Gaza | Wie in Gaza für jedes 658.000 Kinder ein neues Schuljahr begonnen hat – trotz dieser Zerstörung
Fast alle Schulen und Universitäten in Gaza sind durch den Krieg schwer beschädigt. Doch Bildung ist das einzige Kapital der Jugend. Was Lehrerinnen oder auch israelische Geschäftsleute tun, damit sie trotz der Widrigkeiten lernen können
Lehrmaterialien werden von der Besatzungsmacht als keine lebenswichtigen Güter betrachtet und dürfen daher nicht als Hilfstransport legal eingeführt werden
Foto: Omar Al-Qattaa/Getty Images
Tausende von Lehrern und Akademikern haben mehr als zwei Jahre Krieg nicht überlebt und wurden oft gezielt getötet. Und doch lebt der Schulunterricht Anfang 2026 wieder auf, unterstützt vom Palästinahilfswerk UNRWA, dessen Tätigkeit Israel eigentlich verboten hat.
Fast 92 Prozent der Schulen sind stark oder vollständig zerstört, einigermaßen intakt lediglich drei Prozent. Was also geschieht mit 658.000 schulpflichtigen Kindern, die oft nur noch „einen minimalen Zugang zu formaler Bildung“ haben, so die UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF, die derzeit noch „Lernzentren“ (in der Regel „Zelt-Schulen“) für 109.310 Kinder unterhalten kann, von denen 54 Prozent Mädchen sind?
Derartige Provisorien gibt es auch im abgetrennten Küstengebiet, das die israelische Armee besetzt hält. Die Kinder in Beit Lahiya, das in dieser „gelben Zone“ liegt, gehen unter ständiger Bedrohung durch Scharfschützen in ihre Zeltschulen.
Israelische Geschäftsleute schmuggeln Lehrmaterialien nach Gaza
Lehrmaterialien werden von der Besatzungsmacht als keine lebenswichtigen Güter betrachtet und dürfen daher nicht als Hilfstransport legal eingeführt werden. Israelische Geschäftsleute springen in die Bresche und schmuggeln, was gebraucht, aber durch die informellen Routen enorm verteuert wird.
„Ein Heft, für das man vor dem Krieg einen Schekel (0,27 Euro) bezahlt hat, kostet jetzt fünf“, sagt eine Mutter. Ihre fünf Kinder hätten inzwischen einen schulischen Rückstand von vier Jahren, da schon während der Covid-Pandemie wegen fehlender Impfungen und Masken viel Unterricht ausgefallen sei.
Eine Schule in Tel al-Hawa, einem Viertel von Gaza-Stadt, ist Anfang 2024 von Raketen weitgehend zerstört worden, zwei Jahre danach wird sie mit sechs Zelten wiedereröffnet. 24 Lehrer unterrichten in drei Schichten an einem Tag die Jungen, am nächsten die Mädchen. Das heißt, sie betreuen etwa 1.100 Schülerinnen und Schüler, von denen viele Waisen oder Halbwaisen sind.
Eine Lehrerin sagt: „Wir verlieren alles. Aber Bildung ist für uns Palästinenser unser Kapital“
„Vor dem Krieg“, so ein Lehrer, „hatten wir Labors, Computerräume, Internetzugang und eine Bibliothek. All das ist weg.“ In der Tel-al-Hawa-Schule könne man jetzt nur noch Arabisch, Mathematik und Biologie unterrichten. In Rufweite befinde sich ein Lager mit Vertriebenen aus dem Norden und Osten des Gazastreifens. Viele Kinder von dort wollten in seine Schule kommen. Nur leider schaffe man es nicht, auch sie aufzunehmen.
Man braucht keine Fantasie, um zu begreifen, wie wichtig für durchweg traumatisierte Kinder der Schulbesuch ist. Obwohl sie weiterhin an Leib und Seele bedroht sind, bringt die Schule Struktur und etwas Zukunft in ihr Leben. Dass große Anstrengungen unternommen werden, um zu unterrichten, zeugt vom erhalten gebliebenen Vermögen zur Selbstorganisation.
Ein UNICEF-Bericht zitiert eine Lehrerin: „Für uns Palästinenser ist Bildung unser Kapital. Wir verlieren unsere Häuser. Wir verlieren unser Geld. Wir verlieren alles. Aber Wissen – Wissen ist die einzige Investition, die wir für unsere Kinder erhalten wollen.“
230 Palästinenser haben gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen,
Die in Ostjerusalem lebende deutsche Politik-Professorin Helga Baumgarten hat Jahre im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in palästinensischen Bildungseinrichtungen gelehrt, zuletzt an der Birzeit-Universität nahe Ramallah. Sie berichtet, dass trotz der Zerstörung der Al-Azhar-Universität und der Islamischen Universität in Gaza dort im Sommer 2025 junge Palästinenser ihr Studium dank digitaler Kommunikation abschließen konnten.
Seit der Waffenruhe wurden zudem einige Stockwerke der Islamischen Universität behelfsmäßig instand gesetzt, um wieder Präsenzunterricht zu geben. Am 3. Januar, so Baumgarten, hätten 230 Anwärter ihr Medizinstudium abgeschlossen. Sie dürfen nur in Gaza arbeiten, denn im annektierten Ostjerusalem erkennt die Besatzungsmacht neuerdings Diplome palästinensischer medizinischer Fakultäten nicht mehr an.
Von universitären Einrichtungen im Westjordanland ist bekannt, dass das israelische Militär immer wieder in Hochschulen eindringt und Studenten mit Tränengas und Schusswaffen attackiert.