Geiseln in Iran: Befreit aus welcher Hölle Teherans

Cécile Kohler schaut blinzelnd in die Frühlingssonne, als sie von den „unmenschlichen Bedingungen“ ihrer Haft in Teheran spricht. Die 41 Jahre alte Lehrerin aus dem Elsass steht im Rosengarten des Élysée-Palasts, kurz nach ihrer Rückkehr nach fast vier Jahren in der Gewalt des iranischen Terrorregimes. Präsident Emmanuel Macron hat ihre Verwandten und Freunde eingeladen, um ihre Freilassung zu feiern. „Wir sind nochmal knapp davongekommen“, sagt die Elsässerin und dankt allen, die sich für ihre Befreiung eingesetzt haben.

Am letzten Tag eines Iran-Urlaubs mit ihrem 72 Jahre alten Lebensgefährten Jacques Paris, einem pensionierten Lehrer, wurden sie verhaftet und im Mai 2022 in das berüchtigte Evin-Gefängnis gesperrt. Das Paar aus Frankreich reihte sich in die Serie westlicher Staatsbürger ein, die unter fadenscheinigen Vorwänden in Teheran festgenommen wurden.  Kohler und Paris dienten mutmaßlich als Faustpfand des Regimes, um die Iranerin Mahdieh Esfandiari freizupressen, die am 26. Februar in Paris wegen Terrorverherrlichung zu einer Haftstrafe von vier Jahren, davon drei auf Bewährung, verurteilt worden war.

„Sensible Fragen“: Der Außenminister schweigt

Außenminister Jean-Noel Barrot wich in einem TV-Interview Nachfragen zu dem Fall Esfandiari aus. Er sprach von „sensiblen Fragen“. Der Anwalt Esfandiaris teilte mit, der Hausarrest seiner Mandantin sei mit der Rückkehr der beiden Franzosen aufgehoben worden. „Das Polizeirevier hat sie angerufen“, sagte der Anwalt der Nachrichtenagentur AFP. Nun hoffe Esfandiari, in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Die 39 Jahre alte Übersetzerin hatte in den sozialen Netzwerken den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 gefeiert und zu Angriffen auf Juden in Frankreich aufgerufen. Sie war im Februar 2025 bei einem Ausreiseversuch festgenommen worden. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi hatte in einem Fernsehinterview am 11. September 2025 einen möglichen „Gefangenenaustausch“ mit Frankreich erwähnt. Der iranische Außenminister telefonierte kurz vor der Freilassung der beiden Franzosen am Sonntag mit Barrot.

„Es handelt sich um eine taktische Geste, die darauf abzielt, die euro-atlantische Kluft zu vertiefen“, sagte der Nahost-Fachmann David Khalfa von der Jean Jaurès Stiftung in Paris. Frankreich ist als ständiges UN-Sicherheitsratsmitglied um eine eigenständige Außenpolitik bemüht und hat die amerikanische Kriegsführung zuletzt kritisiert. Aber Barrot betonte, dass die Freilassung ohne Zugeständnisse in der Außenpolitik erreicht wurde.

Ständige Willkür der iranischen Wächter

„Wir waren Geiseln, Staatsgeiseln. Wir lebten unter extrem schwierigen Bedingungen.  Man kann sogar sagen, dass unsere Haftbedingungen unmenschlich waren“, berichtet Jacques Paris im Élysée-Garten. Kohler und Paris waren im Trakt 209 des Evin-Gefängnisses eingesperrt, der wegen Foltermethoden berüchtigt ist.

Jacques Paris und Cécile Kohler, Aufnahmen bereitgestellt von der Familie
Jacques Paris und Cécile Kohler, Aufnahmen bereitgestellt von der FamilieAFP

Paris berichtet, dass sie weder lesen noch schreiben durften und grelle Neonleuchten sie am Schlafen hinderten. Sie waren teils in Einzelzellen isoliert und wurden häufig verhört. Sie seien „ständiger Willkür“ ausgesetzt gewesen, formuliert Kohler, es sei „eine Hölle“ gewesen.

Sobald sie die Zelle verließen, wurden ihnen die Augen verbunden. „Wir sind uns bewusst, wie knapp wir dem Schlimmsten entkommen sind“, sagt Kohler. Kohler war zu 20 Jahren Haft und Paris zu 17 Jahren Haft unter anderem wegen Spionage zugunsten Israels verurteilt worden. Ziel des iranischen Regimes sei es gewesen, sie zu brechen. „Wir sind nicht gebrochen, wir werden Zeugnis ablegen“, sagt Paris.

Die beiden verbrachten mehr als dreieinhalb Jahre im Evin-Gefängnis und erlebten dort die Bombardierungen der israelisch-amerikanischen Operation Midnight Hammer im Juni 2025. Ein Teil des Gefängnisses wurde dabei zerstört, Häftlinge kamen ums Leben. Die Lehrerin für französische Literatur aus Sulz am Fuße der Vogesen verfolgen der Lärm der Einschläge und die Schreie bis heute. Anfang November 2025 wurden die beiden unter Auflagen freigelassen und standen seither unter Hausarrest in der französischen Botschaft in Teheran.

Anders als die deutsche Botschaft zog die französische ihr Personal auch nach Beginn der Operation Epic Fury nicht ab. Mitten während der Bombardements erreichte Kohler und Paris die Nachricht, dass sie ausreisen dürfen. Es folgte eine abenteuerliche Fahrt in einem diplomatischen Konvoi durch Iran bis ins benachbarte Aserbaidschan. Von Baku aus wurden die beiden nach Paris geflogen. Trotz der erlittenen Qualen will die Elsässerin „eine Botschaft der Hoffnung vermitteln, denn wir haben bis zum Schluss die Hoffnung bewahrt“.

Source: faz.net