Gigantischer Literaturpreis: Eine Million Euro für jedes ein einziges Buch?

Der Aena-Literaturpreis für Erzählliteratur, benannt nach einem spanischen Flughafenbetreiber, kam schon vor der ersten Verleihung mächtig ins Gerede: eine Million Euro für ein einziges, 2025 in spanischer Sprache veröffentlichtes Buch? Das klingt nach Wahnsinn, ist aber eine genau kalkulierte kulturpolitische Geste. Eine aus anerkannten Experten zusammengesetzte Jury sollte dem rein kommerziellen Planeta-Preis, der ebenfalls mit einer Million Euro dotiert ist, etwas Seriöses entgegensetzen und literarische Qualität prämieren statt leicht verdauliches Romanfutter oder TV-Popularität. Entsprechend enthielt die Shortlist nur seriöse Namen.

Dann wurde in der vergangenen Woche verkündet, die achtundvierzigjährige Argentinierin Samanta Schweblin erhalte die gigantische Preissumme für ihren Erzählungsband „Das gute Übel“, ein Buch, das den Ruf der Autorin als eine der interessantesten Schriftstellerinnen der Gegenwart festigte und auch in Deutschland glänzende Kritiken erntete.

Darf Staatsknete in dieser Größenordnung die Künste alimentieren?

Doch spürte man es hier und da doch wieder zucken: wirklich eine ganze Million Euro für 190 Seiten? In Spanien bemühte man sich darum, keine Neiddebatte daraus zu machen, dabei weiß jeder, dass kaum ein Künstler ganz ohne Neid auskommt: Nur Auszeichnungen, die man selbst gewinnt, erhöhen das Prestige und sichern wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Den größten Zweifel säte der Preisstifter Aena, an dem der spanische Staat zu 51 Prozent beteiligt ist. Darf Staatsknete in dieser Größenordnung die Künste alimentieren? Die großen Literaturpreise tun es bescheidener: Der Cervantes-Preis ist mit 125.000 Euro dotiert, der britische Booker-Preis mit umgerechnet 57.000, der französische Goncourt sogar nur mit zehn Euro. Dafür treibt dort das muntere Wettspiel, das wochenlang die kulturelle Debatte beherrscht, die Auflagen in die Höhe. Wichtig bei dem neuen Literaturpreis ist das Kleingedruckte. Nicht eine, sondern sogar zwei Millionen fließen für die Literatur.

Die Schriftstellerin Samanta Schweblin posiert mit dem Aena-Literaturpreis. Der Preis ist mit einer Million Euro dotiert.
Die Schriftstellerin Samanta Schweblin posiert mit dem Aena-Literaturpreis. Der Preis ist mit einer Million Euro dotiert.dpa

Die zweite Tranche geht in den Kauf der Bücher aller fünf Finalisten, mit denen die Aena-Angestellten, öffentliche Bibliotheken und jene Kommunen beglückt werden, in denen Aena Flughäfen betreibt. Lassen wir mal die Busbahnhöfe beiseite, die es auch nötig hätten: Über einen Seitenweg gibt der Staat Geld für etwas aus, was der Aena-Chef Maurici Lucena „soziale Nachhaltigkeit“ nennt. Aus diesem Topf bekommen auch Spaniens Opern sowie NGOs etwas ab. Und die Autorin Samanta Schweblin? Sie ist eine würdige Preisträgerin.

Schon vor sechzehn Jahren erzählte sie uns in einem Billardcafé in Buenos Aires von ihren Strategien, in einer teuren, inflationsgeplagten Stadt Zeit zum Schreiben zu finden. Ihre dunklen Geschichten erzählt sie, seit sie Kind war. Dann zog sie nach Berlin, lebte vom Ersparten und entwarf mit größter Konsequenz ein literarisches Universum von „beunruhigender Schönheit“, wie es in der Begründung der Jury heißt. Inzwischen erreicht es sein Publikum in 25 Sprachen. Es gibt verwerflichere Arten, eine Million Euro auszugeben.

Source: faz.net