderner Selbstbeschreibungen von Gesellschaften und Individuen. Wenn die Stochastik und ihre Nutzung „mögliche Zukünfte“ berechenbar machen, dann wird damit ein zentraler Punkt im Selbstverständnis moderner Gesellschaft berührt: nämlich ihr Selbstverständnis, dass die Zukunft offen ist und nicht bestimmt werden kann.
Dem modernen Individuum wird zugemutet, das zeigt die Soziologie, eine Identität jenseits der Zugehörigkeit zu Stand oder Schicht zu entwickeln. Das ist der Imperativ der Individualisierung: Ich muss anders sein als die anderen. Die sozialen Medien forcieren dies und sorgen doch für eine Uniformierung von, wie Baecker schreibt, „Eigenschaften, die die paradoxe Aufgabe lösen, zugleich Imitat und unverwechselbar zu sein.“
Individualität wird damit zur datenbasierten Identifikationsmöglichkeit für die Berechnung zukünftigen Verhaltens, dessen Eintreten auch noch von Algorithmen überwacht wird. Wenn, wie Baecker nicht müde wird zu betonen, Digitalisierung eine Transformation gesellschaftlicher Selbstbeschreibung bedeutet, dann kommt eine Tradition systemtheoretischen Denkens zu kurz: nämlich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher und semantischer Transformation – das gilt für den Begriff des Mediums, den die sozialen Medien kassieren.
Baecker geht über die Sprache oder die Metaphern der Digitalisierung hinweg
„Was wir über unsere Gesellschaft wissen“, schreibt Luhmann in Die Realität der Massenmedien (als das Internet ein zartes Pflänzlein war) 1996, „wissen wir durch die Massenmedien“. Der Code Information/Nicht-Information wird durch den Algorithmus und nicht mehr durch Fakten gesteuert, oder KI-bearbeitete Bilder wie jüngst im ZDF lassen die Abbildbarkeit der Ereignisse fraglich werden.
Auch geht Baecker (wohl aus soziologischer Strenge) über die Sprache oder die Metaphern der Digitalisierung hinweg. Clouds, in denen wir unsere Daten und Dateien ablegen, sind schwebende Archive, die sich durch eine eigentümliche Immaterialität auszeichnen. Warum reden wir in Sachen digitaler Infrastruktur von schwebenden Entitäten? Warum reden wir von einer harten Struktur, die unser Leben im Digitalen prägt, im Modus des Flüchtigen und Schwebenden?
Was sagt uns das über das Sichtbare und damit das Manifeste der Digitalisierung und über die zunehmende Unsichtbarkeit gesellschaftlicher Strukturen und ihrer Infrastruktur, wie zum Beispiel im Hinblick auf den Finanzkapitalismus?
Was in Baeckers Buch daher fehlt, sind Bemerkungen zur Semantik der Digitalisierung. Man muss allerdings klar sagen, dass das Buch sich nicht an ein breites Publikum wendet. Wer mit der systemtheoretischen Theoriearchitektur und ihrer Terminologie vertraut ist, wird mit diesem Buch viel Freude haben. Für alle anderen ist das hervorragend geschriebene Buch eine Art Selbstbildungsroman, der in die luftigen Höhen der systemtheoretischen Abstraktion führen kann.
Digitalisierung Dirk Baeker Suhrkamp 2026, 157 S., 20 €