Frühjahr 1982: Mit „Familie Rechlin“ erzählt dasjenige Zone-Fernsehen eine Ost-West-Geschichte

Die Heimsuchungen der Ingelore Rechlin, Köchin in einer Ostberliner Großküche und Familienoberhaupt am Hackeschen Markt, haben es in sich. Und sie selbst hat es auch in sich. Ingelore kniet gern auf den Fensterbrettern ihrer Wohnung, um die Scheiben zu wienern und vor sich hin zu summen: „Nichts geht über Bärenmarke, Bärenmarke zum Kaffee.“

Damit kann sie gar nicht mehr aufhören, wenn unten die Nachbarin ihr Netz aus der Markthalle am Alexanderplatz nach Hause schleppt, wovor Ingelore manches Westpaket bewahrt. Hingebungsvoll steckt sie bis zu den Unterarmen im Rosinenteig, wenn Familienfeiern anstehen. Dann wird die Küche zur Kuchenschmiede und das Backen zur Passion. Die Familie geht Ingelore über alles. Aber die ist zu ihrem Kummer auseinandergerissen und wird es erst einmal bleiben.

Ein brisanter Plot

Wir schreiben das Jahr 1962, als die Geschichte des 1981 abgedrehten Fernsehzweiteilers Familie Rechlin beginnt und Weihnachten nicht mehr zusammen am Hackeschen Markt gefeiert werden kann. Tochter Beate lebt mit ihrem Mann in Spandau, Mutter Ingelore mit ihrem, dem Straßenbahner Hannes Rechlin, in Mitte – dazwischen steht die Mauer. „Lange kann doch der Spuk nicht mehr dauern“, wettert Ingelore und hat ein Telegramm in der Hand, das die Geburt eines Enkels verkündet. Umgehend will sie nach Spandau und der Tochter beistehen: „Tochter kriegt ’n Kind, Mutter ’n Telegramm“. Zeiten sind das.

Ein brisanter Plot, das Thema Grenze, geteilte Stadt, geteilte Familie wird nicht eben häufig aufgerufen im DDR-Fernsehen. Mauergeschichten sind eine Rarität, zu heikel, zu angreifbar, zu sehr als politisches Vorturnen verrufen. Am 13. August 1968 wird mit dem Episodenfilm Geschichten jener Nacht eine DEFA-Produktion ausgestrahlt, die auf die Nacht des Mauerbaus sieben Jahre zuvor zurückkommt, ohne dem obwaltenden Geschichtsbild zu nahe treten zu wollen.

Eine von vier Anekdoten schildert ebenfalls, wie die Ereignisse eine Familie auseinandertreiben. Die Eltern gehen in den Westen, die Tochter bleibt im Osten, obwohl sie – als „politisch unzuverlässig“ eingestuft – keine Aussicht auf einen Studienplatz hat. Konrad Wolfs Verfilmung des Christa-Wolf-Romans Der geteilte Himmel über eine tragische Liebesgeschichte in der frühen DDR kommt erst 1982 ins Fernsehprogramm – 18 Jahre nach der Kinopremiere. Weshalb so spät? Weil „Republikflucht“ als nachvollziehbare Entscheidung beschrieben, wenn auch nicht gerechtfertigt wird? Oder weil der Film heute vergöttert, morgen verschmäht und verboten ist?

Der Familie Rechlin bleibt ein solches Wechselbad erspart. Das Drehbuch hält sich an den 1978 erschienenen gleichnamigen Roman, in dem Jochen Hauser das Leben einer Berliner Familie im ersten Jahrzehnt mit dem Mauerbau schildert, unverkrampft und unverblümt, authentisch und amüsant. Die Druckgenehmigung des DDR-Kulturministeriums bescheinigt dem Werk einen „an Theodor Fontane erinnernden Erzählduktus“.

Rhetorische Attraktion

Mit dem bewussten Telegramm aus Spandau reift bei Ingelore die Überzeugung, dass ihr die Geburt des Enkels eine Besuchsgenehmigung verschaffen wird, die Passstelle der Volkspolizei (VP) nichts dagegen haben kann. Hat sie aber. Selten zuvor sind in einem DDR-Fernsehfilm Bürgerbegehren und Behördenignoranz so heftig kollidiert und so glaubwürdig ausgespielt worden wie in dieser Szene.

Das sich hochschaukelnde Wortgefecht zwischen der Antragstellerin und einem VP-Leutnant hat es in sich und wird für einen Gegenwartsstoff wie diesen zur rhetorischen Attraktion. „Meine Tochter wohnt in Spandau, 30 S-Bahn-Minuten von hier entfernt“ – eröffnet Ingelore die Partie –, „und da wohnt sie seit Golems Zeiten“ (was nicht stimmt, erst seit 1956). „Und jetzt ist sie Mutter jeworden, und jetzt braucht se mich, verstehen Sie das, Herr Offizier? Wissen Sie, wir sind nämlich eine Familie, die noch zusammenhält. Det jibt es noch.“

Der VP-Leutnant hält einen Vorschlag parat, den Ingelore erst fassungslos, dann entrüstet zur Kenntnis nimmt. Er lautet: „Wenn Ihre Familie so zusammenhält, warum siedelt dann Ihre Tochter nicht in das demokratische Berlin über? Schreiben Sie Ihrer Tochter. Wenn Sie unbedingt zusammen sein wollen, dann muss sie einen Antrag auf Übersiedlung stellen.“

„Sagen Sie mal, ick höre wohl nich’ richtig? Beate soll hierher, für immer? Sie soll in’n Osten?“

„In die DDR.“

„Wollen Sie mich verklapsen? Jetzt passen Sie mal uff. Ich komme hierher und will weiter nüscht als ’ne Besuchsgenehmigung, und was ernte ich? Spott! Mit mir nich’, mein Herr!“

Passierscheine zu Weihnachten

Nun ist auch der Leutnant fassungslos. „Es hat Sie überhaupt niemand verspottet, Bürgerin“, ruft er Ingelore hinterher, als die schwer aufgebracht das Amtsgebäude verlässt und auf Rache sinnt. Erst will sie die Jugendweihe des jüngsten Sohnes René absagen und ihn lieber zur Konfirmation schicken, auch wenn der nie eine Konfirmandenstunde von innen sah. „Sollst mal sehen“, sagt sie zu ihrem Mann, „wie das denen den Durchschnitt versaut.“

So weit kommt es zwar nicht, aber gefeiert wird nur im allerkleinsten Familienkreis und nicht am Hackeschen Markt. Womit Ingelore ihr Repertoire der Revanche noch nicht ausgereizt hat. Sie beschwert sich beim Staatsrat. „Die sagen doch immer, man soll kommen, wenn man wat hat. Die Tante aus der Kaderleitung hat mir heute aus der Küche jeholt und jefragt, was mir eingefallen ist wegen die Eingabe. Habe ick eben jesagt, was mir eingefallen is’, weil se mir nicht zu Beaten jelassen haben“, gesteht sie Hannes, dem ein „Ach, du jroßer Jott“ entfährt.

Von der Fabel her als Gegenpol zu Ingelore gedacht, ist Herr Rechlin gelassener und hat seine eigene, unverrückbare Meinung vom Lauf der Welt. Als er vor der Entscheidung steht, als Straßenbahner Fahrlehrer zu werden, zaudert er zwar, stimmt aber letztlich zu. Für diese Beförderung muss er nicht in die Partei, aber er darf es, bedeutet ihm ein Jugendfreund, mit dem er in Wilmersdorf einst Hockey spielte. Irgendwann will Hannes dann, was er darf. Aus Überzeugung, wie er ein wenig unwirsch anklingen lässt.

Zu Weihnachten 1963 sitzen dann alle wieder einträchtig am großen Tisch in der guten Stube am Hackeschen Markt. Beate, Enkel Maurice und Schwiegersohn Siegfried sind dank des ersten Passierscheinabkommens mit dabei. Ingelore tafelt groß auf und muss erkennen, dass sich die alten Familienbande lockern. Wer woanders lebt, denkt auch anders.

Gedreht wird in der Regie von Vera Loebner, doch dauert es danach noch ein Jahr, bis der Zweiteiler im Ersten Programm des DDR-F landet. Die Geschichte über eine Ost-West-Familie im Kalten Krieg ist alles andere als wohlgelitten. Loebner erinnert sich später: „Den Film zu produzieren, war zunächst überhaupt kein Problem. Das entstand bei der Abnahme, als die Geschichte visuell und emotional sichtbar wurde.“ Liegt es an der weiblichen Hauptfigur (saftig gespielt von Marianne Wünscher), deren höchstes Ideal darin besteht, die geteilte Familie in der geteilten Stadt an einem Tisch zu haben? Und die sich scheiden lassen will, als sie erfährt, dass ihr Mann in die Partei eingetreten ist und ihr seine Absicht verschwiegen hat?

Erdbeeren aus Israel

Als beide in einer Filmepisode zum Saisonauftakt mit der Weißen Flotte über die Spree fahren, bittet Ingelore, Hannes, das Parteiabzeichen abzulegen. Im Bordrestaurant wird dann allerdings eine Dame aus dem Westen von zwei Flegeln beleidigt, weil sie sich darüber mokiert, dass es in der DDR noch keine Erdbeeren gibt. In Wuppertal seien längst welche aus Israel zu haben. Hannes greift ein und weist die beiden zurecht. „Das nächste Mal lässte dein Abzeichen dran“, ist Ingelore gnädig.

Vera Loebner: „Es gab mühselige Debatten, ob die Episode mit dem Parteiabzeichen herausgeschnitten werden sollte. Und es gab andere Versuche, missliebige Passagen zu streichen. Am Schluss kam es zu fünf Änderungen, die dem Film alles in allem nicht geschadet haben.“ Einen Sendetermin jedoch bleibt die Intendanz im Fernsehzentrum Adlershof weiter schuldig. Loebner fühlt sich hingehalten und wendet sich per Brief an Fernsehchef Heinz Adameck. Schließlich einigt man sich, die Familie Rechlin in einem Ostberliner Großbetrieb zu zeigen, um die Reaktionen der Zuschauer zu testen. Die Geschichte gefällt. So gehen die „Rechlins“ Mitte April 1982 auf Sendung, mit einem Finale, das wenig Anstoß erregt.

Ingelore kehrt von einem Dreitagestrip nach Westberlin zum Hackeschen Markt zurück. Wieder ist ein Telegramm aus Spandau im Spiel. „Beate lebensgefährlich erkrankt“, muss Ingelore entsetzt und mit zitternder Hand lesen. Nun darf sie „rüber“ und wird von Beate auf dem S-Bahnhof Spandau West so stürmisch begrüßt, dass Ingelore fast das Herz stehen bleibt. „Ich denke, du …“ – „Die Welt will betrogen sein“, findet die Tochter.