Geldanlage mit ETF: „Soll ich den MSCI World möglichst verkaufen?“
Seinen Beruf hat Christopher Kohler mit viel Herzblut ausgeübt. Der 77-Jährige, der eigentlich anders heißt, hat sogar länger gearbeitet, als er eigentlich musste: Erst seit seinem 72. Lebensjahr ist der Arzt im Ruhestand. Seitdem reist Kohler gerne, hat aber auch große Freude daran, immer wieder einmal Teile seines Vermögens zu spenden. „Ich bin alleinstehend, habe keine Erben und möchte gerne selbst bestimmen, an wen das Geld geht.“
Zweifel am populärsten ETF
Vor einigen Jahren hat Kohler den Aktienmarkt für sich entdeckt, genauer gesagt: einen Index, der in aller Munde ist. Die Rede ist vom MSCI World. „Der MSCI World erschien mir viele Jahre als das optimale Investment“, sagt Kohler. „Ich bin kein Finanzexperte und möchte mich nicht mit zu vielen Details herumschlagen.“ Dem Ruheständler gefiel, dass für die Investition ein einzelner ETF ausreichte. Hinter dem Kürzel verstecken sich börsengehandelte Indexfonds (im Englischen als „Exchange-traded Funds“ bezeichnet), die die Wertentwicklung eines zugrundeliegenden Aktienbarometers eins zu eins abbilden. Rund 90.000 Euro hat Kohler in einen MSCI-World-ETF investiert: Geld, das er später einmal einem wohltätigen Zweck zur Verfügung stellen möchte und das sich deswegen gut vermehren soll. Allerdings kamen dem früheren Arzt zuletzt einige Zweifel, ob das Investment wirklich noch eine so gute Idee ist. Denn der unter Sparern populäre Aktienindex hat Schwächen, die unlängst stärker zutage traten.

Ein wenig anders, als es der Name suggeriert, fließt Geld, das in den MSCI World investiert wird, zwar in mehr als 1300 Aktiengesellschaften. Diese allerdings haben ihren Sitz ausschließlich in Industrieländern, Schwellenländer wie China bleiben außen vor. Vor allem die USA haben im Index mit rund 70 Prozent ein enormes Gewicht. Das war lange zum Nutzen der Anleger. Doch Misstrauen gegenüber der Politik Donald Trumps und eine hohe Abhängigkeit von amerikanischen Technologieaktien wie Nvidia führen bei einigen Anlegern zu Zweifeln. Auch Christopher Kohler fragt sich: „Soll ich den MSCI World lieber verkaufen?“ Damit wendet er sich an die F.A.S. Die Sonntagszeitung bringt ihn mit Ali Masarwah zusammen, Geschäftsführer des Fondsberatungshauses Envestor.
Zuerst ein Kassensturz
Um sich ein genaueres Bild machen zu können, regt Masarwah zunächst einen „Kassensturz“ an. Wie hoch sind Kohlers Einkünfte und worin bestehen seine wichtigsten Ausgaben? Wer unsere „Mein Geld“-Reihe regelmäßig liest, weiß: Eine solche Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben ist eigentlich immer eine gute Idee. Im Falle des früheren Arztes sieht die Rechnung so aus: Kohlers Ruhestandsbezüge sind auskömmlich, netto bleiben ihm 7200 Euro im Monat. Davon muss er vor allem die Miete für seine knapp 140 Quadratmeter große Wohnung bezahlen. Derzeit sind dies rund 2000 Euro. „Ich habe keinen aufwendigen Lebensstil und komme daher gut zurecht“, sagt Kohler über sich selbst. An Rücklagen verfügt er neben den 90.000 Euro in seinem Aktiendepot noch über weitere 85.000 Euro als Reserve für alle Fälle. Diese 85.000 Euro hat er als sogenanntes Stifterdarlehen an eine gemeinnützige Organisation vergeben. Das Darlehen ist zinslos, hat aber die Besonderheit, dass Kohler darauf zugreifen kann, wenn er das Geld doch benötigen sollte.
Die Gelassenheit, die der frühere Arzt angesichts seiner finanziellen Situation ausstrahlt, kann Envestor-Fachmann Masarwah nicht vollständig teilen. Im höheren Alter wisse man nie, wie lange man noch gesundheitlich fit bleibe. „Nur einmal angenommen, Sie benötigten intensivere medizinische Hilfe – dann könnten Ihre Rücklagen schneller aufgebraucht sein, als man denkt“, warnt der Experte. Auch auf die Auszahlungen von ärztlichen Versorgungswerken lasse sich nicht mehr vollständig vertrauen, wie einige Skandale der jüngeren Vergangenheit zeigen. Masarwah will nicht bewusst schwarzmalen: „Ich möchte Sie nur vor einer zu optimistischen Einschätzung bewahren.“
Darum schlägt der Fachmann vor, dass Kohler seinen gesamten Anlageansatz neu überdenkt. Bisher hat der Arzt bei einem Geldvermögen von insgesamt rund 180.000 Euro eine Aktienquote von knapp 50 Prozent. Das ist auch angesichts von Kohlers Alter ein ziemlich wagemutiger Wert. „Es wäre besser, diese Quote auf maximal ein Drittel zu reduzieren“, findet Masarwah. Das wären also 60.000 Euro, rund 30.000 Euro weniger als bisher.
So ließe sich der MSCI World ersetzen
Der Fachmann bestätigt, was Kohler selbst schon vermutet hatte: Das gesamte Geld in einen einzelnen ETF zu investieren, ist tatsächlich keine so gute Idee. Masarwah schlägt darum einen eleganten Weg vor, wie sich das Geld besser aufteilen ließe und wie zugleich auch das hohe US-Gewicht im Portfolio etwas gesenkt werden kann. Dazu allerdings braucht Kohler in Zukunft vier Indexfonds anstelle von nur einem. Das Ziel ist, dass diese vier ETF die Welt der Aktien besser abdecken als der MSCI World.
Die Aufteilung der 60.000 Euro könnte dann beispielsweise so aussehen: 22.500 Euro fließen in einen ETF auf den MSCI World ex USA. Dieses Aktienbarometer lässt amerikanische Aktien bewusst außen vor. Das größte Land in diesem Index ist Japan mit einem Gewicht von 20 Prozent. Hinzu nimmt man einen ETF auf den wichtigsten amerikanischen Aktienindex S&P 500, in den 7500 Euro fließen. Damit hätte Kohler die Abhängigkeit von US-Aktien deutlich reduziert. Völlig auf amerikanische Aktien zu verzichten, wäre allerdings auch nicht klug, sind doch die Vereinigten Staaten der größte Kapitalmarkt der Welt.
Die zwei weiteren ETF dienen nun noch dazu, Teile der Börsenwelt ins Portfolio zu holen, die bislang außen vor blieben. Das sind zum einen die Schwellenländer, die sich beispielsweise über einen ETF auf den Index MSCI Emerging Markets IMI abdecken lassen (IMI steht für „Investable Market Index“). Dieser berücksichtigt auch kleinere Aktien aus den Schwellenländern. 15.000 Euro könnte Kohler in diesen ETF anlegen. Weitere 15.000 Euro könnten schließlich in einen Indexfonds fließen, der sich auf kleinere Aktien aus den Industrieländern konzentriert, den MSCI World Small Cap. Solche sogenannten Nebenwerte waren zuvor ebenfalls nicht Teil des Portfolios. Auch in diesem Segment spielen US-Aktien mit 60 Prozent eine wichtige Rolle, sind aber nicht ganz so dominant wie bei den großen Aktiengesellschaften. Natürlich kann Kohler seine Aktieninvestments auch ein bisschen anders aufteilen, wenn er sich damit wohler fühlt. Eine starre Regel gibt es hierfür nicht.
Und was geschieht nun mit dem Rest von Kohlers Geldvermögen, den übrigen rund 120.000 Euro? Hierfür hat Fachmann Masarwah ebenfalls einen Vorschlag parat: „Warum holen Sie sich das Darlehen nicht einfach zurück, legen es weitgehend risikolos an und spenden von den Zinseinnahmen die Hälfte? Damit tun Sie etwas für einen guten Zweck, aber auch etwas für sich.“
Das würde am einfachsten über ein Tagesgeldkonto funktionieren. Etwas höhere Zinsen ließen sich dagegen mit Bundesanleihen erzielen oder auch mit spezialisierten Anleihefonds, die beispielsweise auf Firmenanleihen setzen. Doch bevor es hier in die Details geht, will sich Christopher Kohler die Sache noch einmal gründlich überlegen. Schließlich wäre die mildtätige Organisation, die bisher auf das Geld zugreifen konnte, dann etwas eingeschränkter. „Ich habe heute viel Neues über mein Geld gelernt“, sagt der Arzt. „Das muss ich mir erst einmal durch den Kopf gehen lassen.“
Source: faz.net