Gesellschaft: Schnee in Irland: Kokainrausch gen jener Grünen Insel






Kokain ist in Irland überall: Der Handel und die Zahl der Behandlungsfälle von Suchtkranken steigen gleichermaßen, die Droge ist in allen Schichten angekommen. Bestellt wird per App wie Fast Food.

„An jeder Ecke scheint es Koks zu geben, das ist schon gruselig“, erzählt die australische Touristin Nicole Davis, während sie gemeinsam mit ihrem Mann durch das Szeneviertel Temple Bar in Dublin schlendert. Zwar sei es schön, nach Jahren wieder einmal die irische Hauptstadt zu besuchen, sagt Ethan Davis. Es hat sich aber einiges verändert – und dieser Eindruck beschränkt sich nicht auf Partygänger oder in Hauseingängen liegende Suchtkranke.



Von 2017 bis 2024 ist Kokain zur Hauptdroge der Iren geworden – die Zahl der Menschen in Behandlung stieg um 252,6 Prozent, wie aus dem Bericht „Drug Treatment Demand in Ireland“ hervorgeht. Der Konsum von Kokainpulver ist um 216 Prozent gestiegen, die Nutzung der rauchbaren Variante Crack um extreme 668,2 Prozent. Weil die Droge die Insel förmlich überschwemmt, wird Kokain in Irland immer billiger. 

Kokain-Sets im Schaufenster

Kokain und Crack sind längst in allen Schichten und Altersgruppen präsent, in Dörfern werden die Drogen ähnlich viel konsumiert wie in Städten. Der Kauf ist dabei so einfach wie Pizza bestellen: „Wer glaubt, es gehe immer noch darum, einen zwielichtigen Typen mit ein paar fragwürdigen Tütchen zu finden, hat die Marketingrevolution verpasst“, sagte Journalistin Kathy Sheridan von der „Irish Times“. „Über Snapchat, Signal oder WhatsApp zu bestellende „Menüs“ sind so professionell gestaltet und farbenfroh illustriert wie Supermarktanzeigen, mit Rabatten für Pakete und Kombinationen.“ 


Im Zentrum Dublins sieht man hier und da sogar Kokain-Sets, auch Snuff-Sets genannt, für 18 Euro. Im Schaufenster werden sie ausgestellt – ein Täschchen mit Spiegel, Rasierklinge, Schnupfröhrchen, Fläschchen und Metalllöffel.

Mitte März hatte die irische Polizei Gardaí bei einer Razzia ein Drogenhandelsnetzwerk hochgenommen und Kokain im Wert von 5,25 Millionen Euro beschlagnahmt. Ein relativ kleiner Fund, denn im September 2023 war Fahndern an der Südostküste Irlands auf einem in Panama registrierten Schiff die bislang größte Menge an Kokain ins Netz gegangen: An Bord befanden sich 2.253 Kilogramm Kokain im Wert von schätzungsweise 157 Millionen Euro. Acht Männer wurden in der Folge zu 13,5 bis 20 Jahren Haft verurteilt. Razzien wie diese sind auf der Grünen Insel keine Seltenheit.




Abwasseranalysen bringen Licht ins Dunkel

Schon 2019 rangierte Irland einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge an weltweit vierter Stelle bei den Kokainkonsumenten, es teilt sich den Platz mit den USA und Österreich. Nur Australien, die Niederlande und Spanien verzeichneten höhere Zahlen. 


In Dublin sei Kokain mit deutlichem Abstand die am häufigsten nachgewiesene Droge im Abwasser, mit den höchsten Werten an Freitagen und Montagen, sagte Lorraine Nolan, selbst Irin und seit 2025 Geschäftsführerin der Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA). Die Werte seien aktuell etwa zehnmal höher als bei Ketamin, auch wenn im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um 18 Prozent zu verzeichnen sei.

Verstärkte Nachfrage nach Hilfsangeboten

Das irische Amt für Gesundheitsforschung (HRB) meldete für das Jahr 2024 eine Rekordzahl von 13.295 behandelten Fällen wegen problematischem Kokainkonsums. Hintergrund sei auch die bessere Kommunikation zu verstärkten Hilfsangeboten, teilte das irische Gesundheitsministerium der Deutschen Presse-Agentur mit. Investitionen im Rahmen einer Nationalen Drogenstrategie hätten den Zugang verbessert. „Seit Beginn der Kampagne im Jahr 2017 ist die Zahl der Fälle um 50 Prozent gestiegen“, so eine Sprecherin. 170 Millionen Euro stellten das Gesundheitsministerium und die Gesundheitsbehörde 2025 für drogenbezogene Dienste bereit.





„In den Jahren 2022 und 2023 hat das Gesundheitsministerium regelmäßig 1,35 Millionen Euro in die Drogenhilfsangebote für Menschen mit problematischem Kokainkonsum gesteckt, darunter Projekte, die sich speziell an Frauen richten, die Kokain und Crack konsumieren“, teilte die Sprecherin mit. Zwar sind irische Kokain-Konsumenten laut einer Umfrage von 2023 mit 84 Prozent mehrheitlich Männer, aber die Zahl der Frauen, die sich wegen Kokskonsums in Behandlung begeben haben, sei zwischen 2017 und 2024 um 426,1 Prozent gestiegen.

Was die Fischerei mit dem Problem zu tun hat

Nun ist die Kokain-Krise auf der Grünen Insel nicht allein hausgemacht, sondern auch abhängig von Fischerei-Regelungen der EU. Die machen es vielen Menschen an der irischen Küste seit Jahren schwer, ihren Lebensunterhalt mit den Netzen ihrer Boote zu verdienen. Wie der Geschäftsführer der EU-Zentrale zur Analyse des Drogenhandels nach Europa (MAOC-N), Sjoerd Top, erläuterte, lassen sich irische Fischer aufgrund schwindender Bestände und zur Bewältigung ihrer Schulden leichter zum Schmuggel großer Drogenmengen überreden als früher.

Fischer würden derzeit „eine schwere Zeit durchmachen“, sagte Top dem Nachrichtenportal „The Journal“: „Weil zu viel gefischt wurde, verdienen sie kein Geld. Wenn sie viel in ihre Schiffe investiert haben und das Geld zur Tilgung ihrer Kredite nicht durch Fischfang verdienen können, werden sie wahrscheinlich eine andere Lösung finden.“ Und das könne den Weg in die Kriminalität bedeuten.





Hinzu kommt, dass die geografischen Bedingungen an der stark zerklüfteten Küste mit ihren vielen kleinen Buchten, die nicht rund um die Uhr beobachtet werden können, es den Schmugglern besonders leicht machen.

Korrupte Besatzungsmitglieder auf legalen Frachtschiffen sollen laut Polizei bis zu 200.000 Euro dafür bekommen, Kokain-Ladungen vor der irischen Küste abzusetzen, sagte Kriminalhauptkommissar Seamus Boland zu „The Journal“. Er leitet die Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen. Diese Zahl verdeutliche, um was für riesige Geldsummen es auf dem lukrativen Drogenschmuggelmarkt gehe – selbst für Leute ganz unten in der Hierarchie.

dpa

Source: stern.de