Glyphosat-Deal: Erst Rally, dann Reality-Check unter Bayer

Bayer-Werk im Chemiepark Leverkusen.


marktbericht

Stand: 18.02.2026 14:23 Uhr

Gestern Jubel an der Börse – keine 24 Stunden später Ernüchterung. Nach dem milliardenschweren Glyphosat-Vergleich ringt die Bayer-Aktie mit der Frage: Ist das ein Befreiungsschlag oder nur eine Atempause?

Gestern noch sah alles nach einem kleinen Befreiungsschlag aus: Die Aktie von Bayer kletterte zeitweise um acht Prozent bis auf fast 50 Euro. So hoch hatte die Aktie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr notiert, zuletzt im Sommer 2023. Seit November hatte sich der Kurs damit nahezu verdoppelt.

Auslöser für den gestrigen Kurssprung war der angekündigte milliardenschwere Sammelvergleich im jahrelangen US-Rechtsstreit um den Unkrautvernichter Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat.

„Vergleich sehr kostspielig“

Zum Handelsschluss standen die Bayer-Aktien gestern als die größten DAX-Gewinner da mit einem satten Tagesplus von mehr als sieben Prozent.

Es gab Lob von Expertenseite: „Obwohl der Vergleich sehr kostspielig ist, ist er zu begrüßen, da zukünftige Forderungen davon erfasst sind“, kommentierte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka den Vergleich. „Bayer folgt damit unserer Forderung, die Rechtsrisiken zügig zu senken.“

Zehntausende Klagen

Bayer will bis zu 7,25 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von maximal 21 Jahren zahlen, um Zehntausende Klagen in den USA beizulegen. Ein Gericht in St. Louis muss dem Plan noch zustimmen.

Konzernchef Bill Anderson spricht von einem „klaren Weg“ aus der Rechtsunsicherheit. Kein Schuldeingeständnis, sondern ein Schritt zu mehr Planbarkeit. Finanziert werden soll das Ganze über eine Kreditlinie von acht Milliarden Dollar – eine Kapitalerhöhung sei nicht geplant.

Alle Euphorie verflogen?

Doch nach all der Euphorie am Vortag bekommt das Bayer-Papier nur einen Tag später einen empfindlichen Dämpfer: Rund zehn Prozent geht es auf einen Schlag abwärts für die Aktie – bis auf 44,43 Euro.

Ein schwacher Stand in einem eigentlich festen Umfeld: Der DAX sprang heute über 25.000 Punkte. Zur Mittagsstunde liegt er 0,7 Prozent im Plus bei 25.181 Punkten.

Es scheint, dass alle Euphorie bei der Bayer-Aktie verflogen ist – und so drängen sich auch die skeptischen Stimmen in den Vordergrund. Markus Manns von Union Investment etwa sieht in dem Vergleich „noch nicht den Befreiungsschlag“, auf den viele Investoren gehofft haben.

Bayer habe „wahrscheinlich das Beste aus einer verfahrenen Situation herausgeholt“. Doch ohne einen Erfolg vor dem Obersten Gerichtshof der USA, dem Supreme Court, könnte in einigen Jahren erneut eine Klagewelle drohen.

Supreme Court als Joker

Genau dies ist der Haken an dem Deal. Bayer setzt nämlich parallel zum Vergleich auf ein Grundsatzurteil des Supreme Court of the United States. Das oberste US-Gericht prüft, ob Bundesrecht bei Warnhinweisen zu Pflanzenschutzmitteln Vorrang vor einzelstaatlichem Recht hat. Im Kern geht es darum, ob hinreichend vor den Risiken im Umgang mit dem Unkrautvernichter gewarnt wurde.

Das klingt technisch, ist aber zentral: Ein für Bayer günstiges Urteil könnte viele Klagen aushebeln – insbesondere jene, die auf angeblich fehlende Warnhinweise zielen. Analysten schätzen, dass rund 80 Prozent der Verfahren auf diesem Argument beruhen.

Doch was, wenn die Richter anders entscheiden? Genau das ist die große Unbekannte. Auch ist offen, ob genügend Kläger dem Vergleich zustimmen. Sollten zu viele abspringen, könnte der Deal platzen.

Börse liebt Klarheit – und hasst Risiko

Anleger reagieren deshalb hochnervös. Gewinnmitnahmen dürften bei den heutigen Kursverlusten auch eine Rolle spielen – viele kurzfristig orientierte Investoren sicherten sich so erst einmal ihre Profite.

Langfristig bleibt der Chart deshalb angeknackst: Vor der ersten Niederlage in einem US-Glyphosat-Prozess im Sommer 2018 kostete eine Bayer-Aktie noch mehr als 90 Euro. Aber es gibt natürlich auch durchaus Aufwärtspotenzial: Fantasie rund um neue Medikamente und eine mögliche Aufspaltung des Konzerns.

Das Thema Glyphosat verschwindet nicht

Klar ist: Selbst mit dem Vergleich steigen die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten deutlich. Für 2026 erwartet Bayer einen negativen freien Finanzmittelfluss. Das Thema Glyphosat verschwindet also nicht über Nacht aus der Bilanz – selbst wenn es juristisch eingehegt wird.

Für Anleger heißt das: Die große Trendwende ist möglich. Aber sie hängt an zwei Bedingungen – einem tragfähigen Vergleich und einem wohlgesonnenen Supreme Court. Oder anders gesagt: Der Kurs kennt gerade nur zwei Richtungen. Und beide führen über die US-Justiz.

Source: tagesschau.de