Französische Revolutionäre: Sie kämpften nicht z. Hd. die Freiheit, sondern z. Hd. höhere Honorare
„The High Enlightenment and the Low Life of Literature in Prerevolutionary France“, so lautet der Titel eines Aufsatzes, den Robert Darnton 1971, damals seit drei Jahren in Princeton unterrichtend, veröffentlichte. Die Grundthese lautete, dass es für das Verständnis der Ereignisse von 1789 weniger darauf ankommt, den Höhenzügen politischer Theorie und ihrer Rezeption zu folgen, sondern sich vielmehr anzusehen, was sich weit darunter in der Sphäre der Pamphlete, verunglimpfenden persönlichen Attacken und Skandalliteratur aller Art tat.
Aufmerksamkeit für diese Schriften hatte Darnton schon einige Jahre zuvor in seiner Oxforder Doktorarbeit gezeigt, die sich Trends der radikalen Propaganda in den Jahren 1782 bis 1788 gewidmet hatte. Bereits dort war es ihm darauf angekommen, dass sich in den untersuchten Schriften kaum subtile Diskussionen politischer Ideen fanden, keine Exegesen des „Contrat Social“ oder von „De l’esprit des lois“. Bestimmend waren vielmehr Hass auf die etablierte Ordnung und die Verdammung der Männer, die sie aufrechterhielten. Woher dieser Hass kam – das sollten biographische Nachforschungen zu Autoren solcher Schriften zeigen, die 1789 zu politischen Akteuren der Revolution wurden.
Die Niederungen des literarischen Prekariats
Der Aufsatz von 1971 spitzte diese Wendung von der hohen Ideengeschichte zu den Niederungen eines literarischen Prekariats zu: Die politischen Ideen der „Hochaufklärung“, so Darnton, waren bereits in der Elite des Ancien Régime angekommen, die „philosophes“ in ihre Salons und Institutionen aufgenommen, als eine neue Generation von hoffnungsvollen, von den Möglichkeiten solcher Erfolge – allen voran Voltaires – angezogenen Autoren mehrheitlich die Erfahrung machte, dass für sie nichts abfiel. Diese Frustration habe sich dann 1789 in politischem Aktivismus, vor allem auf dem linken Flügel, niedergeschlagen. Natürlich bestand der Jakobinerklub nicht nur aus ehemaligen Bewohnern der prekären Niederungen (respektive hoch gelegener Dachkammern). Aber es gab doch genügend Personal der Revolution, das diesen Weg genommen hatte.

Der Aufsatz machte Epoche, und sein Autor wurde mit ihm auf die Bahn einer Forscherkarriere gebracht, die ihn als einen der besten Kenner des französischen Druck- und Verlagswesens im achtzehnten Jahrhundert bekannt machte. Keine Facette, der er nicht aus den Quellen gearbeitete Darstellungen gewidmet hat. Er schrieb über die Geschäftsmodelle der Drucker und Verleger, über die staatliche Bücheraufsicht, über das Regime der Raubdrucke, die Vertriebswege, die Buchhändler und natürlich darüber, welche Titel – mit dem Segen der Zensoren angeboten, von ihnen geduldet oder verboten – für Nachfrage sorgten. Man lernt daraus viel über das Ancien Régime und nicht zuletzt darüber, welche Rolle Gedrucktes – bei Annäherung an die unmittelbar bevorstehende revolutionäre Explosion auch per Hand Kopiertes – schließlich bei seinem Ende spielte.
Darntons jüngstes, essayistisch angelegtes Buch beginnt mit einem Rückblick auf den vor mehr als fünf Jahrzehnten erschienenen Aufsatz. Es war der Text seiner Wahl, als er der Einladung des Pariser Institute for Advanced Study folgte, einen kritischen Blick auf eine frühe Arbeit zu werfen. Das Resümee des mittlerweile 86 Jahre alten Historikers fällt abgewogen aus: Selbst wenn zu konzedieren sei, dass er damals – 1968 Anhänger der radikalen Linken und zuvor in Oxford angetan von Lehrern wie E. P. Thompson und Richard Cobb – die Perspektive auf die Frustration und den Zorn in den literarischen Niederungen manchmal etwas zu vollmundig in Stellung brachte, habe sich diese Verschiebung des Interesses, um die Entzündbarkeit der Verhältnisse von 1789 zu verstehen, eben doch bewährt.
Immer mehr Autoren, immer weniger Ämter
Vor allem aber nimmt Darnton diesen Rückblick zum Anlass, nun noch einmal auf die Lebensumstände der Autoren zurückzukommen. Und zwar diesmal nicht nur von jenen, die sich mit Müh und Not durchschlugen, sondern mit dem Vorsatz, das Feld der Möglichkeiten und Engpässe literarischer Karrieren in den letzten Jahrzehnten des Ancien Régime insgesamt zu umreißen. Wozu auch gehört, die Vermutung zu belegen, dass es auf diesem Feld zunehmend enger wurde, also die Zahl der Autoren sich deutlich vergrößerte – während Ämter, Positionen und Pfründen nicht mehr wurden, auf die es in einer Zeit vor prozentualen Beteiligungen und Sicherungen gegen Raubdrucke eben ankam.
So naheliegend die Vermutung ist, die Abschätzung eines solchen Zuwachses ist alles andere als einfach. Darnton stützt sich da vor allem auf das zwischen 1752 und 1784 in immer stattlicherem Umfang erschienene Werk „La France littéraire“ und stellt dazu noch Winke aus zeitgenössischen Einlassungen wie Rivarols überaus boshaftem „Petit Almanach de nos grands hommes“ von 1788 – die „großen Männer“ sind die kleinen Aspiranten, die mit vergiftetem Lob bedacht werden – und Fabre d’Églantines ein Jahr zuvor erschienenem Theaterstück „Les Gens de lettres“.
Auf mehr als das Doppelte, wahrscheinlich mehr als dreitausend, sei die Zahl der Autoren in diesen Jahrzehnten angestiegen, lautet sein vorsichtiges Resümee. Noch vorsichtiger muss er freilich sein, was deren sozioökonomische Verteilung betrifft. Aber festhalten lässt sich für ihn zumindest, dass angesichts einer noch fehlenden sozialen Identität und ökonomischen Basis des von seiner Feder lebenden Autors die Wege innerhalb der sich herausbildenden Intelligenzija sehr verschieden ausfielen. Sie konnten hinauf in die Salons und zu stattlichen Sinekuren führen, aber auch für die Mehrzahl – Voltaires „pauvres diables“ – hinunter in prekäre Verhältnisse. Die Mittellage war schwer zu halten.
Nicht selten drohte ein Tod in Armut
Um das vor Augen zu führen, folgt Darnton drei Biographien über die Schwelle der Revolution hinweg. André Morellet ist das Beispiel des Aufsteigers, der sich mit Voltaires Hilfe in den Salons etabliert und dann mit ebenso viel Geschick wie Mühen einträgliche Ämter und Pfründe sammelt, um die ihn schließlich die Revolution bringt, in der er am Beginn der Terreur nur knapp den fatalen Folgen von Denunziationen entgeht. François-Thomas-Marie de Baculard d’Arnaud, der ebenso hoffnungsvoll beginnt, doch dann von Voltaire fallen gelassen wird, zeigt dann, dass selbst ein an Auflagen gemessen erfolgreicher Autor – er ritt die Mode der sensibilité zu Tode – gerade mal über die Runden kam, um zuletzt, zu Beginn des ersten Kaiserreichs, in Armut zu sterben. Pierre Manuel schließlich ist einer der Autoren ganz unten, der mit der Revolution bei den Jakobinern nach oben kommt und seine Kenntnisse für die Ausschlachtung von Teilen des Archivs der Bastille oder auch der amourösen Briefe Mirabeaus aufwendet, bevor er in der ersten Welle der Terreur unter der Anklage, zum Parteigänger der Gemäßigten geworden zu sein, auf dem Schafott endet.
Die ausgewählten Lebensläufe, knapp und eindrücklich skizziert, münden in die revolutionären Ereignisse, die die alte literarische Elite beseitigten, das Zensurwesen aufhoben, Zeitungsgründungen und Pamphletproduktion explodieren ließen. Diese neuen Medien waren Instrumente neuer Männer, die ihr Handwerk in den meisten Fällen vor der Revolution gelernt hatten. Aber auch 1300 Zeitungen, die im Jahrzehnt nach 1789 gegründet wurden, änderten nichts an der Anziehungskraft literarischer Größe, wie sie Voltaire mit seinen Elogen auf den unverzichtbaren zivilisatorischen Beitrag der bedeutenden gens de lettres auf den Weg gebracht hatte. In dieser Hinsicht, darauf weist Darnton hin, unterlief Voltaires Einfluss Rousseaus ansonsten so wirkungsreiche Generalattacke auf die – nicht zuletzt literarische – Kultur. Sie hatte, als Form der Mobilisierung von Ideen und Leidenschaften, noch eine große Zukunft vor sich.
Robert Darnton: „The Writer’s Lot“. Culture and Revolution in Eighteenth-Century France. Harvard University Press, Harvard 2025. 231 S., geb., 24,95 €.
Source: faz.net