Generationen | Sterne-Sänger Frank Spilker erklärt die Gen X: Meine und eure Lebenslügen
Eigentlich reagiere ich zunehmend allergisch, wenn es wieder einmal darum geht, Menschen in Gruppen und Subgruppen einzuteilen, die angeblich so verschieden sind. Als hätten wir nicht schon genug davon. Neben Nation, Geschlecht, Race, Sexualität und Sub-sub-sub-Identität jetzt auch noch Generation.
Was ist aus den guten alten Klassen, Schichten und Ständen geworden, die es tatsächlich immer noch gibt? Nicht mehr wichtig? Nicht mehr erwähnenswert? Warum tragen die Herrscher aus dem Mittelalter immer noch ihre Köpfe auf den Schultern, während der militärisch-industrielle Komplex sich selbst ins Amt setzt und das Volk schon wieder „No Kings“ schreien muss? Ist das die Antwort? Sind wir einfach abgelenkt?
Wäre es nicht angemessener, eine neue Gewerkschaft zu gründen, anstatt hier groß über die Unterschiede der Generationen herumzufabulieren? Spielt man so nicht dem Feind in die Hände und dient wieder einmal dem Teile-und-herrsche-Prinzip? Also gut, Genossen, meine Kinder sehen das anders, deshalb soll hier Schluss sein mit den Fragen. Wie wäre es mit ein paar Vorwürfen:
„Ihr habt gar keine Ahnung.“
„Ihr versteht gar nicht, was da abgeht, so im Internet.“
„Lernt ihr erst einmal unsere Sprache.“ – So die Jugend.
Hä? Eine Sprache, die ihr selbst erfunden habt, um euch von den Generationen davor abzuscheiden? Die soll ich lernen? Warum denn, liebe Gen Z, dann wäre doch die ganze Mühe umsonst gewesen? Es ist ja überdies gar nicht notwendig, eine neue Sprache zu erfinden, es gibt ja auch so schon genug Dinge, die uns unterscheiden. (Sagt einer, der praktisch davon lebt, ständig eine neue Sprache zu erfinden.)
Ich bin unstrittig Gen X. Kein Boomer. Erst kam der Pillenknick, dann ich
Zur Aufklärung: Ich selbst bin Mitte der 1960er-Jahre geboren. Nach neueren Forschungen gerade so, aber ganz unstrittig Gen X. Kein Boomer. Erst der Pillenknick, dann ich.
Als ich jung war, sagte man noch „für den Augenblick“ anstelle von „für den Moment“, und Dinge stellten einen Unterschied nicht her, sondern sie ergaben einen (sic!). Aber das sind harmlose Anglizismen (verglichen mit denen der Gen Z), und ohnehin ist man es ja gewohnt. Englisch war erste Fremdsprache und alle wichtigen kulturellen Impulse kamen aus UK oder den USA, wenn man im Westen aufwuchs. Im Osten teilweise auch, nur dass die Sprache nicht unterrichtet wurde.
Aha – deutsche Teilung! So etwas gab es in den USA nicht. Da haben wir hier eindeutig einen Vorteil bei der Einteilung der Generationen. Die Gen X war somit die letzte, die noch an der deutsch-deutschen Grenze den Pass zeigen musste. Auch wenn ich das hier nur unterkomplex wiedergeben kann, ist wohl jedem, sowohl in meiner als auch in den nachfolgenden Generationen klar, dass die Veränderungen der Weltordnung die Sicht auf diese geprägt haben. Oder wie man heute sagt, „einen Unterschied gemacht haben“.
Ich gebe es also zu. Es gibt so etwas wie Generationen. Auch wenn das nicht so wichtig ist wie Klassen und der ganze Kram.
Man wurde entweder Popper oder Schluffi. Oder eben Outcast. Dann kamen endlich die 90er
Mit meiner eigenen Generation wollte ich dabei eigentlich wirklich nie etwas zu tun haben. Sie erschien mir entweder immer zu brav oder zu fatalistisch. Beides kam mir wie eine Bequemlichkeit vor. Aber klar, in den 80er Jahren, zu Zeiten des Kalten Krieges, wurde vor allem polarisiert. Man war entweder für oder gegen das (Schweine-)System. Dazwischen gab es nichts. Schließlich war gerade jeder radikale Reformwille oder der Traum vom „dritten Weg“ im Kugelhagel der RAF untergegangen, die als verlängerter Arm des Systemfeindes, als Kriegsgegner also, gesehen wurde.
Wie sollte man in solchen Zeiten auch nur ansatzweise Reformer werden? Revolution war gestern. Reform war tot. Punk war bald nicht mehr als ein Modegag. Man wurde Popper oder Schluffi. Oder eben Outcast. Bewusster Teil einer Minderheit, die entweder etwas spießig Jugendkulturen vergangener Generationen feierte (Mods, Teds, Rockabilly) oder so richtig outdroppte (Jamaica, Kiffen, Drogen).
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Dann kamen die Neunziger. Und das war ja nun endlich das eigene Jahrzehnt, selbstbestimmt, selbstgestaltet. 1992 – the year Punk broke. Sonic Youth, die Helden des gleichnamigen Films, sehe ich noch als verlängerten Arm der Achtziger, genau wie etwa Fugazi. Aber irgendwann war sie dann da, diese neue Generation, die den Punk nach einer ordentlichen Herzmassage wiederbelebt hat. Vor allem eben Nirvana. Also doch kein Modegag? Weltherrschaft aber nun auch gerade nicht. Folgt man Mark Fisher (Capitalist Realism), eher das Gegenteil. Eine geile Party war es trotzdem. Nach dem ganzen Pop der 80er Jahre endlich wieder Rock in Großbuchstaben. Anarchie siegt über Deduktion und Didaktik. Aber ist jetzt etwa der Outcast in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Mitnichten. Die Gesellschaft findet immer einen Weg, der Effizienz zum Sieg zu verhelfen.
Elektro oder Gitarren. Beides war immer in gut oder schlecht zu haben. Also auch in Form von Euro Trash oder der dritten Generation Grunge
Oder eben Techno. Elektro oder Gitarren. Beides war immer in gut oder schlecht zu haben. Also auch in Form von Euro Trash oder der dritten Generation Grunge. Der elektronischen Musik kann man immerhin zugute halten, dass die Weltverbesserungsabsichten ja immer nur auf den Dancefloor beschränkt waren. Mit so einer Absicht kann man dann gar nicht richtig scheitern.
Man muss weit genug entfernt sein, um Gemeinsamkeiten zu erkennen. Räumlich und/oder zeitlich. Selten habe ich das so deutlich wahrgenommen wie neulich beim Konzert der Kärntner Band Naked Lunch. Die sind weder deutschsprachig noch deutsch und schon gar nicht aus Hamburg, aber die Gemeinsamkeiten im Umgang mit Musik, die Zitatfreude und das Priorisieren der Dramaturgie, nur mal so als Beispiel, waren so Neunziger, so Generation X, dass ich es kaum aushalten konnte, den Spiegel vorgehalten zu bekommen.
Mal abgesehen von dem, sagen wir mal, etwas unverstellteren Verhältnis zum Pathos, das die Südländer so haben. Die radikale Ablehnung desselben macht uns Norddeutschen ja keiner nach. Die Gemeinsamkeiten erstreckten sich bis auf die das Konzert umgebende Tracklist der Einlass- und Auslassmusik. Das hätte genauso auch meine/unsere Playlist bei einem Die-Sterne-Konzert sein können: Roy Ayers, Prefab Sprout, Pixies, Elliot Smith oder Swell.
Die gleiche räumliche Entfernung unter Hinzunahme einiger Recherche- und Geistesleistung hat übrigens auch einmal dafür gesorgt, dass ich endlich verstanden habe, was diese „Hamburger Schule“ eigentlich sein soll. In einem Radiokolleg des ORF trägt die gleichnamige Jugendbewegung in der Rückschau den Untertitel „Vom komplexen Klang der deutschen Einheit“. Da wäre ich im Leben nicht daraufgekommen. Warum eigentlich nicht? Es ist wohl eine Frage des Abstands. Die Gemeinsamkeiten einer Generationenerfahrung treffen immer auf kulturelle Unterschiede und bilden in ihrer Komplexität eine Gemengelage (Mensch), die sich nicht so einfach mit einem Schlagwort belegen lässt.
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Was wir aus kulturwissenschaftlicher Perspektive erkennen können, sind ästhetische Signale, die eine bestimmte Zeit und die damit verbundene Erfahrung und Weltsicht auf den Punkt bringen. Am besten sind diese Werke dann, wenn sie es tun, ohne die Komplexität dahinter zu leugnen. Beispielsweise hätte ich als junger Mensch die 60er und 70er Jahre nie verstanden, ohne die Filme von Antonioni (Blow Up und Zabriskie Point) gesehen zu haben.
Filme sind sowieso das Beste, um Zeitalter zu definieren. Sie sind teuer und weniger zahlreich als Kunst, Musik und Bücher, bringen all diese Gewerke zusammen und müssen sich auch noch an ein bestimmtes Publikum, meistens eine Generation, die gerade ins Kino geht, richten, um die Kosten wieder hereinzuholen. Wie wäre es mit Blade Runner für die 80er, Trainspotting und Pulp Fiction für die 90er, Lost in Translation und There Will be Blood für die 00er, Parasite und Roma für die 10er? Das ist natürlich alles höchst umstritten und genau das, was wir (Hobby-)Kulturwissenschaftler gerne tun: Streiten.
,Ihr habt ja keine Ahnung!‘, sagten meine Kinder. Oder: ,Davon versteht ihr nichts‘. Das habe ich immer für ihr gutes Recht gehalten
Das tun wir zu Hause gerne und oft auch mit den mittlerweile erwachsenen Kindern. Diese fassten meine Auslassungen und die meiner Frau bis vor einigen Jahren gerne mit dem Satz „Ihr habt ja keine Ahnung“ zusammen, oder auch mal: „Davon versteht ihr nichts.“ Das habe ich immer für ihr gutes Recht gehalten.
Was wäre das für eine öde Welt, in der die Kinder die gleichen Erfahrungen machten wie ihre Großeltern und diese dann den ganzen Tag hinter ihnen stünden, um sie anzuleiten, wie man es „richtig“ macht. Zum Glück ist es ja nicht so. Jede Generation bekommt ihre Superstars, Mode, Kunst, Musik, Literatur, Filme, Sportarten und was es sonst noch alles gibt. Lebenslügen zum Beispiel. Und am Ende einen Buchstaben oder ein Zahlwort wie „Millennial“.
Bleiben wir beim Thema Lebenslüge. Die Gen X hatte die „neuen Medien“. Man studierte irgendwas mit Medien und endete als Universal Tellerwäscher, Endstation Praktikum, bevor man sich eines Besseren besann. Die Millenials traten der Piratenpartei bei, die für alle Ewigkeiten das freie Internet für eine freie Jugend verteidigen und von den schmutzigen Griffeln des neoliberalen Wirtschaftssystems reinhalten würde. Dann trat man wieder aus und besann sich eines Besseren. Die Gen Z sind jetzt alle böse, weil sie, delulu, nicht mehr an Lebenslügen glauben und sich direkt gleich eines „Besseren“ besinnen, aber zunehmend daran verzweifeln, nicht mehr zu wissen, welches Bessere das eigentlich sein soll.
Inzwischen ist auch klar, dass wir in puncto Identitätspolitik aneinander vorbeigeredet haben. Während meine Klassenanalyse immer nur auf der Verteilung von Ressourcen herumreitet, reden sie über Teilhabe, Sichtbarkeit, Zugang und Verletzlichkeit. Dass das eine das andere nicht ausschließen würde, finden sie. Sich auf neue Konzepte einzulassen, unabhängig davon, ob man ihnen zustimmt, bedeutet immer Wachstum, finde ich. Auch und gerade im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. So kommen wir dann doch wieder zusammen.