Geplantes AfD-Kulturzentrum in Weilheim: Ein antifaschistisches Lehrstück aus Oberbayern

Manchmal kann auch das trockenste Beamtendeutsch eine antifaschistische Wirkung haben, das lernt man, wenn man dieser denkwürdigen Sitzung des Weilheimer Stadtrats beiwohnt. „Bebauungsplan ‚Münchener Straße / Schützenstraße / Bahnhofstraße‘ – 14. Änderung; Änderungsbeschluss und Erlass einer Veränderungssperre“: So lautet am Abend des 22. Januar Punkt 7 der Tagesordnung – ein Punkt, der das Zeug dazu haben könnte, das erste Kulturzentrum der Alternative für Deutschland in Bayern zu verhindern.

Wobei an diesem Abend wohl keiner der Stadträte, viele gekleidet im typisch oberbayerischen Lodenjanker, die diesem Änderungsbeschluss zustimmen, ihn mit so etwas wie Antifaschismus in Zusammenhang bringen würde. Nein, schließlich geht es um Parkplätze. Von denen gibt es nun einmal viel zu wenige in Weilheim, und der Änderungsbeschluss verbietet deswegen in einigen bahnhofsnahen Blöcken die Schaffung neuer „Anlagen für sportliche und kulturelle Zwecke“. Solcher Anlagen also, die oft mit dem Auto besucht werden.

Ob der Änderungsantrag nebenbei noch das Ziel verfolgt, den Umbau des ehemaligen Starlight-Kinos in ein AfD-eigenes „Kulturzentrum für Versammlungen und Geselligkeit“, wie deren Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy es nennt, zu verhindern? Darüber kann man an diesem Abend höchstens spekulieren – um es zu wissen, müsste man in die Köpfe der Stadträte blicken können.

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Inge Bias-Putzier spekuliert nicht lange. Sie ist einfach nur froh, dass der Beschluss nun, na ja, beschlossen ist. Für theoretische Überlegungen fehlt der Weilheimerin, die in knallroter Winterjacke durch die strahlend sonnige Stadt führt, in diesen Tagen sowieso die Zeit. Ohne Menschen wie Inge Bias-Putzier, so viel sei vorab gesagt, wäre es wohl nie zu diesem Stadtratsbeschluss gekommen.

Kaum ein zivilgesellschaftlicher Verband in Weilheim, der ohne sie auskommt: Bei „Asyl im Oberland“ ist sie, bei den Omas gegen Rechts, und in ein paar Tagen steht noch die Großdemo der Bürgerinitiative „Wir in Weilheim“ an, die Inge Bias-Putzier mitorganisiert. Die Stadtkapelle wird spielen, der ehemalige Pfarrer sprechen, auch jemand von der Islamischen Gemeinde, eine bekannte Professorin aus der Gegend. Das alles will organisiert sein, genau wie die Buchvorstellung des Rechtsextremismus-Experten Hendrik Cremer. „Ich bin ganz gut beschäftigt“, sagt Inge Bias-Putzier lapidar.

Eine „Begegnungsstätte für patriotisch gesinnte Bürger“

Ja, es rührt sich was im oberbayerischen Weilheim, einem 23.000-Einwohner-Städtchen mitten im Hochglanzbayern zwischen Ammersee und Zugspitze, mit katholischen Lüftlmalereien, Trachtenverein und Zwiebelturmkirche. Einst malte Wassily Kandinsky die Stadt, später wurde sie als Geburtsstätte von Indie-Bands wie The Notwist auch über die Region hinaus bekannt. Kulturelle Vielfalt hat Weilheim also zu bieten, aber eine AfD-eigene „Begegnungsstätte für patriotisch gesinnte Bürger“, wie der Landtagsabgeordnete Benjamin Nolte es beschreibt, wäre doch noch einmal etwas anderes.

Dass die AfD in Weilheim große Pläne hat, weiß man hier jedenfalls schon länger. Bereits im August 2024 schrieb das Weilheimer Tagblatt über Gerüchte, die AfD könnte in das ehemalige Starlight-Kino ziehen, dessen Mietvertrag nicht verlängert wurde. Im selben Gebäude, beim selben pressescheuen Vermieter, betreibt die AfD bereits seit Längerem ein Bürgerbüro. In dem alten Kino, schrieb damals eine Weilheimerin an das Tagblatt, „wurde so viel an Weltoffenheit, Kunst, Kultur und Lebensweisheit gezeigt, und jetzt die AfD?“ Man dürfe nicht verschlafen oder die Sache erst mal laufen lassen. „Nein! Jetzt protestieren!“

Und dann? Nach dem Erscheinen des Artikels passiert erst einmal: fast nichts. „Ehrlich gesagt haben das viele Leute hier gar nicht mitbekommen. Da mussten wir viel Aufklärungsarbeit leisten“, sagt Inge Bias-Putzier, während sie den kurzen Weg durch die Innenstadt abschreitet, der zwei Welten trennt: Vom Büro von „Asyl im Oberland“, wo Bias-Putzier Kurse für Geflüchtete gibt, zum geplanten AfD-Kulturzentrum sind es kaum zehn Minuten zu Fuß.

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Dort angekommen sieht man, dass die AfD die Zeit ohne größeren Widerstand genutzt hat. Dass hier früher mal ein Arthouse-Kino Filme zeigte, erkennt man nur noch am alten Schild, das auf den Bürgersteig ragt. Innen wird längst umgebaut, Leinwand und Sessel sind raus. Die Frau, die an diesem Tag die Bauarbeiten überwacht, möchte mit einem Journalisten aber lieber nicht sprechen. Immerhin erfährt man noch, warum im Fenster ein Plakat der Feuerzangenbowle hängt – der 1944 in Nazi-Deutschland erschienene Film lief letztens, nicht im alten Kino, sondern im AfD-Bürgerbüro nebenan. Die Rechte für öffentliche Aufführungen des Films liegen bei einer Rostockerin, die auch schon bei der AfD aktiv war.

Auch sonst ist viel los im AfD-Bürgerbüro von Weilheim, dabei ist es deutlich kleiner, als das nebenan geplante Kulturzentrum werden soll. Gerade hat sich hier die „Generation Deutschland“ vorgestellt, letztes Jahr war der AfD-Abgeordnete Matthias Helferich da, der sich selbst schon mal das „freundliche Gesicht des NS“ nannte. Und auch die hiesigen AfD-Mitglieder sind keine unbeschriebenen Blätter: Benjamin Nolte, der Weilheim im bayerischen Landtag vertritt, überreichte einst beim Eisenacher Burschentag einem Burschenschaftler der Alemannia Köln eine Banane, weil dort auch ein Schwarzer Bursche mitmachen durfte. Das brachte ihm den Spitznamen „Bananen-Nolte“ ein. Die örtliche AfD-Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy war bei dem „Remigrations“-Treffen in Potsdam mit dem Rechtsextremen Martin Sellner dabei.

Kein Wunder, dass rechte Einstellungen wie in ganz Deutschland auch in Weilheim immer mehr normalisiert werden. Inge Bias-Putzier spürt das am eigenen Leib, zum Beispiel wenn bei ihren Deutschkursen für Geflüchtete plötzlich die Tür aufgeht. „Da kommt dann jemand rein und sagt so etwas wie: ‚Ich find’s nicht richtig, dass Sie den Ausländern helfen, die bei uns nur in der sozialen Hängematte liegen.‘ Und wenn man dem Mann antwortet, er hätte jetzt die Chance, mal mit den Menschen zu sprechen statt nur über sie – dann geht er einfach, er wisse ja schon alles …“

Eines Morgens flattere ein „Amtsblatt“ in die Briefkästen der Weilheimer

Lange lief die Sache so vor sich hin. Gegen das AfD-Kulturzentrum könne man nichts machen, das sei reine Privatsache, hieß es aus dem Rathaus. Bis da eines Morgens im September 2025 dieses „Amtsblatt“ in die Briefkästen der Weilheimer flatterte. Darin entschuldigte sich der Stadtrat „ausdrücklich, trotz der heiklen Lage nicht früher über die Gefahrenlage informiert zu haben“. „Durch beidseitige Gesprächsbereitschaft“, hieß es weiter, habe der Vermieter des Gebäudes überzeugt werden können, es statt an die AfD an die Stadt Weilheim zu vermieten. Nun solle es als „gemeinnützige Kulturstätte“ genutzt werden, dafür sollten die Bürger der Stadt „kreative Vorschläge“ machen.

Nur: Das Ganze war eine Fälschung, wie der Bürgermeister wenig später klarstellte – der dann Anzeige gegen unbekannt erstattete. Doch das änderte nichts daran, dass ganz Weilheim plötzlich über das AfD-Kulturzentrum diskutierte. Das Ziel, „dass die Leute ihren Arsch hochkriegen“, wie einer der anonymen Amtsblattfälscher es in der Süddeutschen Zeitung ausdrückte, wurde jedenfalls erreicht.

„Das hat alles verändert“, sagt auch Inge Bias-Putzier. „Die Amtsblatt-Aktion, die deutschlandweite Berichterstattung – plötzlich war da ein Druck von außen auf das Rathaus, der vorher einfach gefehlt hat.“ Die Bürgerinitiative „Wir in Weilheim“ nutzt den Moment und formuliert ein „Bekenntnis zur Demokratie“ als Vorlage für den Stadtrat. Darin bekennt sich die Stadt zu Respekt und Weltoffenheit und stellt sich gegen „jegliche extremistische Indoktrination“. „Es wurde etwas verwässert, bis es für alle demokratischen Parteien anschlussfähig war“, sagt Bias-Putzier. „Trotzdem war die Verabschiedung im Stadtrat ein wichtiges Signal und ein Wendepunkt im offiziellen Umgang mit der AfD.“

Nicht nur eine, sondern gleich drei Demos gegen die „Generation Deutschland“

Und so macht Weilheim plötzlich den Eindruck einer Stadt, die aufgewacht ist. Als die AfD im örtlichen Bürgerbüro die bayerischen Vertreter der „Generation Deutschland“ einlud, gab es nicht eine, sondern drei Gegendemonstrationen. Bei der Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten ist das AfD-Kulturzentrum plötzlich großes Thema. Und dann, wenige Monate nach der symbolischen Verabschiedung des „Bekenntnisses“, ein ganz konkretes Lebenszeichen aus der Politik. Der Bauausschuss plant, einen innerstädtischen Bebauungsplan so zu ändern, dass keine neuen Versammlungsstätten mehr geschaffen werden dürfen. Betroffen wäre auch das geplante AfD-Kulturzentrum.

Und damit zurück zur Stadtratssitzung im Weilheimer Rathaus, in der aber zunächst einmal über entsiegelte Gärten debattiert und Finanzpläne beschlossen werden. Reno Schmidt, einziger AfD-Vertreter im Stadtrat, folgt alldem mit versteinerter Miene. Wortbeiträge des Berufssoldaten gelten als Seltenheit, und so kann die zweite Bürgermeisterin ein erstauntes „Oh“ nicht unterdrücken, als Schmidt sich dann doch zu Wort meldet: zu dem Punkt, der die AfD ihr Kulturzentrum kosten würde. Am Ende ist es aber nur ein abgelesener Vortrag, in dem Schmidt Einspruch gegen die Pläne erhebt, die „politisch und demokratisch problematisch“ seien – erfolglos. Der Änderungsbeschluss wird mit drei Gegenstimmen auf den Weg gebracht.

Klar, dass die AfD trotz allem so einfach nicht aufgeben wird. „Die werden weitermachen und es drauf ankommen lassen“, sagt Inge Bias-Putzier. „Sie können Bebauungspläne ändern, verschieben und neu zeichnen, bis Sie schwarz werden“, teilt der AfD-Landtagsabgeordnete Benjamin Nolte mit. Doch das könnte Zweckoptimismus sein. Das Landratsamt Weilheim-Schongau bestätigt, derzeit zu prüfen, „ob eine Nutzungsuntersagung erforderlich ist“.

Ob das AfD-Kulturzentrum damit endgültig verhindert ist, bleibt offen. Ein Lehrstück sind die Geschehnisse in Weilheim allemal. Sie zeigen, dass manchmal zwei verschiedene Strategien zusammen mehr erreichen können als jede für sich allein. Da ist die Nacht-und-Nebel-Aktion einiger weniger, die mit einem gefälschten Amtsblatt die ganze Stadt aufwecken – und das breite zivilgesellschaftliche Bündnis, das fast den ganzen Stadtrat erreichen kann. „Endlich bewegt sich die Politik, die Bürgerinnen und Bürger von Weilheim tun es schon lange“, sagt Inge Bias-Putzier. „Die AfD kann jetzt sicher sein, dass Weilheim dagegenhält.“