Gespräche in Genf: Krieg für jedes die Ukrainer, Billionen für jedes Trump

Mit einem außergewöhnlichen Gefühlsausbruch hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Verlauf und Ausgang der jüngsten Gespräche in Genf über ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen sein Land reagiert. „Ich brauche keinen historischen Scheiß, um diesen Krieg zu beenden und zur Diplomatie überzugehen“, schrieb Selenskyj auf der Plattform X. „Das ist nur noch Hinhaltetaktik. Ich habe genauso viele Geschichtsbücher gelesen wie Putin“, erklärte Selenskyj über den russischen Herrscher. „Und ich habe viel gelernt.“

Er wisse mehr über Russland als Putin über die Ukrai­ne, hob Selenskyj hervor, der vor seinem Einstieg in die Politik als Schauspieler und Moderator auch in Russland große Beliebtheit erlangt hatte. So präsentierte er eine traditionelle Silvestergala im russischen Staatsfernsehen, bei der ihm ein heutiger Kriegspropagandist Putins, Wladimir Solowjow, zujubelte.

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Putin sei nur selten in der Ukraine gewesen, und wenn, dann nur in Großstädten, so Selenskyj. Er dagegen sei auch in russischen Kleinstädten gewesen, „vom Norden bis zum Süden, überall. Ich kenne ihre Mentalität“, die Russen hätten sich entschieden, dass sie „einen neuen Zaren“ bräuchten. Das sei ihre Sache, doch für die Ukraine gehe es um Sicherheit. „Gegen uns wird ein großer Krieg geführt, es geht um unser Leben.“ Er wolle deshalb nur darüber sprechen, wie dieser Konflikt bestmöglich gelöst und der Krieg „schnellstmöglich beendet“ werden könne.

Russland bleibt bei seiner Linie

Zuvor waren die Gespräche in Genf zwischen der Ukraine, Russland und den USA offenbar ergebnislos zu Ende gegangen. Die zweite Verhandlungsrunde am Mittwoch wurde bereits nach zwei Stunden beendet. Rustem Umjerow, der Verhandlungsführer der ukrainischen Delegation und Leiter des Nationalen Sicherheitsrats, sprach im Anschluss lediglich vage von „Fortschritten“, die erreicht wurden, nannte jedoch keine Details. Vielmehr soll die ukrainische Delegation abermals von Geschichtsvorträgen des russischen Verhandlungsführers Wladimir Medinskij genervt gewesen sein.

Putins Kulturberater: Wladimir Medinskij war schon bei den Verhandlungen in Belarus 2022 dabei
Putins Kulturberater: Wladimir Medinskij war schon bei den Verhandlungen in Belarus 2022 dabeidpa

Putins Kulturberater hat Bestseller über „Mythen“ verfasst, mit denen der Westen Russland schon immer habe kleinhalten wollen, und leitet die neoimperiale „Russische Militärhistorische Gesellschaft“, die den Diktator Stalin verklärt. In der Ukraine wird diese Art der Gesprächsführung als Hinhalten empfunden, weil Russland auf diese Weise der amerikanischen Seite Gesprächsbereitschaft suggeriere, aber keinerlei Schritte zur Lösung des Konflikts gehe.

Der Kreml bleibt weiter bei der Linie, den Angriffskrieg fortzuführen, nicht von Putins Maximalforderungen abzurücken, Trump zu umwerben und die Europäer zu kritisieren. Offiziell beschränkte sich Medinskij in Genf auf die Aussage, die Verhandlungen seien „schwer, aber sachlich“ gewesen. Putins Sprecher wollte am Donnerstag nicht mehr sagen. Alexandr Gruschko, ein stellvertretender Außenminister, wies neuerlich „Aufrufe der Europäer, an den Verhandlungstisch gelassen zu werden“, zurück, und griff Putins Darstellung dieser Gegner als Kriegstreiber auf. Denn für Moskau sind weiter allein die Amerikaner der Verhandlungspartner, von dem man sich Impulse erhofft, die für Putins Kriegsziele in der Ukraine und darüber hinaus günstig sind.

Dmitrijew soll Trump ködern

Dennoch will sich Kiew weiteren Gesprächen nicht verschließen. Laut Selenskyj werde ein weiteres Treffen in der Schweiz stattfinden, an dem die Ukraine „selbstverständlich teilnehmen“ werde. Zugleich bekräftigte er, dass die Ukraine kein Gebiet an Russland abtreten oder sich aus derzeit von ihr kontrolliertem Gebiet wie dem Donbass zurückziehen werde. Tausende Ukrainer seien getötet worden, als sie diesen Teil der Ukraine verteidigten, sagte Selenskyj einem britischen Journalisten. „Wir müssen verstehen, dass der Donbass Teil unserer Unabhängigkeit ist“, so der Präsident. „Es geht nicht nur um Territorien. Es geht um Menschen.“

Vor Blumensträußen: In Genf saßen sich die Delegationen gegenüber.
Vor Blumensträußen: In Genf saßen sich die Delegationen gegenüber.dpa

Es geht darum, Trump einzureden, nicht Putin, sondern Selenskyj und dessen europäische Unterstützer seien schuld daran, dass sich weiter kein Ende des Krieges abzeichnet, das der US-Präsident angeblich bis Juni erreichen will. Um Trump für Putin einzunehmen, nutzt dieser die bilateralen, russisch-amerikanischen Gespräche, die 2025 begannen und nun die trilateralen Begeg­nungen flankieren.

Putins Mann dafür ist der in den USA ausgebildete Kirill Dmitrijew, der als Leiter des Staatsinvestitionsfonds RDIF wie ein Wirtschaftslenker wirkt, aber ebenso in Putins Machtapparat eingebunden ist wie andere Funktionäre. Auch in Genf war Dmitrijew dabei, zuvor in Abu Dhabi, oft reist er in die USA, und wenn Trumps Emissäre nach Russland kommen, ist Dmitrijew dabei, holt sie am Flughafen ab, führt sie zum Essen aus. Seine Rolle ist es, Trump mit Wirtschaftsideen zu ködern, und seien es ökonomisch absurde wie ein Tunnel unter der Beringstraße zwischen Russlands äußerstem Nordosten und Alaska.

„Potential von mehr als 14 Billionen Dollar“

Über Dmitrijew als Sondergesandten beeinflusste Moskau auch im Herbst Trumps Entwurf für einen „Friedensplan“. Selenskyj sagte jüngst, Russland habe den USA in einem „Dmitrijew-Paket“ Geschäfte im Umfang von zwölf Billionen Dollar in Aussicht gestellt, wenn Sanktionen gelockert würden. Die Summe wäre rund sechsmal höher als Russlands Bruttoinlandsprodukt. Die Übertreibung diene dazu, Trumps Interesse zu gewinnen, schrieb nun „The Economist“.

In einem Post auf der Plattform X, die Dmitrijew in Russland zensurbedingt über VPN-Umweg nutzen muss, bezeichnete er den Bericht der Zeitschrift als „Fake News“, behauptete aber, das „Potential von US-Russland-Projekten“ belaufe sich gar auf „mehr als 14 Billionen Dollar“. Dabei zählt der Artikel von geographischen bis zu politischen Faktoren etliche Gründe dafür auf, warum Putins Russland „nur geringes Potential für ein neues El Dorado“ habe, hebt aber hervor, Personen, die Trump nahestehen, könnten für sich selbst lukrative Geschäfte dort sichern. Zitiert wurde ein „Insider“ in Washington, einige dieser Personen hätten mit Kreml-Emissären über Vorstandsposten in russischen Unternehmen gesprochen. Zudem könnten Bau- und Pipelineprojekte einige Taschen füllen.

Source: faz.net