Gewalt in Mexiko eskaliert nachher Tötung von Drogenboss „El Mencho“ – Airlines streichen Flüge
Bei einem Militäreinsatz ist der mutmaßlich mächtigste Drogenboss Mexikos, „El Mencho“, getötet worden. In mehreren Bundesstaaten reagierten Kartellmitglieder mit Gewalt. Fluggesellschaften aus den USA und Kanada streichen Flüge – noch in der Luft kehrten Maschinen um.
Mexikos mächtigster Drogenboss Nemesio Oseguera Cervantes, aka „El Mencho“, ist tot – doch seine Anhänger überziehen das Land mit einer Welle der Gewalt, die auch Touristenorte trifft.
Mexikanische Soldaten einer Sondereinheit der Streitkräfte erschossen „El Mencho“ am Sonntag bei einem Einsatz zu einer Festnahme. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums starb er, während er nach Mexiko-Stadt transportiert wurde. Die US-Behörden hätten im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit mit Informationen beigetragen, hieß es weiter.
Bei der Operation in der Gemeinde Tapalpa im westlichen Bundesstaat Jalisco kamen den offiziellen Angaben zufolge neben dem Drogenboss sechs weitere Bandenmitglieder ums Leben, zwei weitere wurden festgenommen. Drei Soldaten wurden den Angaben zufolge verletzt und in ein Krankenhaus gebracht. Panzerfahrzeuge, Raketenwerfer sowie andere Waffen wurden sichergestellt.
Der Einsatz löste eine gewalttätige Reaktion des von „El Mencho“ angeführten Drogenkartells Jalisco Nueva Generación (CJNG) aus. Als Reaktion auf den Militäreinsatz sperrten Bandenmitglieder in mehreren Bundesstaaten, darunter in Jalisco, Michoacán, Aguascalientes, Tamaulipas und Guanajuato, Straßen mit brennenden Autos, Lastwagen und Bussen.
Auch wurden Feuer in Apotheken und kleinen Einzelhandelsgeschäften gelegt. In der von Touristen beliebten Stadt Puerto Vallarta an der Pazifikküste waren in Videos brennende Autos und große schwarze Rauchwolken zu sehen, die zwischen den Gebäuden aufstiegen. Die Behörden riefen die Menschen dazu auf, sich in Sicherheit zu bringen.
In Guadalajara, der Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco, blockierten brennende Fahrzeuge Straßen. Die zweitgrößte Stadt Mexikos soll während der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Sommer Spiele ausrichten. Der Gouverneur von Jalisco, Pablo Lemus, forderte die Bewohner auf, zu Hause zu bleiben, und stellte den öffentlichen Nahverkehr ein. Der Schulbetrieb wurde für Montag abgesagt.
Mexikos Präsidentin ruft zur Ruhe auf – US-Airlines streichen Flüge
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. „Wir müssen informiert bleiben und Ruhe bewahren“, schrieb sie auf X.
Die US-Botschaft in Mexiko gab eine Sicherheitswarnung für US-Bürger aus. Aufgrund laufender Sicherheitsoperationen und Straßensperren sollten US-Bürger an den betroffenen Orten bis auf Weiteres in ihren Unterkünften bleiben, hieß es. Unter anderem wurde vor Gewalttaten in den beliebten karibischen Urlaubszielen Cancún, Cozumel und Tulum gewarnt.
Airlines wie United, Southwest und Air Canada teilten mit, die Städte Puerto Vallarta, Guadalajara oder Manzanillo würden vorerst nicht mehr angeflogen. Einige Flugzeuge, die bereits auf dem Weg nach Mexiko gewesen seien, seien auf halber Strecke umgekehrt.
Die deutsche Botschaft warnte auf X, dass es „in verschiedenen Landesteilen zu Unruhen, Straßensperren und Brandstiftungen“ kommt. Wer sich an einem sicheren Ort wie einem Hotel aufhalte, solle dort bis auf weiteres bleiben und auf nicht unbedingt erforderliche Fahrten verzichten. „Versuchen Sie bei Straßensperren nicht, sich zu widersetzen oder zu flüchten“, erklärte die Botschaft weiter.
„El Mencho“-Kartell als ausländische Terrororganisation eingestuft
„El Mencho“ wurde 59 Jahre alt. Er wurde am 17. Juli 1966 in Aguililla geboren, einer armen Gemeinde im westlichen Bundesstaat Michoacán. In der mexikanischen Unterwelt wurde er wegen seiner Vorliebe für Hahnenkämpfe der „Herr der Hähne“ genannt. Sein weiterer Spitzname, „El Mencho“, soll eine Ableitung seines Vornamens Nemesio sein. Zahlreiche Narco-Lieder, „narcocorridos“ genannt, feiern seine kriminellen Machenschaften.
Die US-Regierung hatte das extrem gewalttätige Drogenkartell von „El Mencho“ als ausländische Terrororganisation eingestuft und eine Belohnung von 15 Millionen US-Dollar (rund 12,7 Mio. Euro) auf „El Mencho“ ausgesetzt. Das von ihm geführte Verbrechersyndikat ist nach Angaben der US-Behörden eine transnationale Organisation mit Verbindungen bis nach China und Australien. Neben dem Handel mit Fentanyl ist sie demnach auch in Erpressung, Schleusung von Migranten, Diebstahl von Öl und Mineralien sowie Waffenhandel verwickelt.
Washington reagierte auf die Nachricht seiner Tötung über den stellvertretenden US-Außenminister Christopher Landau. Einer der „blutigsten und rücksichtslosesten Drogenbosse“ sei getötet worden, schrieb er auf X. „Das ist eine großartige Entwicklung für Mexiko, die USA, Lateinamerika und die ganze Welt. Die Guten sind stärker als die Bösen“.
„El Mencho“: Von Schmuggler zum Polizisten und zum Kartell-Anführer
Nach Angaben des US-Finanzministeriums ist Oseguera seit den 1990er-Jahren in den Drogenhandel verwickelt. 1994 wurde er in Sacramento im US-Bundesstaat Kalifornien wegen Heroinschmuggels verhaftet. Nach drei Jahren Gefängnis wurde er nach Mexiko abgeschoben – und heuerte im Bundesstaat Jalisco als Polizist an.
Später schloss er sich dem Milenio-Kartell an, eines der ersten mexikanischen Verbrechersyndikate, die mit synthetischen Drogen handelten. Er arbeitete dabei mit dem Sinaloa-Kartell des Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán zusammen, der inzwischen in einem US-Gefängnis sitzt. Später kam es zur Abspaltung und Gründung des CJNG-Kartells. Unter Osegueras Führung entwickelte es sich rasch zu einer der mächtigsten kriminellen Organisationen Mexikos.
Das „Unternehmen mit den vier Buchstaben“, wie das Kartell von seinen Mitgliedern genannt wird, verfügt über ein großes Waffenarsenal und gepanzerte Fahrzeuge. Auf X macht ein Video aus 2020 die Runde, das eine paramilitärische Eliteeinheit des Kartells zeigen soll.
In Mexiko verübte CJNG blutige Anschläge auf Sicherheitskräfte, hängte Leichen an Brücken auf und schoss einmal sogar einen Militärhubschrauber ab, wobei neun Menschen ums Leben kamen. Dem Kartell wird vorgeworfen, junge Menschen auch mit falschen Jobangeboten anzulocken, um sie zwangsweise zu rekrutieren.
„El Mencho“, der ein unauffälliges Leben führte, soll ein Milliardenvermögen besessen und Geld mit Immobilien, Viehzucht und Musikgeschäften gewaschen haben. In den sozialen Netzwerken kursieren immer wieder mutmaßliche Propagandavideos des Kartells. Darin sind schwer bewaffnete Männer in Kampfuniformen zu sehen, die sich als „Leute von Señor Mencho“ bezeichnen.
AFP/AP/dpa/ceb/sebe
Source: welt.de