Geschichte welcher Rätebewegung: Wo welcher Staat versagt, da entstehen Räte

Für Planwirtschaft hat Christopher Wimmer so wenig Sympathie wie für bürgerliche Planfeststellungsverfahren. Seine Faszination gilt der anarchistischen Variante gesellschaftlicher Organisation: den Räten. Wenn Stalin von oben her operierte, denkt der Syndikalismus von unten. Seine Logik ist die der Graswurzelbewegung. Aus dieser Perspektive widmet sich auch „Alles muss man selber machen“ den historischen Bemühungen, Gesellschaften zu errichten, die ihre Produktivkräfte selbst verwalten.

Wimmers Geschichte der Rätebewegung ist keine hegelianische Entwicklung von der Knospe zur Blüte. Um jede Linearität auszuschließen, beginnt das Buch im Kurdistan der Gegenwart. Wimmer hat das kurdische Autonomiegebiet im Rahmen seiner Forschungen besucht und ist dort auf ein großes Demokratiedefizit gestoßen. Das muss nicht überraschen: Auch in der Ukraine müssen wegen der russischen Kriegsführung Wahlen verschoben werden. Doch daran schließt sich die Frage an: Können Räte unter Kriegsbedingungen überhaupt funktionieren?

Die Pariser Kommune organisierte die Wirtschaft neu

Bei Wimmer wird deutlich, dass es eine erstaunliche Nähe zwischen Rätebewegung und Ausnahmezustand gibt. Alle frühen Beispiele der Selbstverwaltung sind kriegerischen Ursprungs, und so führt sein gegenchronologischer, aber folgerichtiger Weg von Kurdistan nach Paris, wo der Mythos speziell sozialistischer Selbstorganisation 1871 seinen Ausgang nahm: Bedroht durch den äußeren Feind und von der eigenen Regierung verraten, nahmen die Hauptstädter die Verteidigung kurzerhand selbst in die Hand.

Christopher Wimmer: „Alles muss man selber machen“. Zur Geschichte der Rätebewegungen.
Christopher Wimmer: „Alles muss man selber machen“. Zur Geschichte der Rätebewegungen.Karl Dietz

Die Pariser Kommune war allerdings mehr als ein Militärbündnis. Innerhalb der Stadtmauern organisierte sie die Wirtschaft neu, kollektivierte Betriebe und führte basisdemokratische Direktmandate ein. Dies diente auch den russischen Revolutionären von 1917 als Vorbild. Man vergisst leicht, dass die UdSSR – zumindest dem Namen nach – eine Räterepublik war. Von Petrograd führt Wimmer seine Leser in das Nachkriegseuropa, in dem Adelsschlösser zu Ferienlagern wurden. Auch die von Kieler Matrosen gestürzte Hohenzollern-Monarchie war, so Wimmer, ein Opfer der Selbstverwaltungsbewegung: „Im Winter 1918/19 [gab es] kaum eine Stadt in Deutschland, keinen Betrieb und keine Garnison ohne Rat.“ Krisenzeiten sind Rätezeiten.

„Alles muss man selber machen“ ist ein flüssig zu lesendes Überblicksbuch. Dass Wimmer eine dezidiert linke Perspektive einnimmt, braucht bei Verlag und Thema nicht erwähnt zu werden. Doch auch wer politisch anders tickt als der Autor, bekommt bei der Lektüre Lust auf mehr: Selbstverwaltung gab es schließlich bereits in mittelalterlichen Städten, man denke nur an die Handwerkerzünfte.

Kollektivbetriebe agierten als Unternehmen auf dem Weltmarkt

Besonders gelungen sind die Kapitel, die von der politischen Ebene in den ökonomischen Produktionsraum hinabsteigen, um etwa in Jugoslawien die Schwierigkeiten sozialistischer Organisation aufzuzeigen. Wimmer zeichnet nach, wie schnell aus Selbstverwaltung Selbstsucht wurde und ein „Manager-Sozialismus“ entstand, bei dem die Kollektivbetriebe als ganz gewöhnliche Unternehmen auf dem Weltmarkt konkurrierten.

In solcher Binnenkritik des ehemals real existierenden Sozialismus liegt auch philosophisches Potential. Wimmer erinnert daran, dass Hannah Arendt, eine explizite Gegnerin des Marxismus, 1956 Partei für die sozialistischen Räte in Ungarn ergriff, sie gar zum Freiheitsereignis schlechthin erklärte. Aus Sicht der Philosophin besteht Freiheit im Zusammenhandeln der Menschen. Räte sind womöglich die wahre Organisationsform dieses Gedankens.

Überlegungen wie diese führen Wimmer nach Mexiko und Tansania, schließlich zurück nach Syrien – diesmal in einen Stadtteil von Damaskus. Hier hatte die Bevölkerung 2012 Assads Truppen vertrieben und die Kommune von Darayya gegründet. Zwar hatte sie kein politisches Programm, aber man tat das Nötige, um etwa die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten, und das ist für Wimmer, wie er bekennt, die Hauptsache: „Wenn es aus der Bewegungsgeschichte der Räte etwas zu lernen gibt, dann das, dass Veränderungen und politische Praxis nicht den Theorien folgen – es ist umgekehrt.“

Christopher Wimmer: „Alles muss man selber machen“. Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava. Karl Dietz Verlag, Berlin 2025. 320 S., br., 24,– €.

Source: faz.net