Frankreichs gewagte Wette aufwärts die Kernkraft – und die Folgen z. Hd. Deutschland
Obwohl Frankreich zu viel Strom produziert und viel Geld für die Instandhaltung von AKWs aufbringen muss, baut Paris die Kernkraft aus. Das hat auch für die Energiepreise in Deutschland Konsequenzen. Die Regierung verfolgt ein Ziel.
Frankreichs jüngster Strategieplan für die Energieversorgung, der einen Ausbau der Atomkraft vorsieht, erinnert an die goldene Hochzeit eines alten Ehepaars: Der Treueschwur liegt schon 50 Jahre zurück, die Liebe ist verflogen, aber aus Gründen der Gewohnheit oder, schlimmer, der finanziellen Abhängigkeit, bleibt man dennoch zusammen.
Mit fast drei Jahren Verspätung hat die französische Regierung ihren Mehrjahresplan für die Energieversorgung vorgelegt. Er schreibt fest, wie Frankreich in den nächsten zehn Jahren Energie zu produzieren und zu konsumieren plant und wie das Land bis 2050 Klimaneutralität erreichen will. Festgelegt wurde der Anteil der Kernkraft sowie von erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind, Geothermie und Biogas bis 2035.
Während der Anteil der Atomkraft stark ausgebaut werden soll, ist vorgesehen, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu verlangsamen. Der Anteil der dekarbonisierten Quellen soll zwar bis 2030 um ein Drittel steigen, aber nicht so zügig wie ursprünglich geplant. Damit bricht Präsident Emmanuel Macron mit der Linie seiner ersten Amtszeit und dem Mehrjahresplan von 2019, der die Stilllegung von 14 Kernreaktoren vorsah.
Kritiker sprechen daher von einem „ökologischen Backlash“. Der Philosoph André Comte-Sponville schreibt die Verantwortung dafür den Grünen zu: „Zu viele moralisierende Belehrungen, die Schuldgefühle hervorrufen, zu viele dumme Polemiken (über Weihnachtsbäume oder den Fleischkonsum in Schulkantinen), zu viel Katastrophismus (das Ende der Welt), zu wenig Pragmatismus (was das Geld der Haushalte am Monatsende angeht).“
Aber weder in den traditionellen noch in den sozialen Medien hat diese Kehrtwende in Frankreich für große Aufregung gesorgt. Das hat auch damit zu tun, dass sie alles andere als überraschend kommt. Bereits im Februar 2022, wenige Monate vor seiner Wiederwahl, hatte Macron die „Renaissance der Atomkraft“ ausgerufen und bei einem Besuch einer Turbinenfabrik in Belfort den Bau von sechs neuen modularen Minireaktoren des Typs EPR 2 (Europäischer Druckwasserreaktor) angekündigt.
Ihr Bau hat sich verzögert, ist in dem neuen Plan aber festgeschrieben. Letzterer lässt außerdem die Möglichkeit offen, die sechs neuen Minireaktoren um weitere acht zu ergänzen. Überdies wird die Laufzeit der 57 Atomkraftwerke von 50 auf bis zu 60 Jahre verlängert, ungeachtet der vielen Krisen der jüngsten Vergangenheit.
So mussten wenige Monate nach Macrons vollmundiger Ankündigung einer „Renaissance der Atomkraft“ in Frankreich zahlreiche AKWs wegen Spannungsrisskorrosion vom Netz genommen werden. Auch die Inbetriebnahme des Katastrophenprojekts Flamanville verzögerte sich weiter und ist schließlich auf Dezember 2024 verschoben worden, nach 17 Jahren Bauzeit, zwölf Jahre später als geplant.
Hohe Instandhaltungskosten für AKWs
Wegen der Energiekrise, die der Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöst hatte, und in der Angst vor einer Wiederauflage der Gelbwestenkrise, hatte die Regierung zudem den Energiepreis gedeckelt. Das führte zu Rekordverlusten für den Stromerzeuger EDF, weshalb der Staat 2023 den hoch verschuldeten Konzern komplett übernahm.
Mit dem neuen Energieplan will Regierungschef Sébastien Lecornu sowohl der linken als auch der rechten Opposition entgegenkommen, vor allem aber den Staatskonzern EDF nicht in Gefahr bringen. Die Energiestrategie per Abstimmung zu verabschieden, hat er dennoch nicht riskiert und sie ohne Parlamentsdebatte per Dekret durchgedrückt.
Marine Le Pen, Fraktionschefin des Rassemblement National (RN), hat am Montag bereits ein Misstrauensvotum beantragt. Sie bezeichnete den Fahrplan als „schweren Fehler“ und rief dazu auf, den „Wahnsinn zu stoppen“. „Die Regierung entscheidet sich dafür, die Franzosen zu verarmen und unseren Unternehmen eine unerträgliche Last aufzubürden“, so Le Pen.
Beruhigt sind jetzt immerhin der Energieerzeuger EDF und die Atomindustrie. Den von Macrons Vorgänger François Hollande geplanten Rückbau der Atomkraft auf 50 Prozent der Stromversorgung bis 2035 hatten sie als Todesurteil empfunden: Die Wirtschaftlichkeit der AKWs hat sich durch Stilllegung, Instandhaltungskosten des überalterten Parks und die Explosion der Baukosten für Flamanville deutlich verschlechtert.
Außerdem fürchtet EDF, langfristig industrielle Kompetenzen zu verlieren und keine stabilen Preise garantieren zu können. Trotz des weniger schnellen Ausbaus von Wind- und Sonnenenergie begrüßte sogar der Verband für erneuerbare Energien den Zehnjahresplan. Auch wenn dieser sich ein anderes Ergebnis gewünscht hätte, ist er nach jahrelanger Planungsunsicherheit dankbar für klare Ziele.
Eine Rechnung mit mehreren Unbekannten
Die ganze Rechnung hat allerdings mehrere Unbekannte. Erstens stellt Frankreich bereits heute mehr Strom her als es verbraucht. Dank seiner Überproduktion kann es Strom exportieren, aber die inländische Nachfrage stagniert, nach manchen Prognosen könnte sie weiter zurückgehen. Das macht den teuren Ausbau der Atomkraft zweifelhaft.
Schon heute muss der Betrieb von Atomkraftwerken regelmäßig heruntergefahren werden, wenn viel Wind- und Sonnenenergie zur Verfügung steht. Das Überangebot lässt nicht nur die Preise sinken, durch die sogenannte Modulierung sind die AKWs auch technisch stärker beansprucht. Das wiederum macht die Instandhaltung teurer. Ein Teufelskreis.
Die zweite Unbekannte sind die Baukosten der Minireaktoren. Ursprünglich wurden diese mit gut 50 Milliarden Euro beziffert. Ende vergangenen Jahres teilte EDF mit, dass die geplanten Reaktoren voraussichtlich 40 Prozent teurer werden als geplant und sich die Kosten auf 72,8 Milliarden Euro belaufen könnten.
Zuvor muss Frankreich die EU-Kommission überzeugen, die den Finanzierungsplan genehmigen muss. Paris benötigt diese Zustimmung von Brüssel, weil der Staat Milliardenhilfen für einen Staatskonzern bereitstellt, was andere als Wettbewerbsverzerrung interpretieren könnten. Gerade die Deutschen werden den Finanzierungsplan unter die Lupe nehmen, weil staatlich abgesicherter Atomstrom zu Garantiepreisen die Finanzierung erneuerbarer Energie hierzulande verteuern könnte.
Ob sich die Investition für Frankreich überhaupt lohnt, hängt auch von der Entwicklung des sehr volatilen Strompreises ab. Bleiben die Preise so niedrig, wie sie derzeit sind, würde der Fahrplan nach Kalkül des Regierungschefs 115 Milliarden Euro kosten, finanziert über 45 Jahre. Stiegen die Preise, würden 35 Milliarden Euro in die Kassen fließen. Eine gewagte Wette.
Zum französischen Energie-Paradox gehört auch, dass sich hinter den Vorzeigezahlen deutlich schmutzigere Realitäten verbergen. Frankreich mag weltweit das Land mit dem höchsten Atomstromanteil sein, der zwei Drittel des Stromverbrauchs abdeckt, weshalb der CO₂-Ausstoß pro Kopf bei nur 4,1 Tonnen pro Jahr liegt.
Der Vergleichswert für Deutschland liegt bei sieben Tonnen pro Jahr. Aber der Anteil von Öl und Gas am Gesamtenergieverbrauch Frankreichs macht immer noch 60 Prozent aus. Jedes Jahr werden Gas und Öl in Höhe von 64 Milliarden Euro importiert.
Das Dilemma will die Regierung mithilfe eines „großen Elektrifizierungsplans“ lösen. Der Anteil der kohlenstoffbasierten Energie soll auf 40 Prozent reduziert und gleichzeitig die Nachfrage nach Elektrizität angekurbelt werden.
Dafür müsste die Industrie genauso wie das Verkehrs- und Heizungssystem schnell umgebaut werden. Die Ministerin für Ökologie, Monique Barbut, versprach ein „bezahlbares, verlässliches“ E-Auto „made in France“ und auch die Ansiedlung von großen, stromfressenden Datenzentren in Frankreich.
Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.
Source: welt.de