Geopolitik | Straße von Hormus: Irans wirksamste Waffe bleibt welcher asymmetrische Krieg

Die Kollateralschäden für den Welthandel und die Weltökonomie, die der Krieg im Iran ausgelöst hat, sind enorm. Der Iran profitiert davon in seinem Abwehrkampf, besonders in der Straße von Hormus


Im Iran wird Donald Trump nicht durchweg als Erlöser gesehen

Foto: Morteza Nikoubazl/picture alliance/NurPhoto


Die wirksamsten Waffen des Iran sind nicht Raketen und Drohnen oder die reguläre Armee und die Revolutionsgarden, sondern der asymmetrische Krieg und seine Folgen. Dieser Konflikttyp ist weder ein Novum noch eine historische Rarität. Im ersten überlieferten Konflikt dieser Art besiegte Hermann der Cheruskerfürst („Arminius“) im Jahr 9 n. Chr. die überlegenen römischen Legionen im Teutoburger Wald.

Die Geschichte statuierte fortan weitere Exempel, sobald die Kräfteverhältnisse einen klaren Kriegsausgang vermuten ließen, dann aber schuldig blieben. Beim Blick auf das 20. Jahrhundert denkt man unwillkürlich an Vietnam zwischen 1965 und 1975 hochgerüstete, moderne US-Streitkräfte kämpften gegen eine Nationale Befreiungsfront von Barfuß-Soldaten, die sich dezimieren, aber nicht besiegen ließen.

Asymmetrien zuhauf beherrschten ab 2001 zwei Jahrzehnte lang die von der NATO getragene Militärmission in Afghanistan, die ihr Ziel, eine islamistische Guerilla auszuschalten, klar verfehlte. In Indochina wie am Hindukusch fiel auf, wie sehr bei solcherart Konflikten entgrenzte Kampfzonen entstanden. Die Zivilbevölkerung wurde umso weniger verschont, je mehr das der Fall war.

Angegriffen wird das Vermögen der Amerikaner zur unangefochtenen Kriegsführung

Zugleich entschieden Ideologie und Propaganda der Kombattanten darüber, wie das Kampfgeschehen verkraftet und gedeutet wurde. Es galt, der Asymmetrie psychologisch gewachsen zu sein – und das auf allen Seiten. Wie bedient der Iran-Krieg dieses Tableau? Unter anderem durch Innovation. Selten zuvor erwies sich bei einer asymmetrischen Konfrontation die globale Komponente als derart wirkmächtig.

Seit dem 27. Februar 2026 versucht eine angegriffene, staatlich organisierte Macht, ihre Unterlegenheit zu kompensieren, indem Gegenwehr mobilisiert wird, bei der weniger Waffen als Wirkung zählen. Attackiert werden mit den US-Basen in mehreren Golfstaaten nicht allein militärische Standorte.

Angegriffen wird das Vermögen der Amerikaner zur unangefochtenen Kriegsführung. Weniger, weil die US-Armee schweren Schaden nimmt, sondern weil deren Gastländer schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Die nicht durch iranische Marineeinheiten, sondern eine latente Angriffs- und Minengefahr blockierte Straße von Hormus erhärtet diesen Eindruck.

Die ganze Welt zahlt für Donald Trumps Krieg im Iran

Geht es um Welthandel und Weltwirtschaft, verschafft sich die globale Dimension der Asymmetrie erst recht Geltung. Die Iraner haben es geschafft, der ganzen Welt vor Augen zu halten, dass sie einen gehörigen Preis für die Aggression der USA und Israels zu zahlen hat. Der liegt deutlich über dem, was an vergleichbaren Sekundärschäden nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine auftrat. Durch die Straße von Hormus wurden im Vorjahr 31 Prozent des weltweit verschifften Rohöls transportiert.

Die US-Geheimdienste hatten die flexible Resilienz des Regimes vorhergesagt, die Regierenden in Washington und Tel Aviv offenbar kaum damit gerechnet. Die Islamische Republik verteidigt sich, wie das ihre Führer für den Fall eines gegen sie gerichteten Overkills angekündigt haben. Sie greifen auf ein Geflecht konzertierter Aktionen zurück, flankiert durch alles andere als ohnmächtige Verbündete im Libanon, im Irak und im Jemen. Amerikaner und Israelis können davon nicht wirklich überrascht sein. Und doch fällt ihnen nicht mehr ein als latente Eskalationsdynamik. In Vietnam wurde dies mit der „Search and Destroy“-Strategie auf den Begriff, aber nicht zum Erfolg gebracht. Bei den Napalm- und Flächenbombardements verbrannte nie der letzte Quadratmeter Dschungel bei so viel verbrannter Erde landesweit.

Als die USA im Vorjahr, am 22. Juni, in die damalige israelische Luftinvasion gegen Iran unterstützend eingriffen (Operation Midnight Hammer) dauerte es zwei Tage, bis Donald Trump erklärte, das iranische Nuklearpotenzial sei „restlos“ eliminiert.

Zu Beginn dieser Woche, am 16. März 2026, waren es immerhin schon 16 Tage, an denen ununterbrochen Angriffe geflogen wurden. Dennoch starteten weiterhin Raketen und Drohnen aus dem Iran gegen Israel, gegen Ziele in Oman, Bahrain, Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten. Auch die Hamas verfügte zwischen 2023 und 2025 noch monatelang über Flugkörper, obwohl die israelische Armee ein Vernichtungspotenzial aufgeboten hatte, das es so in den vier Gaza-Kriegen seit 2008 noch nie gegeben hatte.

Asymmetrie der Opfer zwischen Iran und USA

Die Wucht der Angriffe auf den Iran führt zu einer weiteren Asymmetrie – der zwischen einer extremen Verwundbarkeit der iranischen und der vollkommenen Unversehrtheit der US-Bevölkerung. Dabei wird die stetig wachsende Zahl ziviler Opfer (NGOs zählten bis zum 8. März 1.205 tote Zivilisten, darunter 194 Kinder, hinzu kamen 316 ungeklärte Todesfälle) außerhalb des Iran eher beiläufig wahrgenommen. Desgleichen die Zerstörung von gesellschaftlicher Lebensperspektive.

Was seit dem 27. Februar an Infrastruktur, Gebäuden, Produktionsanlagen, Transportkapazitäten und Wohnraum verloren ging, wird dem Land auf lange Zeit fehlen. Nach Jahrzehnten der Sanktionen und ökonomischen Sklerose, die zuletzt immer dramatischer wurde, wiegt das schwer. Egal, wer in Teheran regiert – das Erbe des Krieges wird jeden treffen. Und wie Wiederaufbauhilfen von unterfinanzierten UN-Organisationen und hochverschuldeten EU-Staaten zu leisten wären, bleibt ein Rätsel.

Wie dieser Krieg auch ausgehen mag, er ermöglicht es Israel, sich zur regionalen Vormacht aufzuschwingen, was weit über das Absichern seiner staatlichen Existenz hinausgeht. Dies führt zu Machtasymmetrien, die mit den Interessen und Ansprüchen vieler Nationen im Nahen Osten kollidieren. Davon ausgehende Konflikte werden sich umso weniger beherrschen lassen, je mehr sie dieser Hegemonie geschuldet sind.

Die USA sind der Verantwortung ausgesetzt, Israel dazu verholfen zu haben. Das verschränkte Kämpfen beider Armeen wird als Maßstab fortwirken. Zumindest vorübergehend ist dadurch das Verhältnis zwischen Washington und Tel Aviv paritätischer und monolithischer als je zuvor. Es verursacht ein eklatantes regionales Machtgefälle, das wie ein letztes Wort wirkt, aber es nicht sein kann.