Frauenkampftag: Anpassung ist keine Option. Wegsehen erst recht nicht

Wie kann es sein, dass Frauen nach Generationen feministischer Kämpfe, all den Jahren von Sexismus und sexualisierter Gewalt, weiterhin in Angst leben müssen? Vielleicht lernt jede Generation den Kampf neu und immer wieder


Hannah Kämpfers Oma hat noch um Rechte gekämpft, die für sie heute selbstverständlich sind

Foto: Privat


Meine Oma interessiert sich für Frauen in der Kunst. Für Malerinnen, deren Werke Männern zugeschrieben wurden. Für Schriftstellerinnen, die unter männlichem Namen veröffentlichten. Für Biografien, die man jahrelang unsichtbar machte. Sie erzählt mir, dass Frauen einst kein eigenes Konto eröffnen konnten, dass Ehe Abhängigkeit bedeutete und Care-Arbeit selbstverständlich ihnen zufiel. Als meine Oma so alt war wie ich, kam die Antibabypille auf den Markt – eine kleine Revolution. Heute wirkt die Pille überholt, ein Sinnbild für fehlende Verantwortung von Männern. Und das nicht nur bei Themen wie Verhütung oder Sorgearbeit.

Es hat sich einiges verändert, sagt meine Oma. Im selben Atemzug zeigt sie sich erschüttert, wie viel gleich geblieben ist. Die Arbeit von Frauen wird immer noch zu wenig geschätzt. Sie tragen weiter den Großteil der unbezahlten Arbeit, Frauenkörper bleiben in der Medizin unterforscht und Gewalt gegen Frauen prägt unsere Gesellschaft damals wie heute. Wie kann es sein, dass Frauen nach Generationen feministischer Kämpfe, all den Jahren von Sexismus und sexualisierter Gewalt, weiterhin in Angst leben müssen?

Während jede meiner Freundinnen Sexismus oder auch sexualisierte Gewalt erfahren hat, wird öffentlich noch immer von Einzelfällen gesprochen. Fälle, die für Entsetzen und Schock sorgen, jedoch verschleiern, dass die meisten Taten im Verborgenen gehalten werden. Doch Frauenhass, auf Social Media wie im realen Raum, ist keine Ausnahme. Gisèle Pelicot ist kein Einzelfall. Gewaltnetze, wie in den Epstein-Akten offengelegt, sind keine Einzelfälle. Femizide sind keine Einzelfälle.

Sichtbar wurde nur, was lange verdrängt worden war. Unterdrückung geschieht körperlich und emotional. Von klein auf lernt man als Frau, vorsichtig zu sein. Ich habe gelernt, nicht anzuecken. Verständnisvoll zu sein. Empathisch. Harmonie herzustellen. Nicht zu viel Raum einzunehmen. Keine Belastung zu sein.

Sichtbar wurde nur, was lange verdrängt wurde

Eigenschaften, die dazu dienen, Frauen kleinzuhalten. Wie oft hatte ich eine Idee, die ich nicht aussprach, nur um sie später aus einem anderen Mund zu hören? Doch um gehört zu werden, muss man etwas anderes lernen: lauter zu sein, härter zu argumentieren und weniger zu zögern. Ein Gedanke zählt erst, wenn man ihn mit Nachdruck verteidigt.

In diesem Doppellernen liegt vielleicht eine Stärke. Frauen lernen früh, Stimmungen zu lesen, Machtverhältnisse zu erkennen, Zwischentöne wahrzunehmen, Widerstand zu leisten. Wir lernen, uns durchzusetzen, obwohl man uns beigebracht hat, leise zu sein. Aber Frauen müssen sich nicht anpassen.

Sie müssen nicht lauter werden, um Gehör zu finden. Ihre Expertise ist keine „Perspektive“, sondern Wissen. Was im transgenerationalen Prozess von meiner Oma zu mir noch fehlt, ist die männliche Verantwortung. Männer sollten schweigen, wenn Frauen sprechen – und laut werden, wenn neben ihnen sexualisierte Gewalt verharmlost wird.

Weiblichkeit, die mit Stärke assoziiert wird

Die weibliche Zukunft, sie kommt, aber mit Rückschlägen. Immer wieder sind es Frauen, die aufstehen, die weitermachen, sich nicht abfinden. Denn was seit der Generation meiner Oma geblieben ist, ist der Wille zum Zusammenhalt. Frauen, die sich gegenseitig stärken, die Namen erinnern, die Geschichte weiterschreiben.

Und eine Umgebung schaffen, in der Weiblichkeit mit Stärke assoziiert wird. Meine Oma hat um Rechte gekämpft, die für mich selbstverständlich sind. Frauen müssen sich nicht weiter optimieren, erklären, beweisen, sondern die Männer müssen Verantwortung übernehmen. Öffentlich und privat. Anpassung ist keine Option. Wegsehen erst recht nicht.

8. März Frauenkampftag

Wie schön das Leben sein könnte, hätten wir als Frauen nicht immer noch mit der tagtäglichen Misogynie zu tun, mit Krieg und Patriarchat.

Essays von Autorinnen, die sich der männlichen Dominanz und den Epsteins und Trumps dieser Welt entgegenstellen: mit Solidarität und Liebe

Hannah Kämpfer, freie Journalistin