GEmeinsame Schulden: Was Eurobonds Tagesgeld-Sparern einbringen könnten

Ein Stück Papier wird man nicht ausgehändigt bekommen. Das Ganze bekommt aber eine Wertpapierkennnummer, einen Kupon und ein Rating. Was weiß man sonst noch über jene mysteriösen „Eurobonds“, über die derzeit politisch so gestritten wird? Frankreich ist dafür, Deutschland dagegen. Während die Staaten Europas sich raufen, ob es gut wäre, sich gemeinsam am Anleihemarkt zu verschulden, um beispielsweise die gewaltigen Herausforderungen in der Verteidigung leichter stemmen zu können, sehen Anlagefachleute die Eurobonds nüchterner. Manchmal nennen sie sogar alle in der Währung Euro notierten Anleihen einfach Eurobonds. In der aktuellen Diskussion aber geht es um mehr: gemeinsame Staatsanleihen aller Euroländer.

Doch was würde so ein Wertpapier für Sparer und Anleger bedeuten? Wenn man mit Anlagefachleuten wie Ulrich Stephan, dem Chefanlagestrategen der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden, über diese Frage redet, betonen sie weniger das Neue an möglichen Eurobonds als vielmehr die Vergleichbarkeit mit vielen längst existierenden Papieren. „Es gibt bereits europäische Anleihen, sollte es für weitere Zwecke weitere Emissionen geben, werden diese sich sicherlich nach den bestehenden Bedingungen richten“, sagt Stephan. Und auch Christoph Rieger, Anleihefachmann der Commerzbank, hebt hervor: „Eurobonds sind schon länger Wirklichkeit – und wir sind der festen Überzeugung, dass sie gekommen sind, um zu bleiben.“

Die wichtigsten Fragen für Sparer

Für Sparer würden sich zwei Fragen stellen: Was kostet es, und was bringt es? Oder anders formuliert: Welche Rendite könnte man als Anleger von möglichen neuen Eurobonds erwarten, und wie gefährlich ist es bei Eurobonds im Vergleich zu Tagesgeldkonten, Festgeldkonten oder Bundesanleihen, dass man als Sparer sein Geld am Ende nicht wiedersieht?

Anlagefachmann Stephan nennt zwei Beispiele von Papieren, die man vielleicht etwas mit den künftigen Eurobonds vergleichen könnte: die Anleihen aus dem EU-Wiederaufbauprogramm und Anleihen aus dem Programm Next Generation EU (NGEU). Emittent sei in beiden Fällen die EU, vertreten durch die Europäische Kommission gemäß Artikel 47 des EU-Vertrages.

Hinsichtlich der Rendite liegen diese Papiere etwas oberhalb der Rendite der deutschen Bundesanleihe, aber noch nicht auf dem deutlich höheren Niveau der französischen oder italienischen Staatspapiere. „Aktuell rentiert eine Anleihe mit siebenjähriger Laufzeit aus dem EU-Wiederaufbauprogramm mit 2,72 Prozent“ , sagt Stephan: „Anleihen aus dem NGEU-Programm rentieren analog.“

Deutsche Bank: Rendite oberhalb der Bundesanleihe

Zum Vergleich: Die Rendite der deutschen Bundesanleihe ist im Zuge der Pläne der Bundesregierung für höhere Staatsausgaben und Staatsschulden im Laufe des vergangenen Jahres gestiegen. Derzeit beläuft sie sich auf rund 2,5 Prozent. Damit bringt das europäische Papier ungefähr 0,2 Prozentpunkte mehr als das deutsche. Die Rendite französischer Staatsanleihen mit sieben Jahren Laufzeit beläuft sich auf 2,9 Prozent, also rund 0,2 Prozentpunkte mehr als die EU-Anleihe. Italienische Siebenjährige kommen auf eine Rendite von 2,98 Prozent.

„Die EU-Anleihen sind grundsätzlich ähnlich wie Bundesanleihen bewertet, allerdings gibt eine große Ratingagentur der EU eine um einen Tick schlechtere Bonitätsbewertung“, sagt Anlagefachmann Stephan. Standard & Poor’s habe die EU um eine Stelle schlechter eingestuft als die Bundesrepublik Deutschland. Für diese leicht schlechtere Bonitätsbewertung müsse die EU einen etwas höheren Zins zahlen.

„EU-Anleihen gelten dennoch als sehr sicher“, hebt Stephan hervor. „Da auch die Stückelung zu 1000 Euro in der Regel für Privatanleger geeignet ist, sind die Anleihen insgesamt interessant.“

Ob es nach einer möglichen künftigen Emission von Eurobonds im großen Stil für Anleger besser wäre, Bundesanleihen oder Eurobonds zu kaufen, hänge von der Risikotoleranz ab, meint Stephan. „Beide Emittenten, sowohl die EU wie Deutschland, gelten als mündelsicher – dennoch weist Deutschland mit einer leicht besseren Bewertung einen niedrigeren Zins aus.“

Verdrängung anderer Sparformen möglich

Spannend könnte werden, ob mögliche Eurobonds dann andere Sparformen verdrängen. Viele Sparer in Deutschland halten ihr Geld auf Giro-, Tages- und Festgeldkonten. Früher waren Bundesschatzbriefe noch sehr beliebt. Es gibt aber auch immer mehr Privatanleger, die Wertpapierdepots haben. Und da spielen neben Aktien die Anleihen eine wichtige Rolle: Wer mehr Risiko eingehen will, setzt auf Unternehmensanleihen oder Schwellenländer, wer vorsichtig ist, landet häufig bei Bundesanleihen.

Wenn die neuen Eurobonds ein sogenanntes „safe asset“ im großen Stil werden sollen, wie ihre Befürworter sagen, müssten sie sich eigentlich auch in privaten Depots finden. Im Vergleich zu Tagesgeldkonten jedenfalls kann sich eine Verzinsung von 2,72 Prozent durchaus sehen lassen: Nach Zahlen der FMH-Finanzberatung in Frankfurt zahlen Deutschlands Banken im Schnitt 1,45 Prozent auf Tagesgeld. Für Festgeld auf zehn Jahre gibt es 2,45 Prozent.

Bankeinlagen sind in Deutschland durch die Einlagensicherung sowie zusätzliche Einrichtungen der Banken geschützt. Dass man da sein Geld nicht wiedersieht, ist schon sehr unwahrscheinlich. Wie die Haftungsregeln für die neuen Eurobonds aussähen, weiß man noch nicht. Ralf Umlauf, Rentenmarktfachmann der Landesbank Hessen-Thüringen, sieht noch viele Fragen: Ist eine solidarische Haftung für alle Schulden der teilnehmenden Staaten geplant? Ist die EU für die Rückzahlung verantwortlich oder eine Gruppe von teilnehmenden Staaten? Werden in diesem Prozess Steuererhebungskompetenzen auf die EU übertragen? Sollen generell alle Ausgaben der Staaten und der EU über die Anleihen finanziert werden, oder gibt es nur investitionsbezogene Finanzierungen?

Für die derzeitigen EU-Bonds jedenfalls scheint der Markt die Rückzahlung für etwas weniger wahrscheinlich zu halten als für deutsche Staatsanleihen – aber nicht für dramatisch weniger. „Dass Eurobonds am Markt gut aufgenommen würden, kann man vermuten“, sagt Umlauf. Das Beispiel der bisher begebenen EU-Bonds zeige, dass die Investoren durchaus Interesse an gesamteuropäischen Papieren haben: „Dies würde umso mehr gelten, wenn ein liquider und tiefer Markt entstehen würde, der ein entsprechend großes Volumen hätte.“

Source: faz.net