Gesundheit und Alkohol: Wein ist nicht nur schädlich

Martin Luther war sich sicher: „Der Wein ist gesegnet und hat das Zeugnis in der Schrift, das Bier dagegen ist menschliche Tradition.“ Doch welcher Segen liegt heute noch auf einem Getränk, das die Geschichte der Menschheit seit rund 10.000 Jahren begleitet und das bei der Entstehung früher Gesellschaftsformen wohl eine entscheidende Rolle gespielt hat?
Geht es nach dem britischen Evolutionspsychologen Robin Dunbar, dann waren es kleine, in gemeinsame Rituale eingelassene Räuschchen, die es der nicht unbedingt auf Kooperation angelegten Gattung Homo sapiens erlaubten, in größeren Gruppen Zutrauen zueinander und damit Frühformen der Zivilisation zu entwickeln.
Wein aus Trauben war anfangs noch nicht im Spiel. Doch was die alkoholische Gärung mit Zucker macht, der sich als natürlicher Bestandteil in den Beeren der Gattung Vitis vinifera subspec. vinifera findet, das bewerkstelligte die Natur schon zur Zeit der Menschenaffen mit dem Zucker überreifer Früchte. Auch der biochemische Wirkmechanismus ist heute der derselbe wie in uralten Zeiten.
Ein Zellgift – aber mehr als das
Ethanol ist ein Zellgift, das auch hinter der Blut-Hirn-Schranke viel Unheil anrichten kann. Wenn etwa die Aktivität des präfrontalen Cortex beeinträchtigt wird, dann leiden Emotionsregulation und Selbstkontrolle. Doch die Wirkung alkoholhaltiger Getränke auf kanzerogene Toxizität und Suchtgefahr zu reduzieren, spottet der Evolutionsgeschichte der Menschheit Hohn.
Im Zentralen Nervensystem kann Ethanol Wunder bewirken, indem es die Ausschüttung von Endorphin und der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin stimuliert, die für das Bindungsverhalten essenziell sind. Private Laster, so könnte man Mandevilles Bienenfabel für den Umgang mit Alkohol reklamieren, gehen so mit manchen öffentlichen Vorteilen einher. Persönliches Wohlbefinden macht Individuen kommunikativer und kooperativer, Ligaturen in Gestalt gemeinschaftlicher Rituale machen Gesellschaften widerstandsfähiger.
Nicht falsch, aber auch nicht richtig
Die Aussage, dass Alkohol niemals „unschädlich“ sei, wird deswegen nicht falsch. Aber sie ist deswegen noch lange nicht richtig. Ihre Prämisse ist ein verkürzter Gesundheitsbegriff, der nur auf die Risiken für Physis und Psyche abstellt. Die Wirkungen des Alkohols auf die individuelle wie auf die öffentliche Gesundheit sind viel komplexer, als dass sie sich auf einfache Verzichtsformeln und statistische Modelle bringen ließen.
Dieses Wissen begleitet die Zivilisation seit ihren Anfängen, und nirgends ist es besser dokumentiert als in den heiligen Schriften des Juden- und des Christentums. Die Schöpfungsgeschichten etwa wissen von Wein und Bier nichts. Freilich konnte es im Paradies keinen Wein geben, weil er Arbeit voraussetzt. Und Sesshaftigkeit. Ohne Natur keinen Wein, aber ohne Kultur keine (wie man heute sagt) Kelter- oder Tafeltrauben, und ohne Technik am Ende immer Essig. So viel zur suggestiven, aber nicht minder naiven Vorstellung von „Naturwein“.
Gar nicht naiv ist die Bibel, was die Risiken des Umgangs mit Wein angeht. Noah, der Sintflut-Überlebende und erste Winzer, verabschiedet sich nach einem in Fluch und Segen mündenden Vollrausch aus der Heilsgeschichte. Aber es gibt keine Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten ohne Wein – bis heute.
Was das Pessach-Fest den Juden, das ist das Abendmahl den Christen. Hoffnung auf ein Leben in Fülle aus der Erinnerung an das erlösende Wirken eines Menschen, den Gott nicht im Tod gelassen hat. Wein ist eine Metapher der Begegnung von Gott und Mensch, von Geist und Materie.
Wie anders und in einem Punkt wie ähnlich ist doch der Zugang der Griechen zum Mysterium Wein. Kurioserweise wandert der Weingott Dionysos erst dann in den Götterhimmel, als es gilt, das Volk mit kontrollierter Ekstase mit der Tyrannis zu versöhnen. Metamorphose ist das Ziel. Für die Gebildeten wird jedoch das Symposion zur Gesellschaftsform schlechthin. Wo, wenn nicht in gemeinsamem Essen und Trinken, lassen sich die bösen Geister der Zwietracht bannen, und wie, wenn nicht im angeregten Gespräch, die guten Geister rufen?
Das Lachen wird ihnen bald vergehen
Wenn heute der Weingebrauch weltweit sinkt, dann mögen sich Gesundheitspolitiker freuen. Aber das Lachen wird ihnen bald vergehen. Wenn sich die Jungen nur noch virtuell versammeln, in Familien die Mahlzeiten nicht mehr gemeinsam eingenommen werden, immer mehr Menschen niemanden mehr haben, mit dem sie im Alltag Freude und Leid teilen können, wird Einsamkeit zur Signatur der Gesellschaft schlechthin. Gesund ist das nicht.
Wo aber Menschen zusammenkommen, um sich gemeinsam dem Genuss hinzugeben, da ist Leben in Fülle. Auch das wusste niemand besser als der für seine Tischgesellschaften berühmte Martin Luther. „Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, das sei Gott gedankt. Amen.“
Source: faz.net