Franz Grundheber gestorben: Ein Weltstar aus Trier

Halbe Sachen mochte er nicht. Franz Grundheber war ein Mensch von fast obsessiver Geradlinigkeit. Bis zuletzt. Er starb exakt am Tag seines 88. Geburtstages. Und er starb an einem Tag, an dem in der Hamburgischen Staatsoper eine neue Ära begann – seinem Stammhaus, dem er zwei Jahrzehnte als Ensemblemitglied angehörte, auch danach noch verbunden blieb und mehr als 2000 Vorstellungen sang. Wir wissen nicht, ob er sich mit dieser Ära und ihrem Selbstverständnis hätte anfreunden können.
Das Team um den neuen Intendanten Tobias Kratzer hat ihm jedenfalls in einer frisch gestalteten „Wall of Fame“ im Foyer einen Platz ganz oben zugewiesen. Sein Bild hängt da zwischen nur sehr wenigen Sängerinnen und Sängern, aber vielen Dirigenten, Regisseuren, Intendanten und Komponisten, die die über dreihundertjährige Geschichte des Hauses geprägt haben.
Stilistische Vielfalt als Jungbrunnen
Nach Hamburg hatte ihn Rolf Liebermann engagiert: als Anfänger. Er sang lange kleine Rollen, lernte zu warten und die Stimme reifen zu lassen. Das war sein Kapital. Als er in den Achtzigerjahren zum Weltstar aufstieg, war er schon fast fünfzig. Die Stimme hatte ein üppiges Volumen, unverbrauchte Frische und jene innere Spannweite, die aus gewachsener physischer und psychischer Souveränität entsteht. Dass Ruhe und Kraft auch beim Singen unmittelbar zusammenhängen, hat er geradezu exemplarisch vorgelebt. Und auch, dass man eine solide Stimmtechnik trotz aller einmal erworbenen Grundsätze den Veränderungen des Körpers anpassen muss. Winzigkeiten sind das, aber entscheidende. Grundheber wusste damit umzugehen und sang noch als Achtzigjähriger Wagners Fliegenden Holländer, eine Reverenz an seine Geburtsstadt Trier.
Noch etwas hat er exemplarisch vorgeführt: dass stilistische Vielfalt wie ein Jungbrunnen wirken kann. Natürlich war er im sogenannten deutschen Fach zu Hause, sang von Wagner oft und gerne den Gralskönig Amfortas, sang Hindemiths Cardillac und Pfitzners Borromeo, von Richard Strauss den Jochanaan, Barak, Mandryka. In „Die Liebe der Danae“ konnte er den Jupiter ohne Transposition bewältigen, das heißt in der gefürchteten hohen Lage. Seinen Durchbruch erlebte er als Wozzeck in Alban Bergs gleichnamiger Oper, den er in der glänzenden Ära von Claudio Abbado und Claus Helmut Drese an der Wiener Staatsoper verkörperte, später unter der Leitung von Daniel Barenboim und in der Regie von Patrice Chéreau.
Berühmt wurde er auch in seinen Verdi-Partien. Wie vor ihm nur Josef Metternich konnte er die üblichen Fächergrenzen durchbrechen. Obwohl ein deutscher Bariton, war er als Rigoletto weltweit gefragt, verband stimmliche Leuchtkraft und seelische Abgründe der Figur. Auch die Noblesse und Verzweiflung des Simon Boccanegra fing er mit nahtlos gereihten Legatobögen, musikalisch zwingend platzierten Spitzentönen und einer allzeit verfügbaren, nie selbstgefälligen Fülle des Wohllauts ein. Zum Wotan oder Hans Sachs hat er sich nie überreden lassen. Dass er das Wagnersche Heldenfach gemieden hat, war Voraussetzung für die lange Alterskarriere.
Seine letzte neue Partie war Schönbergs Moses, den er unter anderem zur Eröffnung der Elbphilharmonie singend sprach, genau so wie es der Komponist gewollt hat. Wie leicht ihm das fiel: ein Prophet sein. Eben weil er keine halben Sachen machte und sich immer treu geblieben war.
Source: faz.net