Geben steigende Öl- und Gaspreise jener Inflation neuen Schub?
analyse
Der Iran-Krieg lässt die Energiepreise steigen. Das weckt Erinnerungen an den Preisschock 2022. Ökonomen warnen vor einem Inflationsschub in Europa. Die EZB dürfte dann schnell reagieren.
Die Energiepreise steigen stark – und damit wächst auch die Sorge vor einem neuen Inflationsschub. Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der Ölpreis in der Spitze bis auf knapp 120 Dollar gestiegen, die Gaspreise haben sich zeitweise verdoppelt. Für Verbraucher, Unternehmen und Notenbanken könnte das weitreichende Folgen haben.
Die zentrale Frage lautet: Handelt es sich nur um einen kurzfristigen Preisschock – oder den Beginn einer neuen Ära der Inflation? Fakt ist: Steigende Energiepreise wirken besonders schnell auf die Teuerungsrate. Höhere Ölpreise schlagen sich unmittelbar in den Kosten für Benzin und Heizöl nieder. Gleichzeitig verteuern sie Transport und Produktion.
Energiepreise als direkter Inflationstreiber
Entscheidend ist nun die Dauer des Konflikts im Nahen Osten: Wird er rasch beigelegt, dürften auch die Ölpreise prompt wieder deutlich fallen. Dann gäbe es allenfalls temporäre Verzerrungen in der Inflationsrate, betont Sonja Marten, Chefvolkswirtin der DZ Bank, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. „Sollte der Ölpreis jedoch längere Zeit im Schnitt bei 80 Dollar oder im schlimmsten Fall sogar über 100 Dollar liegen, dann hätte das nachhaltige Effekte auf die Inflation.“
Auch Edgar Walk, Chefökonom des Bankhauses Metzler, rechnet in einem solchen Szenario mit einem deutlichen Anstieg der Verbraucherpreise: In den nächsten sechs bis neun Monaten dürfte die Inflationsrate in der Eurozone dann „auf über drei Prozent, vielleicht sogar Richtung vier Prozent“ anziehen, sagt Walk.
Nicht nur Öl, auch Gas und Strom werden teurer
Zwar ist Europa heute – im Vergleich etwa zu den Ölpreisschocks der 1970er-Jahre – weit weniger vom Öl abhängig. Doch das Risiko hat sich nur verschoben: In vielen Bereichen wurde Öl durch Strom ersetzt – und der Strompreis wird in Europa häufig durch Gaskraftwerke bestimmt.
Die aktuellen Störungen bei der Produktion und dem Transport von verflüssigtem Erdgas (LNG) treiben also nicht nur die Gaspreise, sondern auch die Strompreise. Dabei dürfte sich der Effekt der steigenden Gas- und Strompreise in der Statistik erst mit einiger Verzögerung niederschlagen, da Versorger ihre Tarife erst noch anpassen müssen.
Gefahr von Zweitrundeneffekten
Viel hängt nun davon ab, ob es zu sogenannten Zweitrundeneffekten kommt: Dabei fordern Beschäftigte angesichts der gestiegenen Energiepreise höhere Löhne, Unternehmen geben die höheren Kosten an ihre Kunden weiter – dadurch verstärkt und verfestigt sich die Inflation.
Laut Metzler-Ökonom Walk ist die Gefahr von Zweitrundeneffekten diesmal besonders hoch. Das hat mit den Erfahrungen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zu tun. „Damals gab es einen hohen Kaufkraft-Verlust bei den privaten Haushalten, bei den Arbeitnehmern. Deshalb haben wir jetzt eine deutlich höhere Sensibilität, was Inflation und Inflationsrisiken anbelangt.“
Inflationserwartungen an den Finanzmärkten gestiegen
Höhere Energiepreise haben damit heute einen stärkeren Effekt auf die Inflationserwartungen als in den Jahren vor dem Ukraine-Krieg. „Und deshalb kann es gut sein, dass wir in den nächsten Tagen und Wochen von den Gewerkschaften hören, dass sie höhere Löhne haben möchten, um diesen Kaufkraftverlust auszugleichen“, betont Walk.
An den Finanzmärkten sind die Inflationserwartungen bereits deutlich gestiegen. Ablesbar ist das an den fallenden Kursen deutscher Bundesanleihen – die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe stieg zu Wochenbeginn bis auf 2,93 Prozent.
Notenbanken unter Druck
Für die Europäische Zentralbank sind die steigenden Inflationserwartungen eine große Herausforderung. Sollte der Ölpreis nachhaltig deutlich höher liegen, bei 100 Dollar oder sogar darüber, wäre die EZB schnell zum Handeln gezwungen, betont DZ-Ökonomin Marten. „Dann müsste sie die Zinsen sehr viel früher erhöhen und auch insgesamt deutlich aggressiver agieren, als sie das aktuell plant.“
Auch hier spielt die Erfahrung aus der Hochinflationsära nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs eine große Rolle: Die EZB hatte damals zunächst gedacht, sie könne durch diesen Inflationsschub „hindurchschauen“, also den Energiepreisschock geldpolitisch einfach aussitzen.
EZB dürfte schneller reagieren
Doch das war ein Fehler: Die EZB unterschätzte, wie schnell sich die Teuerung in der Breite der Wirtschaft verfestigen würde. Im Nachhinein hätte sie sehr viel früher mit Zinserhöhungen gegensteuern müssen.
„Aus dieser schmerzvollen Erfahrung heraus ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass die EZB auf einen anhaltend hohen Ölpreis sehr viel schneller reagiert, um einen drastischeren Anstieg der Inflationserwartungen zu begegnen“, ist Marten überzeugt.
Finanzmärkte preisen Zinserhöhungen ein
Während einige noch darauf hoffen, dass die Öl- und Gaspreise rasch wieder fallen werden, sind die Anlegerinnen und Anleger an den Finanzmärkten deutlich pessimistischer. „Die Finanzmärkte preisen jetzt schon zwei Leitzinserhöhungen bis Jahresende ein“, betont Metzler-Ökonom Walk.
Viel hängt jetzt von der Dauer des Konflikts im Nahen Osten ab. Bleiben die Energiepreise länger hoch, könnte aus dem aktuellen Preisschock schneller ein neues Inflationsproblem werden. Genau das hatte die EZB 2022 unterschätzt – diesmal dürfte sie sehr viel schneller reagieren.
Source: tagesschau.de
