Frauen in Spitzenämtern: So tardiv dran sind die Kirchen nicht

Der 25. März 2026 markiert eine Zäsur in der Geschlechtergeschichte. An diesem Tag wurde eine besonders hartnäckig verteidigte Männerbastion weiblicher: Zum ersten Mal in der Geschichte trat eine Frau an die Spitze einer globalen Religionsgemeinschaft. Sie heißt Sarah Mullally und wurde am vergangenen Mittwoch offiziell als Erzbischöfin von Canterbury eingeführt.
Die verheiratete Mutter zweier Kinder ist damit nicht nur das geistliche Oberhaupt der Church of England, sondern auch das Ehrenoberhaupt der Anglikanischen Gemeinschaft. Der Vorsitz dieses weltweiten Zusammenschlusses anglikanischer Kirchen mit insgesamt etwa achtzig Millionen Mitgliedern ist zwar rein repräsentativer Natur. Aber das Amt katapultiert Mullally in eine Liga mit Papst Leo XIV. und dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., dem Ehrenoberhaupt der orthodoxen Kirchen.
Das dürfte nicht ohne Einfluss bleiben auf die Debatte über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche. Denn die anglikanische Kirche steht ihr aufgrund ihrer Liturgie näher als die evangelischen Kirchen. So war es die Zulassung von Frauen zum Priesteramt in den ersten anglikanischen Kirchen, durch die sich der Vatikan 1976 zum ersten Mal veranlasst sah, in einem offiziellen Dokument ausführlich darzulegen, warum Frauen nicht die Priesterweihe empfangen können.
Veränderungen brauchen Zeit
Aus einer säkularen Sicht mag man über all das den Kopf schütteln, die Entscheidung der anglikanischen Kirche für reichlich spät halten, von der katholischen ganz zu schweigen. Hier hat die Debatte über die Rolle der Frau eben erst richtig begonnen. Das erscheint weit weg vom sogenannten modernen Leben. Aber eine solche Sicht blendet zwei Dinge aus.
Zum einen brauchen Veränderungen in Religionsgemeinschaften mehr Zeit als in politischen Organisationen. Traditionen spielen eine größere Rolle. Schließlich geht es um mehr, um innerste Überzeugungen und die letzten Dinge, altmodisch ausgedrückt, um das Seelenheil. Und abgesehen davon: So lange her ist es auch noch nicht, dass Deutschland erstmals von einer Bundeskanzlerin regiert wurde.
Zum anderen geht es in der kirchlichen Debatte über die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern längst nicht mehr in erster Linie um theologische Argumente. Man könnte sogar mit gutem Grund bezweifeln, dass es überhaupt je so war. Heute handelt es sich im Kern jedenfalls um einen Konflikt, in dem Angehörige unterschiedlicher Kulturen, meistens Männer, mit schwer oder gar nicht miteinander zu vereinbarenden Vorstellungen von der Rolle der Frau aufeinandertreffen.
Kein Konsens möglich
Welche Sprengkraft dieses Thema besitzt, zeigte die Personalie Mullally. Einige anglikanische Kirchen in Afrika sagten sich im Herbst aus Protest gegen ihre Nominierung durch die zuständige Kommission und ihre Bestätigung durch König Charles III. von der Anglikanischen Gemeinschaft los. Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheinen die kirchlichen Debatten gar nicht mehr so weit weg. Denn die Argumente afrikanischer Kirchenleute sind im Wesentlichen jene, mit denen sich auch westliche Politiker konfrontiert sehen, die in Syrien Frauenrechte einfordern oder in Uganda drakonische Strafen für praktizierte Homosexualität beanstanden. Das seien Wertvorstellungen des Westens. Zu behaupten, sie hätten universelle Geltung, stelle eine neue Form von Kolonialismus dar.
Der Konflikt in den Kirchen zeigt dabei: Selbst unter Angehörigen einer Religionsgemeinschaft, ja sogar einer christlichen Konfession aus unterschiedlichen Kulturkreisen, ist es oft nicht möglich, einen Konsens in grundlegenden Fragen des Zusammenlebens zu erzielen. Viele Befürworter des Frauenpriestertums sind daher ähnlich ratlos wie die Verfechter der universellen Geltung der Menschenrechte in der Politik.
Ein bemerkenswerter Unterschied in der kirchlichen Debatte sind die vertauschten Rollen. Wenn es in der Politik um die Frauenrechte geht, dann ist es die westliche Seite, die darauf besteht, dass diese Rechte ohne Abstriche überall gelten müssten. Im kirchlichen Kontext ist es der Tendenz nach umgekehrt: Da sind es vor allem Vertreter des globalen Südens, die auf eine einheitliche Position pochen.
Es ist höchste Zeit, dass dieser „Clash of Civilizations“ – das gleichnamige Buch von Samuel Huntington erschien vor genau dreißig Jahren – ernster genommen wird. An Verharmlosern, die darin nur eine kulinarische Bereicherung sehen, mangelt es ebenso wenig wie an Untergangspropheten, die damit nur Krieg und Terror verbinden. Es wäre schon viel gewonnen, wenn es mehr Leute gäbe, die sich mit nüchternem Blick über einen Modus Vivendi irgendwo zwischen Kochtopf und Handgranate Gedanken machten. Die neue Erzbischöfin von Canterbury wäre ein guter Anlass dafür.
Source: faz.net