Generationenvergleich: 90 Minuten mehr mit den Kindern

„Mama! Papa! Lasst uns spielen!“ Ausrufe wie diese kennen wohl alle Eltern. In vielen Fällen hat der Sprössling bereits ein Spiel vorbereitet, den Ball hervorgekramt oder die Bauklötze aufgestellt. Die Erziehung der eigenen Kinder ist oft mühsam, keine Frage. Wenn nachts die Windeln gewechselt werden müssen oder der Nachwuchs partout nicht ins Bett will. Doch spätestens wenn die großen Kulleraugen Mama oder Papa anstarren, ein breites Grinsen im Gesicht, lassen sich die Eltern gerne überzeugen.

Mütter und Väter verbringen heute mehr Stunden mit ihren eigenen Kindern als die Generationen vor ihnen, also als ihre eigenen Eltern und Großeltern. Das zeigt eine Auswertung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Die Daten liegen der F.A.S. exklusiv vor. Die beiden Soziologinnen Carolin Deuflhard und Lena Hipp haben die tägliche Zeitverwendung dreier verschiedener Generationen verglichen: der Millennials, geboren zwischen 1981 und 1996, der Generation X (Jahrgänge 1965 bis 1980) und der Babyboomer (1946 bis 1964).

Der Trend zur intensiven Elternschaft

Das Ergebnis vermag manche gestresste Eltern auf den ersten Blick verwundern. Betrachtet man die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, spräche eigentlich vieles dafür, dass Eltern heute ihrem Nachwuchs weniger Zeit widmen: Mittlerweile sind häufig beide Partner berufstätig. Es bleibt also nicht mehr ein Elternteil – meistens die Frau – komplett zu Hause und übernimmt den Haushalt sowie die Kinderbetreuung. Zwischen Job und Alltagssorgen scheint wenig Zeit für die Kinder zu sein, so das Gefühl.

Zudem ist das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen gestiegen, auch wenn es mancherorts immer noch zu wenig ist. Außerdem bekommen Paare weniger Kinder, um die sie sich überhaupt erst kümmern müssen.

Trotz alledem kommen Millennials auf 168 Minuten je Tag und Elternteil. Bei der Generation X waren es 106 Minuten, bei den Babyboomern 78 Minuten. Betrachtet wurden Paare mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren. Es handelt sich um Durchschnittswerte, denn bei Babys ist die Zeit logischerweise deutlich höher. Je älter das Kind ist, desto weniger Betreuung braucht es.

Lena Hipp vom WZB erklärt die Entwicklung so: „Es werden heutzutage zwar weniger Kinder geboren. Aber in die Kinder, die auf die Welt kommen, investieren Eltern bewusst mehr Zeit.“

Der Trend gehe zur sogenannten intensiven Elternschaft. Dahinter steckt der Anspruch, die eigenen Kinder im Großwerden bestmöglich zu begleiten und sie in ihren Talenten zu fördern, sowohl in der Schule als auch außerhalb. Die Kinder nehmen Tanzstunden, lernen Klavier oder Blockflöte und spielen Tennis im Verein.

Zu all diesen Aktivitäten müssen die Kinder gebracht und abgeholt werden. Manchmal lohnt es sich für die Eltern nicht, zwischendurch wieder zu fahren, dann schauen sie eben zu. Am Wochenende stehen gemeinsame Ausflüge an. Um zeitlich alles zu wuppen, entscheiden sich manche Eltern beruflich auch bewusst für eine Teilzeitstelle.

Die Väter holen auf

Die Daten zeigen, dass besonders Väter ihren Anteil an der Kinderbetreuung gesteigert haben: Millennial-Väter haben die Zeit, die sie mit den Kindern verbringen, verdoppelt im Vergleich zur Generation vor ihnen. Es ist eine Entwicklung, die sich auch in anderen westlichen Ländern beobachten lässt. Das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ stellte sie auch unlängst für die USA fest. Durch den verstärkten Einsatz der Väter ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern gesunken, was die Kinderbetreuung betrifft.

Fest steht aber auch: Frauen übernehmen immer noch den Großteil der Aufgaben. Bei der Kinderbetreuung leisten sie das 1,7-Fache der Väter, im Haushalt das 1,5-Fache. Gleichzeitig sind im Gegensatz zu früher mehr Frauen berufstätig. Im Jahr 2005 hat etwa die Hälfte der Frauen mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren gearbeitet, mittlerweile sind es schon mehr als 70 Prozent. Für viele Mütter ist das eine hohe Doppelbelastung.

Dass Frauen immer noch die Hauptlast tragen, liegt nicht nur daran, dass teils Kitaplätze fehlen oder die Öffnungszeiten der Kitas beschränkt ist, sondern die Wurzeln liegen tiefer. Die Erwartung an Frauen, eine fürsorgliche Mutter zu sein und sich um ihre Familie zu kümmern, sei in der Gesellschaft weiterhin stark verankert, sagt Soziologin Carolin Deuflhard. Dieser wollen Mütter gerecht werden.

Analysen zeigen, dass sie sich auch dann viel um ihre Kinder kümmern, wenn sie im Job besonders erfolgreich sind. Sie versuchen damit dem Stereotyp der „karriereorientierten Rabenmutter“ entgegenzuwirken und zu beweisen, dass sie beides gut schaffen: Job und Familie. Das führe so weit, dass Frauen Studien zufolge sogar eher auf Schlaf oder Freizeit verzichten als auf Zeit mit ihren Kindern, sagt Deuflhard.

In dieser gefühlten Überforderung versuchen indes auch Influencerinnen auf den Plattformen Instagram und Tiktok ihr Publikum zu finden – und propagieren das Wiederaufleben alter Zeiten. Die einzige Aufgabe der Frau sei es, sich um ihren Mann und die Kinder zu kümmern, so die „Tradwives“, ein Begriff, der aus dem Englischsprachigen abgeleitet ist und sehr traditionelle Frauen in den sozialen Medien bezeichnet. Doch ob eine Rückkehr zu weniger Gleichberechtigung die Lösung ist? Das darf stark angezweifelt werden.

Source: faz.net