Fresenius-Chef Sen: „Das ist keine Globalisierung – dies ist Abhängigkeit“

Herr Sen, im Iran werden Demonstrationen blutig niedergeschlagen, die USA intervenieren in Venezuela und fordern Grönland von Dänemark ein, in der Ukraine sprechen immer noch die Waffen, und es gibt viele weitere Krisenherde. Welche Vorzeichen sind das für die Weltwirtschaft 2026?
Die bisherige Weltordnung verändert sich grundlegend. Die Weltordnung heute ist transaktionaler, Interessen werden rigoroser durchgesetzt. Das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. China und die USA liefern sich ein Duell um die Vorherrschaft, Europa ist unter Druck geraten. Auf diese neue Normalität müssen wir uns einstellen. Und das hat direkten Einfluss darauf, wie Unternehmen ihre Geschäftsmodelle, aber auch ihre Wertschöpfungsketten anpassen müssen. Dabei bin ich da nicht so pessimistisch wie vielleicht andere: Wir haben in Europa auch einiges zu bieten.
Mit welcher Botschaft fahren Sie in die Schweiz zum Weltwirtschaftsforum?
Wir müssen in Europa endlich verstehen, dass es um unsere Souveränität geht. In dieser neuen Weltordnung müssen wir uns unabhängiger und resilienter aufstellen. Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende von JP Morgan, der größten Bank der Welt, hat kürzlich angekündigt, zehn Milliarden Dollar in Unternehmen zu investieren, die die Resilienz und Souveränität der USA stärken. Und über zehn Jahre sollen in diesen Bereichen Investitionen über 1,5 Billionen Dollar ermöglicht werden. Das ist ein starkes Zeichen und hat Wirkung.
Aber diese Botschaft haben doch viele Politiker hierzulande auch längst im Gepäck. Man muss nur auf die Milliarden-Pakete für die Verteidigungsfähigkeit in Deutschland schauen.
Genau, aber ich werbe für einen erweiterten Begriff. Denn zu Resilienz gehören nicht nur Ausgaben für Rüstung, Chips oder die Energieversorgung, sondern auch in hohem Maße das Gesundheitssystem. Sind wir im Ernstfall in der Lage, unsere Bevölkerung mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen? Da bin ich skeptisch. Medizinische Versorgung gehört zur kritischen Infrastruktur und deshalb spreche ich deutlich die Versorgungssicherheit an. Ich will an diesem Punkt wachrütteln. Das müssen wir in Deutschland und Europa stärker begreifen.
Wie ernst ist die Lage aus Ihrer Sicht?
Wir kommen aus einer Weltordnung, die globale Arbeitsteilung ermöglicht hat. Das haben wir im sogenannten Westen auch reichlich genutzt und haben outgesourced, was eben ging. Hier in Frankfurt hatten wir früher mal Hoechst, und entlang von Rhein und Main gab es viele Chemie- und Pharmaunternehmen. Vor 20, 30 Jahren haben wir unsere pharmazeutischen Wirkstoffe noch selbst hergestellt. Aber das ist fast alles abgewandert, und heute befinden wir uns in großer Abhängigkeit. Das gilt aber für so gut wie alle Länder außerhalb von Indien und China. Wir haben weiterhin gesunde, innovative Unternehmen, nicht zuletzt in der Gesundheitswirtschaft, die weltweit mitspielen, aber die hohe Abhängigkeit in Schlüsselbereichen macht mir Sorgen.
Wie hoch ist das in Zahlen?
Bei den Wirkstoffen sind es mehr als 80 Prozent, die heute vor allem aus Indien kommen. Und wenn man das mit den Vorprodukten mal ehrlich durchdekliniert, dann besteht die Abhängigkeit eigentlich von China. Das ist keine Globalisierung – das ist Abhängigkeit! Und diese Abhängigkeit kann natürlich auch machtpolitisch als Druckmittel eingesetzt werden. Derzeit reden alle über Rohstoffe und Seltene Erden. Aber stellen Sie sich mal vor, es gäbe keine Antibiotika. Man schneidet sich bei der Gartenarbeit in den Finger und endet mit einer Sepsis. Das mag man sich nicht ausmalen. Deshalb ist das Thema von überragender Bedeutung.
Souveränität herzustellen ist leichter gesagt als getan. In Deutschland endete das zuletzt mit den Debakeln von Intel in Magdeburg und dem Batterie-Start-up Northvolt , als die Ampelregierung besser als der Markt zu wissen glaubte, was zu tun ist.
Tatsache ist, dass die Welt sich rasant verändert hat. Wir brauchen in Europa ein Airbus-Projekt für pharmazeutische Wirkstoffe. Also eine Bündelung der Ressourcen in Europa, um unabhängiger zu sein und eine starke Industrie mit hoher Wertschöpfung aufzubauen. Der Unterschied zu Chips oder Flugzeugen ist, dass Wirkstoffe kein Hightech sind. Wir haben das alles schon hier produziert. Wir müssen es nur wollen. Entscheidend ist, unter welchen Rahmenbedingungen das stattfindet, damit jemand investiert.
Wie sollten diese Bedingungen aussehen?
Dafür schaut man am besten in die USA, dort hat sich einiges verändert, weil man die medizinische Versorgungssicherheit als strategisches Thema erkannt hat. Die USA leiden ja heute auch unter Mangel. Die zuständige Behörde FDA veröffentlicht eine Liste mit der essenziellen Medizin, die jeder einsehen kann. Darauf stehen die als notwendig definierten Moleküle. Danach kann sich der Markt richten. Wir haben selbst eine Milliarde Dollar in die Produktion in den USA investiert und werden dort weiter investieren. Wir decken rund 70 Prozent dieser Moleküle ab.
Haben Sie die Investitionen nicht getätigt wegen der Zolldrohungen von Präsident Trump?
Nein, wir machen das, weil die USA der weltgrößte Gesundheitsmarkt sind und für Fresenius Kabi der wichtigste Markt. Die Amerikaner haben ein attraktives Ökosystem für Investoren, aber aus meiner Sicht geht es weit darüber hinaus. Wenn dort ein junges Unternehmen um Kapital wirbt, wird ein potentieller Investor versuchen herauszubekommen, wer der Gründer ist und ob er das Zeug dazu hat, die Firma groß zu machen. Dagegen wird bei uns schon in einer sehr frühen Phase nach einem Businessplan gefragt. Da fühlt man sich wie in der Bankfiliale nebenan, die einen Kredit finanzieren soll.
Taugen die USA als Gesundheitsmarkt mit den höchsten Ausgaben wirklich als Vorbild?
Wir können etwas über die Herangehensweise lernen. In den USA sprechen wir mit dem Weißen Haus und dem Handelsministerium, nicht wie in Deutschland mit dem Gesundheitsministerium. Das heißt, dort geht es um einen ganzheitlichen strategischen Ansatz und nicht um Gesundheitskosten als Sozialausgaben im Haushalt. Das ist ein stringenter Plan. Ich habe vor Kurzem in Brüssel mit EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič und dem US-Handelsminister Howard Lutnick genau darüber diskutiert. Lutnick sagte ganz klar, dass er bei diesem Thema keine Abhängigkeit will und deshalb eine entsprechende Industriepolitik aufbaut. Deshalb sollte man dieses Ziel in Deutschland auch direkt beim Bundeskanzler aufhängen. Das hätte eine entsprechende Durchschlagskraft.
Bauen wir damit nicht den nächsten bürokratischen Apparat auf, der Sachen verkompliziert und verlangsamt?
Das ist aus meiner Sicht keine so große Sache. Die zuständige Arzneimittelbehörde hat bereits definiert, welche Wirkstoffe für 84 Millionen Einwohner in Deutschland lebensnotwendig sind. Neben Antibiotika zum Beispiel Wirkstoffe für die Onkologie oder Anästhesie und Schmerzmittel, aber keine Lutschpastillen gegen Halsschmerzen. Dann muss man sich über die benötigten Mengen Gedanken machen und geeignete Anreize für die Industrie schaffen.
Reden wir über eine dauerhafte Selbstversorgung von Grundstoffen oder darüber, dass wir im Notfall eine eigene Produktion hochfahren können?
Ein mögliches Modell wäre der „Reward for Resilience“-Ansatz. Bei Ausschreibungen könnte dann etwa ein Punktesystem greifen, das europäische Produktion stärker belohnt als Importe aus Asien.
Wenn man die Globalisierung zurückdreht, werden die Kosten steigen. Das geht doch angesichts der aktuellen Entwicklung in Deutschland genau in die falsche Richtung.
Es stimmt, wir haben mit einem Anteil von 12,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt, hinter den USA. Leider haben wir aber nicht das zweitbeste System, was sich an einfachen Indikatoren wie der Lebenserwartung messen lässt. Deshalb müssen die Kosten runter, damit die Lohnnebenkosten nicht etwa den Handwerker von nebenan in die Pleite treiben. Aber wenn Sie das System immer nur von der Kostenseite betrachten, dann werden Sie das Problem nicht lösen. Ineffizienz ist unser eigentlicher Kostentreiber. Deshalb wäre ich dafür, dem Thema auch politisch die höchste Priorität zu geben, um diesen gordischen Knoten einmal zu zerschlagen.
Was ist Ihr konkreter Vorschlag, um Versorgungssicherheit und Kostentragfähigkeit zu vereinbaren?
Souveränität gibt es nicht zum Nulltarif. Deswegen müssen wir den bereits heute hohen Kosten im Gesundheitssystem eine Effizienz-Offensive entgegenstellen – auch mit dem Ziel, die Patientenversorgung deutlich zu verbessern. Ich sehe da drei Prioritäten: konsequent Bürokratie abbauen, die starre Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung aufheben, und die massiven Chancen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz nutzen.
Apropos: In Davos werden Technologie-Themen und die Potentiale von Künstlicher Intelligenz eine große Rolle spielen. Können Sie neben den amerikanischen Tech-Giganten wirklich mitreden?
Auf jeden Fall, ich sehe bei dem Thema gewaltiges Potential. Genau deshalb schließen wir gerade eine strategische Partnerschaft mit SAP . Wir wollen gemeinsam die digitale Grundlage für eine souveräne und KI-gestützte Gesundheitsversorgung in Deutschland und Europa schaffen. Ziel der Partnerschaft ist ein digitales Gesundheitsökosystem, das neue Standards für digitale Innovationen im Gesundheitswesen setzt. Wir brauchen in der aktuellen globalen Situation eine souveräne europäische Lösung. Und wenn Daten und KI zu alltäglichen Begleitern für Ärzte und Krankenhausteams werden, schaffen wir mehr Raum für das, was wirklich zählt: die Versorgung von Patienten. Deshalb ist das Rennen aus meiner Sicht auch entgegen der öffentlichen Stimmung überhaupt nicht verloren. Im Gegenteil: Deutschland und Europa sind aus meiner Sicht Turnaround-Kandidaten.
Vom Taunus in die Alpen
Michael Sen fährt nicht zum ersten Mal zum Weltwirtschaftsforum nach Davos. Seinen Sitz hat der 57 Jahre alte Manager aber in Bad Homburg vor den Toren Frankfurts. Dort rückte er im Herbst 2022 an die Spitze des Gesundheitskonzerns Fresenius , zuvor hatte er die Tochtergesellschaft Fresenius Kabi geführt. Davor war der Finanzfachmann bei Siemens und Eon in führenden Positionen gewesen. Sen krempelte Fresenius komplett um und ordnete auch das Verhältnis des Mutterkonzerns zu den Tochterunternehmen neu. Mit Erfolg: Der Aktienkurs hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Mit Turnaround-Geschichten kennt er sich also aus.