Geht’s noch? Hochhäuser am Alexanderplatz verstellen den freien Blick aufwärts den Fernsehturm
Wer von Nordosten kommt, vermisst die Sicht auf den Fernsehturm, eine Ostberliner Ikone. Das crasht das Stadtbild und ein Zuhause geht verloren. Sowas würde in Paris niemals passieren
Schöne Aussicht
Foto: Mischa Leinkauf
Wer würde es wagen! Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf dem Trocadéro, wollen ein Selfie vor dem Eiffelturm machen. Und alles, was Sie sehen, ist die Spitze! Nur, weil ein anonymer Block aus Glas und Beton das Monument versperrt. Mon Dieu!
Der Eiffelturm war in den 1920er Jahren Symbol für Modernität und Avantgarde, er wurde weltweites Symbol für Paris. Dichter, Maler, Sänger lassen sich regelmäßig von dem Bauwerk inspirieren. Jetzt konkurrieren Instagram-User um den schönsten Blick auf den Turm, der, als er 1889 errichtet wurde, Hass auslöste.
Für Maupassant war es eine „dürre Pyramide aus Eisenleitern“, eine ästhetische Beleidigung. Und dann war er auch noch von überall zu sehen! Gleichgültig hat das Bauwerk wohl niemanden gelassen. Dann wurde es der Hotspot für Selfies. Auch unter Stars. „Allow me to introduce to the legendary lamppost…uh, I mean the Eiffel Tower“, hat der Schauspieler Jared Leto einmal auf Facebook gepostet.
Die Eiserne Lady und der Telespargel
„Weltberühmte Laterne“, ein charmanter Name für den Ort, der zu Paris gehört, was vor allen Dingen an dem ungehinderten Blick liegt, den die Menschen auf ihn haben. Und immer haben werden. Wer etwa durch den Rodin-Garten spaziert, sieht ihn unerwartet hinter Dächern auftauchen, und nachts funkelt er. „La Dame de fer“ (dt.: die Eiserne Lady) wird der Turm genannt. Wer käme auf die Idee, diesen Blick mutwillig zu zerstören?
Dit is Paris. In Berlin sieht man das lockerer. Wer dieser Tage aus dem Nordosten, also aus Prenzlauer Berg, auf den Alexanderplatz schaut, sieht gerade noch die silberne Kugel, vor dem Turm thront nämlich „The Berlinian“, das Hochhaus ragt 146 Meter gen Himmel. Genau vor dem Telespargel! So sollen die Ostberliner ihren Turm zu DDR-Zeiten getauft haben.
Basti Schweinsteiger und das Hochhaus „Berlinian“
Viele orientierten sich an ihm, man konnte ihn schon von weitem sehen, aus allen Richtungen. Wenn ihr euch mal verlauft, geht Richtung Fernsehturm, sage auch ich manchmal meinen Kindern. Tja.
Nach dem Mauerfall waren Promis zu Gast auf den 368Metern. Die US-Schauspielerin Katie Holmes besuchte eine Schau der Fashion Week, Model Caro Daur und Bastian Schweinsteiger, ehemaliger Fußballnationalspieler, waren da, man konnte sich mit dem Fernsehturm schmücken. Nun isser weg.
Das „Berlinian“ ist Teil einer Reihe von weiteren Hochhäusern, die demnächst am Alexanderplatz entstehen sollen. Der „Covivio-Tower“ wächst gerade zwischen dem alten „Hotel Stadt Berlin“ und dem „Haus des Lehrers“ und wird eine weitere Sichtachse versperren. Stattdessen sollen Flex-Offices und „Garden-Club“ für eine neue „Community“ kommen.
Sozialistische Moderne und Kurt Cobain
Hermann Henselmann, DDR-Stararchitekt, der den „Turm der Signale“ Ende der 1950er Jahre entworfen hat, galt damals als Provokateur, längst gilt das Bauwerk als eine Ikone sozialistischer Moderne. Wir trafen uns als Kinder an der Weltzeituhr, die steht noch, am Brunnen der Völkerfreundschaft waren Solibasare für Chile und Nicaragua, Udo Lindenberg träumte von einem Rockfestival mit den Rolling Stones.
Meine Großeltern spendierten uns oben im Fernsehturm-Restaurant einen Eisbecher, wenn sie auf Diplomatenurlaub waren. Nach der Wende kam Saturn, wo ich in den Neunzigern CDs geklaut habe, Nirvana unplugged in New York. Auf der Flucht vor der Polizei schaute ich zum Fernsehturm als könne er mich schützen.
Das einzig Internationale ist jetzt die Primark-Filiale. Den Fernsehturm sieht man ja nicht mehr. Die Pläne für eine Skyline stammen aus dem Jahr 1993, westdeutsche Investoren und Politiker träumten von einer Weltstadt. Schon damals haben Architekten und Senat die „Veränderung der Sichtbeziehungen durch die Hochhausentwicklung“ diskutiert.
Aber es ging um the next level. Scheiß auf den freien Blick. So geht ein Zuhause verloren, eine Ästhetik, mit der man aufgewachsen ist, lokale Identität. Neues Kapital, neue Visionen. Mitunter regt sich Widerstand, Farbbeutel fliegen auf Business-Tower. Dit is Berlin.
Eine DDR-Ikone kehrt zurück
Noch ist nicht alles verloren. Die Mokka-Milch-Eisbar, ein legendärer Treff an der Karl-Marx-Allee, machte nach der Wende dicht. Dieses Frühjahr soll sie wieder aufmachen. Meine Eltern hatten da ihre ersten Dates. Man kann Café trinken, Cocktails und dabei auf den Fernsehturm schauen.
Mal sehen, wie lange noch.