Globaler Müllhandel: Die Kehrseite des Wergwerf-Wohlstands

Die Bilder von Plastikhaufen an indonesischen Stränden oder von brennenden Elektroschrottresten in der ghanaischen Hauptstadt Accra sind Ikonen des globalisierten 21. Jahrhunderts. Sie symbolisieren in neuen Dimensionen ein altes Wohlstandsgefälle. Das Mitgefühl für Meerestiere, die an Plastikabfällen verenden, war ein Auslöser der globalen Jugendklimaproteste. Und das Schlagwort „Giftmüll“ schwingt noch bei vielen mit, die in den Achtzigerjahren Fernsehnachrichten verfolgt haben.

Doch wie diese Umweltsünden systematisch zusammenhängen und was der Treiber ihres Wachstums ist, lässt sich bestenfalls mühsam in diversen Fachartikeln zusammensammeln. In dieses Vakuum sticht der Journalist Alexander Clapp mit „Der Krieg um unseren Müll“ hinein. Für seine aufwendige globale Reportage über das Milliardengeschäft mit Abfällen hat er, durch Stipendien und andere Geldgeber unterstützt, die Schauplätze eines in vielen Facetten zwielichtigen Wirtschaftszweigs aufgesucht. Er hat Informanten ausgequetscht, Protagonisten durch Müllberge begleitet und ein umfassendes Bild des Geflechts zwischen Konsum im Norden und Aufbewahrung im Süden der Welt recherchiert.

Amerika und Europa verlieren die Kontrolle über ihren Müll

Clapp sucht nach den besten Geschichten. Wo er sie findet, verweilt er und erzählt effektvoll: In Guatemala trifft er Zeugen der Giftmüllverklappung aus den Vereinigten Staaten in den Achtzigerjahren. Er geht kaum sichtbaren Spuren nach und schildert dennoch dicht an nachweisbaren Fakten den einst legalen und später nie sanktionierten Schmuggel. In Ghana begleitet er über Wochen die Menschen, die aus europäischen Kühlschränken und Kabelkilometern die wertvollsten Reste heraustrennen und sich beim Verbrennen dem „krebserregendsten Qualm aller Zeiten“ aussetzen.

Alexander Clapp: „Der Krieg um unseren Müll“. Abgründe eines globalen Milliardengeschäfts
Alexander Clapp: „Der Krieg um unseren Müll“. Abgründe eines globalen MilliardengeschäftsS. Fischer

„In seiner harmlosesten Spielart verschiebt der internationale Müllhandel den Abfall aus den reichsten Ländern der Welt in diejenigen Regionen, die am wenigsten auf den Umgang damit vorbereitet sind“, schreibt Clapp in seiner Einleitung. Wenn es schlimmer komme, stecke sogar Kriminalität dahinter. Im Zentrum stehe die Unfähigkeit in Amerika und in Europa, dem Abfallaufkommen selbst Herr zu werden. Das Recycling- und Kreislaufversprechen von Konzernen und Entsorgern sei nie aufgegangen. Plastik sei mit dem Versprechen der Bequemlichkeit in die Welt gebracht worden – erweise sich aber als wertlos für die künftige Produktion. „Wir haben kurzfristige Annehmlichkeiten gegen eine langfristige Umweltkatastrophe eingetauscht“, schreibt der Autor.

Seine Geschichte des Müllhandels ist exzellent geschrieben: szenisch, faktenreich, dramaturgisch geschickt, unterhaltsam. Zu Beginn eines neuen Abschnitts stellt er anhand von Begebenheiten Personen vor, die unter den Folgen des Müllhandels leiden. Dann liefert er die Hintergründe, bevor er die Geschichte der Protagonisten detailliert auffächert. Das Geld, das ihm zur Verfügung gestellt wurde, hat er in Reisen in die Türkei, nach Ghana, nach Indonesien und nach Guatemala und in Archivrecherchen investiert, die helfen, sein Thema in die Tiefe zu durchleuchten. Sein Material hat er in internationalen Zeitungen und Buchpublikationen gesammelt. Er stellt internationale Bezüge her und knüpft heutige Umweltprobleme an politische Entscheidungen in den Achtzigerjahren oder später.

Man kann nur mit dem Kopf schütteln

Die gründliche und aufklärerische Haltung fördert Umstände zutage, die einen den Kopf schütteln lassen – etwa die Geschichte des alternden Frachtschiffs Khian Sea, das bei mehreren Namenswechseln zwei Jahre lang durch die Weltmeere schipperte und Abfälle aus Philadelphia auch an den einschlägigen Importländern nicht mehr verklappen konnte, bis es schließlich wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehrte. Oder die gesundheitsschädigenden Bedingungen, unter denen deutsche und französische Elektrogeräte in Westafrika auseinandergebaut werden, um noch den letzten Wert auszuschlachten.

Doch der unternehmenskritische Gestus steht Clapp auch manchmal im Weg. So sieht er zum Beispiel nicht, dass Kreislaufwirtschaft nicht überall misslingt und sich gerade eine junge Generation von Start-ups und eine Gruppe von Konzernen auf den Weg machen, einige der adressierten Probleme in den Griff zu bekommen. Zudem hätte ein kurzer naturwissenschaftlicher Abriss über die unterschiedlichen Qualitäten von Abfall geholfen, um zu einer fundierten Einschätzung zu kommen, was recyclingfähig ist und was nicht.

Insgesamt aber nutzt der Autor seine überragende Erzählkunst, um bisher nicht systematisch dargestellte Zusammenhänge plastisch darzulegen: Warum Müll zu einem Handelsobjekt werden konnte, wie die Abhängigkeit von Müllimporten nach dem Ölpreisschock der Siebzigerjahre wuchs, wie in westlichen Ländern allmählich die Scham vor „erbärmlichen“ Geschäften einer neuen Selbstverständlichkeit wich. Clapp zeigt, wie Reformen gerade gut genug dafür sind, die Spitze des Eisbergs abzutragen, während erst China, dann die Türkei und Indonesien Menschen hohen Risiken aussetzten, um mit Stahl aus Schiffen oder Babywindeln aus europäischen Großstädten Geld zu verdienen.

Am greifbarsten wird der Irrsinn des Systems in Indonesien, wo zwei Orte um Abfallladungen konkurrieren, weil daraus mehr zu holen ist als aus der Reisernte. „Der Ortsrand von Gelangrowo war zu einer Zeitkapsel von Produkten geworden, die Wochen zuvor und viele Tausend Kilometer entfernt weggeworfen worden waren. Mikroereignisse, die jetzt im Urwald von Java eingelagert waren“, schreibt er.

Die Ursache dieser Zustände ist der westliche Lebensstil – die Wegwerfgesellschaft, die erst ernsthaft nach Lösungen für ihr Abfallproblem suchte, als China begann, den Import zu verweigern. Noch finden sich Abnehmer, und so wird das schwer recycelbare Abfallprodukt der Petrochemie zunehmend zum Problem in Nahrungsketten. Alexander Clapp zeigt in seinem Buch, wie man erzählerischen Journalismus einsetzen kann, um Umweltprobleme von Weltmaßstab präzise zu beschreiben.

Alexander Clapp: „Der Krieg um unseren Müll“. Abgründe eines globalen Milliardengeschäfts. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 400 S., geb., 26,– €.

Source: faz.net