Friedrich Merz in China: Die sanften Drohungen des Fulidelixi Moci
Am
zweiten Tag seiner Reise trifft Moci die Roboter. Fulidelixi Moci, so sprechen
die Chinesen den Namen Friedrich Merz aus. Die Roboter wiederum sind Produkte des
Konzerns Unitree, bei dem der Bundeskanzler während seines Chinabesuchs vorbeischaut.
In
der Volksrepublik haben die Roboter gerade einen denkwürdigen Auftritt hinter
sich. Als vergangene Woche der Jahreswechsel nach dem chinesischen Mondkalender
gefeiert wurde, ließ Unitree bei der großen Neujahrsgala des Staatsfernsehens
ein Ensemble stählerner Kung-Fu-Kämpfer aufmarschieren. Perfekt synchronisiert
schwangen sie ihre Robotergliedmaßen, traten und schlugen in die Luft – ein
bisschen wirkte es wie eine Kampfansage der chinesischen Industrie an den Rest
der Welt.
Der Kanzler wagt ein Blickduell
Jetzt
werden die Maschinen dem deutschen Kanzler in einer riesigen Industriehalle in
der Stadt Hangzhou vorgeführt. Angemessen beeindruckt sieht Merz zu, wie sie
rennen, springen, Saltos schlagen, Faustkämpfe austragen. „Ich konnte mich
davon überzeugen“, wird der Kanzler nach der Präsentation sagen, „dass China in
der Robotik sehr weit voran ist.“ Vor einem Riesenexemplar mit Boxhandschuhen
und pulsierenden Kameraaugen bleibt der Kanzler etwas länger stehen. Der
Roboter und er begegnen sich auf Augenhöhe, kurz sieht es aus, als lieferten
sich die beiden ein Blickduell. Im deutsch-chinesischen Besuchspublikum fragt
sich mancher wohl: Wer blinzelt jetzt zuerst? Und damit ist man auch schon beim
politischen Kern dieser Reise, dem Antrittsbesuch Merz‘ in China, der am
heutigen Donnerstag endet.
Chinareisen
waren für deutsche Kanzler immer schon Schattenboxen und Ballettprüfungen zugleich.
Wie vielleicht keine andere Regierung versteht es China, seinen Status als
Großmacht beim Empfang von Staatsgästen zum Ausdruck zu bringen – die Große
Halle des Volkes in Peking, in der auch Merz am Mittwoch empfangen wurde, ist
imposant, die perfekt paradierenden Soldaten sind es auch. Die deutschen Kanzler
hingegen kommen als Mittelmacht-Handelsvertreter und müssen entsprechend schwierige
Figuren vortanzen.
Friedrich
Merz hat wie üblich eine Reisegruppe deutscher Unternehmenschefs im
Schlepptau, 30 sind es dieses Mal. In den Gesprächen mit chinesischen
Vertretern geht es wie immer um faire Wettbewerbsbedingungen und Rohstoffe.
Die Herausforderung besteht darin, bei den Wirtschaftsthemen gut Wetter zu
machen und gleichzeitig die Konflikte anzusprechen, zum Beispiel diesen: Seit
Russland die Ukraine überfallen hat und China und Russland eine „grenzenlose
Freundschaft“ vereinbart haben, steht die chinesische Unterstützung für den
russischen Krieg auf Merz‘ Sprechzettel. Russland ist heute mehr
denn je auf die chinesische Hilfe angewiesen. Ohne die Unterstützung Chinas,
ist man im Kanzleramt überzeugt, könnte Putin den Krieg in der Ukraine keinen
Tag länger führen.
Doch
obwohl es viel Verbindendes gibt mit Reisen früherer Kanzler, ist dieser Besuch
Merz‘ deutlich schwieriger und heikler als jene seines
Vorgängers Olaf Scholz, als jene von Angela Merkel sowieso. Er fällt in eine
Zeit, in der die deutsche Abhängigkeit von China noch einmal gewachsen ist,
politisch wie wirtschaftlich.
Donald
Trumps zweite Präsidentschaft hat
Deutschlands Verhältnis zu China gleich doppelt verändert: Zum einen ist die
Bundesrepubklik wegen der Handelsstreitigkeiten mit den USA noch stärker auf Dritte
als Partner zu haben. Zum anderen waren und sind in Deutschland und Europa die
Folgen des Handelskrieges zu spüren, den Trump mit China vom Zaun gebrochen
hat. Im Oktober 2025 hat die Regierung in Peking ein neues Kontrollregime für
den Export von Seltenen Erden angekündigt, vordergründig hat sich das Land
damit gegen Trumps Zollattacken zur Wehr gesetzt. Das Regime kann aber auch als
politisches Instrument gegen europäische Länder eingesetzt werden. Es trifft unter anderem die deutsche Hochtechnologiebranche.