Fußgängerzonen-Tristesse: Die Innenstadt ist tot, es lebe die Innenstadt
Die Innenstadt ist das Herz einer Gemeinde. Sie verbindet Menschen, die oft nur zufällig in der Nähe wohnen und die meiste Zeit ihrer eigenen Wege gehen. In der Innenstadt begegnen sie sich, ohne sich verabreden zu müssen. Hier nimmt man sich Zeit, grüßt, lächelt, bleibt stehen, unterhält sich, tauscht Neuigkeiten aus.
Die Innenstadt ist ein Ort der Gemeinschaft, urpolitisch. Sie ist deshalb auch der Ort, wo der Markt stattfindet, Demonstrationen beginnen, das Rathaus steht und Denkmäler aufgestellt werden. Besucht ein Tourist eine andere Stadt, führt sein Weg als Erstes ins Zentrum. Hier sucht und findet er, was die Stadt ausmacht.
Die Herzen vieler deutscher Städte schlagen allerdings langsamer. „Die Innenstadt ist tot“, heißt es schon länger, aber nun immer verzweifelter. Einzelhändler geben ihre Geschäfte auf, zurück bleiben leere und dunkle Schaufenster, trostlose Geisterstraßen.
Nur noch vereinzelt laufen Passanten durch die Gassen, aber nicht schlendernd und plaudernd, sondern zielstrebig, um vom einen zum anderen Ort zu kommen. Und wenn dann doch neue Läden einziehen, dann sind es Nagel- oder Beautystudios, Handyläden, Friseure, Billigläden. Nicht die originellen inhabergeführten Modeboutiquen, Fachgeschäfte, Schuhläden oder kleinen Cafés, die einer Stadt einen besonderen Reiz verleihen.
In diesem Jahr finden in Hessen, Bayern, Niedersachsen und Berlin Kommunalwahlen statt, das heißt, die Bürger wählen ihre Kreistage, Gemeinderäte, Stadträte, Bezirksverordneten, Ortsbeiräte, Landräte oder Bürgermeister. Sie bestimmen nicht über die Ukrainepolitik Deutschlands oder den Umgang mit Donald Trump.
Sie bestimmen darüber, wie es mit der Kita nebenan weitergeht, mit dem Schwimmbad, ob Straßen repariert und Stadtfeste ausgerichtet werden. Kommunalwahlen werden oft weniger beachtet als Bundestags- oder Landtagswahlen, weniger Leute nehmen teil – dabei sind diese Wahlen die unmittelbarsten. Hier entscheiden Menschen darüber, wie es in ihrem direkten Umfeld weitergehen soll. Und ja, sie entscheiden auch über ihre Innenstädte.
Dann kam der Ruf nach einer „Obergrenze“
Bei der Kommunalwahl in Baden-Württemberg vor zwei Jahren hatte Heilbronn wegen seiner Innenstadt für eine kurze, bundesweite Debatte gesorgt. Die CDU schrieb in ihrem Wahlprogramm, dass viele Heilbronner im Zentrum „keine hinreichenden Einkaufsmöglichkeiten mehr (finden), gerade was hochwertige Geschäfte anbelangt“. Und weiter: „Denn wo es nur Automaten-Shops, Dönerbuden, Nagelstudios, Barbershops und Wettbüros gibt, ist ein Einkaufserlebnis mit Flair schwer vorstellbar.“ Als Lösung schlug die CDU deshalb vor zu prüfen, ob eine „Obergrenze für bestimmte Nutzungen“ möglich sei und sie dann auch einzuführen.
Aus dieser Forderung wurde in den Medien im Nu eine „Döner-Obergrenze“ – und das hatte im Sommer 2024 ein ganz besonderes Geschmäckle. Es war das Jahr, als die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland ihren Höhepunkt erreichte, als die Bezahlkarte für Asylbewerber eingeführt wurde, als Deutschland seine Grenzen zu den Nachbarländern wieder zu kontrollieren begann.
Und es war die Zeit, als sich Unionspolitiker mit Forderungen nach einer Obergrenze für Flüchtlinge unterboten, von 200.000 auf 100.000, auf 50.000. Das Heilbronner Wahlprogramm wurde durch die „Döner-Obergrenze“ also schnell überregional – und als ein Verweis darauf angesehen, dass die vielen Migranten mit ihren billigen Läden die deutschen Innenstädte kaputt machten.

Der christdemokratische Heilbronner Stadtrat Christoph Troßbach sagt heute, dass ihm damals Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen wurde. Aber er habe auf die Initiative auch sehr viel positive Rückmeldung bekommen, gerade von Stadträten aus anderen Städten. Viele Bürger hätten damals immer wieder einen Satz an den Wahlständen wiederholt, sagt Troßbach: „Was ist denn mit der Innenstadt los, da gibt es ja immer nur die gleichen Geschäfte!“ Im Zentrum Heilbronns gab es damals 20 Dönerläden, 18 Barbershops und 16 Nagelstudios. Troßbach war das zu viel.
Vielen Bürgern bereitet außerdem noch etwas anderes Unbehagen: dass es in diesen Betrieben häufig zu Schwarzarbeit kommt. Der Zoll sagt zwar, dass „nahezu alle“ Wirtschaftszweige, insbesondere die lohnintensiven, von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung betroffen seien. Im Friseur- und Kosmetikgewerbe gebe es allerdings vergleichsweise viele Ermittlungsverfahren.
In dieser Branche würden häufig „offensichtlich arbeitende Personen“ angetroffen, die dann angäben, nur „zu Besuch“ oder als „Praktikant“ tätig zu sein, sagte eine Sprecherin des Zolls der F.A.S. Zudem mache die „hohe Bargeldaffinität“ anfällig für Geldwäsche. Viele solcher Läden in einer Innenstadt bedeuten womöglich also auch: mehr Wirtschaftskriminalität.
Kein Strukturwandel, sondern eine „Disruption“
Man könnte nun sagen: Innenstädte unterliegen schon immer einem Wandel, das wird sich schon einpendeln. Vor einigen Jahren waren es die Spielhallen und Wettbüros, die Unmut auf sich zogen. Und es gab die riesigen Einkaufszentren, die die Menschen von den kleinen Läden weg- und zu den Filialisten hingezogen haben.
Sandra Wagner-Endres vom Deutschen Institut für Urbanistik beschreibt die Lage damals so: „In jeder Stadt gab es dieselben Ketten, New Yorker, Esprit, Pimkie“, egal ob Darmstadt, Dortmund, Kiel oder Mannheim. Mittlerweile, sagt sie, habe sich das durch den Onlinehandel verändert. Aber gerade der hat wiederum für den nächsten Wandel der Innenstädte gesorgt.
Diesen neuen Wandel bezeichnet Jens Nußbaum als „Disruption“. Er ist Teil der Geschäftsleitung des Stadtentwicklungsbüros „Stadt und Handel“ und berät Kommunen, wie sie ihre Zentren attraktiver machen können. Ursache der „Disruption“, sagt er, sei die Coronapandemie. Zu dieser Zeit haben viele Leute begonnen, online einzukaufen, es war eine gewaltige Verhaltensänderung, die Millionen Menschen gleichzeitig mitgemacht und auch nach der Pandemie beibehalten haben.
In gewisser Weise ein kollektiver Lernprozess, nach dem Motto: Wie praktisch, ich muss die Wohnung zum Einkaufen gar nicht verlassen, das geht ja ganz easy auch vom Sofa aus. Es kam dadurch zu einem „massiven Rückzug des Einzelhandels“, sagt Nußbaum, der „zu einem der größten Wandlungsprozesse in Innenstädten seit Jahrzehnten“ führte. Und zwar innerhalb kürzester Zeit.

Nußbaum betrachtet Innenstädte allerdings ein wenig anders als Troßbach. Auch er hält Monostrukturen für schädlich, gerade wenn es um Geschäfte geht, die nicht für Qualität stehen, weil sie eine Abwärtsspirale in einem Quartier einleiten können. Er schaut aber auch auf die Zielgruppe. Und erzählt eine Geschichte: Sein Team sollte einmal eine Innenstadt begutachten und lief deshalb mit einigen Stadtvertretern durch die Straßen.
Plötzlich sagten die: „Jetzt kommen wir in unsere Problemlage, die funktioniert nicht gut.“ Nachdem Nußbaum und sein Team sich dieses Viertel angeschaut hatten, waren sie jedoch ganz anderer Ansicht: „Die funktioniert besser als die Hauptlage!“ Es gab dort zwar viele Dönerläden und Imbisse, aber es waren mehr Menschen unterwegs als in der Fußgängerzone. „Was war also das Problem? Es war eben stark ethnisch geprägte Gastronomie und Handel. Aber für die Zielgruppe, die da war, war es genau das Richtige.“
Was man noch nicht online kaufen kann
Nußbaum sagt, es gibt außerdem einen Grund, warum gerade Barbershops, Friseure und Nagelstudios überall aus dem Boden schießen, und zwar ganz unabhängig von der Herkunft der Betreiber: Sie gehören zu den Dienstleistungen, und Dienstleistungen sind eben das Einzige, was noch nicht online gekauft werden kann. „Es gibt hier also eine ungebrochene Nachfrage.“
Was folgt daraus? Wenn Angebot und Nachfrage die Innenstadt bestimmen, haben wir dann nicht genau die Städte, die wir brauchen? Sind die Innenstädte einfach der Spiegel unserer Gesellschaft, und weil derzeit, wie es eine Sprecherin des Handelsverbandes zusammenfasst, „die Mittelschicht zunehmend Probleme hat und es den Wohlhabenden immer besser geht“, verkaufen sich vor allem günstige und besonders teure Produkte gut? Trauern viele Bürger also einfach nur dem Bild einer vergangenen Innenstadt hinterher, in der sie aber in Wirklichkeit heute gar nicht mehr einkaufen würden?

Ja und nein. Jens Nußbaum sagt, dass die Besucherfrequenzen in den Innenstädten oftmals auf Vor-Corona-Niveau liegen, teilweise höher. „Die Leute schätzen die Innenstadt. Man sieht das auch bei Stadtfesten, selbst in kleinen Kommunen, die gut besucht sind.“ Aber: Die Leute gehen trotzdem nicht mehr in die Läden. Die Frage sei also: „Wenn das alte ,Modell Innenstadt‘ nicht mehr funktioniert, wie können Innenstädte dann trotzdem lebendig und lebenswert bleiben – und gleichzeitig lohnenswert für Investitionen?“
Dafür brauche es die passenden Angebote für die Zentren – beim Einzelhandel, aber auch abseits des Einzelhandels. Eine Innenstadt muss sozusagen mehr werden als eine bloße Einkaufsmeile – was sie im Übrigen lange Zeit auch war. Noch vor ein paar Jahrzehnten war das Zentrum ein Mix aus Handwerk, Dienstleistungen, Wohnen, Handel. Dann hat der Einzelhandel fast alles andere verdrängt, weil er die höchsten Mieten zahlte. Von allein passiert so ein Wandel jedoch nicht. Kommunen müssen, sagt Nußbaum, ihre Innenstädte viel stärker „weiterentwickeln“.
Immobilien sind Privateigentum, da kann man wenig regeln
Was das bedeutet, sieht man etwa in Bad Belzig, einem hübschen kleinen Städtchen mit altem Kern in Brandenburg, etwa 90 Kilometer südwestlich von Berlin. In Bad Belzig gibt es eine „Altstadt-Kümmerin“. Sie heißt Birgit Würdemann, und sie will dafür sorgen, dass die Innenstadt lebendig bleibt. Noch ist sie das, aber der Leerstand nimmt zu – und wird noch weiter zunehmen, weil viele Ladeninhaber vor der Rente stehen und keinen Nachfolger haben. Viele Geschäfte lohnen auch nur noch, weil die Inhaber auch Eigentümer sind und keine Miete zahlen müssen. Würdemanns Arbeit ist vor allem eines: genau diese Informationen erst einmal herausfinden und zusammenführen. Durch Netzwerken.
Denn eine Innenstadt besteht hauptsächlich aus privaten Immobilien mit sehr vielen unterschiedlichen Eigentümern. Hier regulierend einzugreifen, ist für eine Stadtverwaltung rechtlich also fast nicht möglich. Und da jeder selbst über sein Privateigentum bestimmt, denkt jeder der Eigentümer auch oft nur an sich – nicht aus Bosheit, sondern weil es lange gut funktionierte.
Jetzt ist es aber wichtig, sagt Würdemann, dass die Eigentümer eine gemeinsame Idee davon bekommen, was ihre Stadt sein soll und wie man gemeinsam dahin kommt. Wenn einige Eigentümer also ihre Läden leer stehen lassen, dann müssen sie darüber aufgeklärt werden, dass das nicht nur sie selbst betrifft, sondern dass das große Auswirkungen auf das Stadtbild hat. „Hinzu kommen oft unrealistische Vorstellungen, was das Mietniveau betrifft“, sagt Würdemann. Viele Eigentümer wollen von den bisherigen Mieten nicht runter, obwohl sich die Zeiten geändert haben.

Würdemann hilft, dass sich alle Beteiligten bewusst werden, welche Verantwortung sie für ihre Innenstadt haben. Sie berät, unterstützt, vernetzt, und sie bespielt mit einem Kunstverein die leeren Schaufenster, um der Tristesse etwas entgegenzusetzen. Außerdem aber macht sie die Innenstadt zu einem Treffpunkt. Sie hat etwa angeregt, den Sommer über regelmäßig Feste auf dem Marktplatz zu feiern.
Die Ideen kamen dann von den Bürgern, sie übernahmen auch die Organisation – die Stadt hat nur die Bierbänke gestellt. Es wurde gesungen, Kleider getauscht, gekocht. Würdemann sagt: „Einfach, um die Leute mal zusammenzubringen und denen auch zu zeigen, was man auf dem Marktplatz alles machen kann.“ Sonst ist dort nämlich meist nur ein Parkplatz.
Das mag im ersten Moment nach Spielerei klingen. Sandra Wagner-Endres vom Deutschen Institut für Urbanistik stimmt Würdemann aber aus der Empirie zu: „Wenn man die Leute fragt, was wünscht ihr euch für die Innenstadt, dann sagen sie: Begegnungsorte. Gerade auch in kleineren Kommunen.“ Es ist also der Wunsch nach Nähe, der viele Menschen in die Innenstadt treibt. Und die sie vermissen.
„Nur dem Alten nachzutrauern, bringt nichts“
Ähnlich sieht es Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages: „Nur dem Alten nachzutrauern, bringt nichts“, sagt er der F.A.S. Städte müssten neue Wege gehen, und dazu gehörten neben den üblichen Ladengeschäften auch immer mehr Kultur- oder Bildungsangebote sowie Wohnraum, Hotels und auch mehr Grün in der Stadt. „Denn Einkaufen allein reicht oft nicht mehr, um alle Geschäftshäuser mit Leben zu erfüllen und Leerstand zu verhindern.“
Jens Nußbaum wirbt noch für eine andere Idee. Es gebe jahrzehntelange Traditionen, Tech- oder Bio-Start-ups zu fördern, sagt er. Neue Firmen können also im Gewerbegebiet hoch subventioniert günstig Büroflächen mieten und sich so im Markt etablieren. Eine ähnliche Förderung brauchten Innenstädte seiner Meinung nach auch. Das sei zwar anstrengender als Regulierung. „Aber es ist für eine Stadt erfolgversprechender. Ich merke, dass sich das langsam ändert.“
Was also ist in Heilbronn passiert, dem Ursprung der Diskussion über „Dönerisierung“ vor eineinhalb Jahren – haben sie hier mittlerweile eine Obergrenze für Dönerläden eingeführt?
Nein. Trotzdem, sagt Stadtrat Troßbach, sei aus der Debatte ein „Erfolgsprojekt“ geworden. Weil alle Fraktionen – außer der AfD – gemeinsam einen Plan erstellt haben, ein „Aufbruch-Paket“. Es wurde Geld bereitgestellt, gibt nun auch hier einen „Kümmerer“ als Ansprechpartner für Gewerbe und Handel, und es entwickeln sich Ideen, ähnlich wie Nußbaum sie skizziert hat, für sogenannte Pop-up-Läden. Gründer können also Geschäfte erst einmal nur für ein paar Monate mieten, um sich auszuprobieren – und dann bei Erfolg einen Laden langfristig eröffnen.
Auch eine Steuerung ist noch nicht vom Tisch. Aber Troßbach sagt heute: „Noch besser als Vorschriften: Wir müssen zentrale Standorte in der Innenstadt besitzen. Dann können wir selbst gestalten. Es ist wie bei Monopoly: Kommst du drauf, musst du kaufen, sonst verlierst du.“

Source: faz.net