Gegen Aldi: Tchibo verliert im Streit um Kampfpreise

Der Kampf um die Kaffeekunden wird in nächster Zeit wohl munter weiter gehen. Sogar wenn im Discounter in Sonderaktionen Röstkaffee angeboten wird, der billiger ist als die grünen Kaffeebohnen an der Börse, ist das rechtlich in Ordnung. So jedenfalls urteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf in einem Rechtsstreit zwischen Tchibo und Aldi. Der Discounter habe seinen Kaffee seit Ende 2023 immer wieder unter den eigenen Herstellkosten verkauft, was zulasten des Wettbewerbs gehe, hatte Tchibo argumentiert und auf Unterlassung geklagt.
Damit hatte der Hamburger Kaffeeröster auch in der zweiten Instanz keinen Erfolg. Der 6. Kartellsenat unter dem Vorsitz von Ulrich Egger folgte damit der Entscheidung des Düsseldorfer Landgerichts von Anfang 2025, wonach die Preisgestaltung von Aldi kaufmännisch vertretbar sei. Der Discounter verfolge den „dauerhaften, nachvollziehbaren Zweck der Förderung des eigenen Absatzes im Rahmen einer Mischkalkulation“, hieß es damals. Die schriftliche Begründung des aktuellen Urteils liegt noch nicht vor. Dabei geht es im Detail um die Frage, inwieweit einzelne Regelungen des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWG) auf den Fall überhaupt anwendbar sind. (Aktenzeichen VI-6 U 1/25)
Tchibo will das aber nicht zwangsläufig hinnehmen. „Wir werden jetzt die schriftliche Urteilsbegründung bewerten und weitere Schritte prüfen“, heißt es in einer Stellungnahme von Tchibo. Revision hat das Oberlandesgericht ausdrücklich zugelassen, sodass dem Kaffeeröster der Gang in die nächste Instanz offensteht. Aldi Süd antwortete auf eine Bitte um Stellungnahme, man äußere sich nicht zu laufenden Verfahren.
Tchibo geht es um grundsätzliche Entwicklungen im Einzelhandel
„Bedauerlicherweise hat das Gericht die Chance verpasst, einer strukturellen Fehlentwicklung im deutschen Lebensmittelhandel Einhalt zu gebieten“, heißt es bei Tchibo weiter. Damit spielt das Unternehmen auf die seit Langem zunehmende Machtfülle der großen deutschen Einzelhändler an. Allein Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) und Aldi kontrollieren 85 Prozent des Marktes. Dadurch wird die Verhandlungsmacht gegenüber Lieferanten gestärkt, letztlich zulasten von Verbrauchern und Primärproduzenten, mahnte im November schon die Monopolkommission in einem Sondergutachten zum Wettbewerb in der Lebensmittel-Lieferkette.
Mit der Marktmacht von Aldi und Tchibo hatten sich auch die Richter zu befassen, weil es bei der Auseinandersetzung um den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs geht. Anders als in solchen Fällen üblich, sind die Rollen des Kleinen und des Großen nicht so eindeutig verteilt. Gemessen am Gesamtumsatz, ist Aldi Süd schätzungsweise sechsmal so groß wie die Tchibo GmbH, die für das Jahr 2024 einen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro vermeldete. Allerdings ist seinerseits der Kaffeeröster Tchibo Marktführer im Geschäft mit Röstkaffee in Deutschland. Danach folgen die verschiedenen Markenanbieter. Aldi hat nach der Einschätzung von Experten einen Marktanteil von weniger als zehn Prozent. Konkrete Zahlen sind kaum erhältlich, weil Marktforschungsunternehmen die Informationen eigens für Kaffeeanbieter erheben und die Weitergabe der Daten untersagt wird.
Definitiv spielt Kaffee im Sortiment der deutschen Einzelhändler eine besondere Rolle. Was ein Pfund Röstkaffee so etwa kostet, wissen sehr viele Verbraucher und messen daran auch ihren Eindruck von der Preiswürdigkeit des gesamten Geschäfts. Für diese sogenannten Eckpreisartikel, zu denen neben Kaffee auch Milch oder Butter zählen, sind extreme Sonderangebote keine Seltenheit, wobei gerade Lidl und Aldi oft sehr schnell auf die Aktionen der Konkurrenten reagieren.
Der Preis für Rohkaffee ist seit 2020 auf das Dreifache gestiegen
Aktionspreise sind im Geschäft mit Kaffee schon deshalb relevant, weil der Rohkaffeepreis stark gestiegen ist. Im vergangenen Jahr erreichte er zeitweise mehr als das Dreifache des Preises von 2020 – entsprechend stark mussten auch die Röster und Händler ihre Preise anpassen. Tchibo hatte vor einem Jahr die Preise erhöht und dieser Tage weitere Erhöhungen ab dem 17. Februar angekündigt, ohne genaue Zahlen zu nennen. Als Beispiel wird die Sorte „Feine Milde“ genannt, nach Angaben von Tchibo Deutschlands beliebtester Filterkaffee. Hier steigt der Preis für das Pfund nun auf 9,99 Euro.
Auch Aldi Süd hatte angesichts hoher Kostensteigerungen im vorigen Jahr die Preise erhöht, zuletzt im Herbst aber wieder eine Preissenkung für die Eigenmarke „Barissimo“ von 13,99 auf 12,99 Euro je Kilo angekündigt. Der Discounter, dessen Sortiment von 1800 Artikeln zu 90 Prozent aus Eigenmarken besteht, treibt seit geraumer Zeit die Kaffee-Eigenmarke „Barissimo“ gegenüber anderen Artikeln an, zuletzt mit Kaffeekapseln, die auch für Nespresso-Maschinen verwendet werden können. Unter Barissimo bietet der Discounter aus Mülheim an der Ruhr die gesamte Bandbreite von ganzen Bohnen über gemahlenen Kaffee bis zu Pads oder Kapseln an. Schon weil das Sortiment aller Anbieter ziemlich komplex ist und auch verschiedene Handelsschienen bedient werden (bei Tchibo auch online und über eigene Shops), ist es trotz allem Preisbewusstsein der Verbraucher nicht einfach, die tatsächliche Entwicklung zu überblicken.