„Global Fascisms“: Faschismus denn Gefühl und Symptom
Ist es Faschismus? Diese Frage wurde in den vergangenen
Jahren zu einer Art Rorschachtest der politischen Klassen. Es ging dabei darum,
autoritäre Tendenzen in der Gegenwart zu beschreiben, in Russland, Indien, den
USA. Das führte einerseits zu einer inflationären Benutzung des Begriffs
Faschismus, die fast notwendigerweise zu einer Unschärfe führt, was genau damit
gemeint ist. Andererseits existiert ein grundsätzliches Problem: Der Begriff
Faschismus ist meist historisch verbunden mit den Regimen in Italien und
Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dadurch werden mit dem
Wort Faschismus fast automatisch geschichtliche Analogien produziert, die fehlgeleitet wirken können. Was also
ist das passende Vokabular für unsere Zeit?
Dieser Frage widmet sich nun die gedankenreich nuancierte
Ausstellung Global Fascisms, die gerade im Haus der Kulturen der Welt (HKW)
in Berlin eröffnet wurde. Die Antwort der Ausstellung ist: Faschismus im
Plural. Faschismen werden hier also als Praxis verstanden, wenn es etwa um die
Unterdrückung von Minderheiten geht, Krieg als Mittel der Politik oder die
Beschwörung eines vermeintlich heilen Volkskörpers. Oder wie es der Kurator der
Ausstellung, Cosmin Costinas, beschreibt: Faschismus als Methode und Ethos.
Die Ausstellung ist damit kein Kommentar zum Weltgeschehen,
jedenfalls nicht auf die direkte Art. Das hat auch damit zu tun, dass das
ursprüngliche Konzept für Global Fascisms schon mehr als zehn Jahre alt ist
und für eine Ausstellung in Brasilien gedacht war, dann aber abgesagt wurde.
Das Konzept war damals als Provokation gedacht und verlangt heute nach mehr
Präzision: Wie entsteht Faschismus, welche performativen Formen nimmt er an,
welche Sehnsüchte weckt er, welche Emotionen spricht er an? Das Ergebnis ist
eine Psychohistorie des Faschismus.
Global Fascisms bietet eine phänomenologische Exploration
des faschistischen Gefühls. Es geht nicht darum, analytisch oder gar
enzyklopädisch die vergangenen und die heutigen Faschismen zu katalogisieren.
Auch wenn man sich als Besucher, wenn man will, in die verschiedenen nationalen
Dramen hineinbegeben kann: nach Guatemala etwa, wo der Diktator Efraín Ríos
Montt 2013 wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
verurteilt wurde. Die Verbrechen an insbesondere Indigenen, die unter Montt in den Achtzigerjahren verübt
wurden, fanden abseits der Weltöffentlichkeit statt, der Fotograf Daniel
Hernández-Salazar bringt nun das Ereignis mit einem riesigen Wandbild zurück
ins Bewusstsein.
Und in einem der dunkelsten Räume der Ausstellung,
buchstäblich und emotional, zeigen Radu Jude und Adrian Cioflâncă ihre eindrucksvolle Arbeit The Iași Trains 1941 – images and
testimonies zum Iași-Pogrom an der jüdischen Bevölkerung Rumäniens im Jahr
1941. Bilder der Deportationszüge, die zu Todesmaschinen wurden, werden
verbunden mit Porträts der Opfer und ihren Aussagen und Geschichten, das Grauen
rückt hier sehr nah. Ergänzt wird die Arbeit durch ein wandgroßes Gemälde von Karolina Jabłońska, das einen kahlen Wald zeigt vor einem
Wolkenhimmel, durchschritten von einer einsamen Gestalt, die Täter oder Opfer
sein könnte oder auch nur ein Wanderer.
Ein paar der bewegendsten Bilder sind in diesem zweiten und
eher stillen Teil der Ausstellung zu sehen. Etwa Hannah Höchs Gemälde von 1933, Wilder Aufbruch, das einen Menschen zeigt, aus dem eine zweite, verzerrte
Version hervorsteigt. Im gleichen Raum hängt auch Maria Lassnigs wütendes,
wüstes Gemälde Schafott der Eliten / Die Elite ist immer in Gefahr aus dem
Jahr 1995, ein Körperfragment, das seine eigene Zerstörung betreibt. Gleich
daneben zu sehen ist Martin Kippenberger mit seinem anarchischen Humor, der
einen eingegipsten Arm malt – Heil Hitler Ihr Fetischisten heißt das Bild aus
dem Jahr 1984, das Kippenberger der deutschen Erinnerungsgewissheit von damals
entgegenschleuderte.
Gemälde, das macht dieser Raum deutlich, sind manchmal
gerade in ihrer Reduktion vieldeutiger als andere künstlerische
Darstellungsformen. Das zeigen auch die Bilder von Sana Shahmuradova Tanska,
die durch die zentrale Ausstellungshalle zu gleiten scheinen wie stumme
Geister, oder die kleinformatigen, altmeisterlich gehaltenen Gruselszenen von Michaël Borremans, auf denen nackte, kleine Kinder zu sehen
sind, die mit verstümmelten Gliedmaßen spielen, versunken, fasziniert –
verloren für die Zivilisation, so Borremans‘ implizite Frage, oder doch eher in
ihrer Widersprüchlichkeit immer auch Teil dieser Zivilisation?
Diese dialektische Dynamik durchzieht den Hauptteil von Global Fascisms, in dem sich großformatige und grelle Videoarbeiten mit eher
filmischen Meditationen abwechseln, raumgreifende Fotoarbeiten und Skulpturen
wie die von Matthew Barney. Dessen Patriot zeigt eine verdrehte Konstruktion,
in der ein Footballtrikot hängt. Den Männlichkeitskult, der dem Faschismus
eingeschrieben ist, den Siegeswillen, die Frage auch von sexualisierter Politik
und Gewalt benennt eine kleine Zeichnung Barneys, die fast unscheinbar daneben
hängt: Impact Object, gerade in der komplexen Rätselhaftigkeit eines der
schönsten Werke der Ausstellung.