Frankfurter Buchmesse: Neuer Direktor, Mami Probleme
Die Frankfurter Buchmesse bekommt einen neuen Direktor. Das wäre in jedem Fall eine wichtige Nachricht, selbst wenn die größte Branchenveranstaltung der Welt derzeit nicht in einer Identitätskrise steckte. Der noch bis Oktober amtierende Juergen Boos hat das Unternehmen – und um ein solches handelt es sich, was allzu oft vergessen wird – 21 Jahre lang geführt. Nur Peter Weidhaas hatte diesen Posten noch länger inne: von 1975 bis 2000. Boos’ beide Vorgänger dagegen brachten es gerade einmal auf zwei und drei Jahre.
Beendet wird nun also eine ungewöhnliche Kontinuität, ungewöhnlich deshalb, weil in diese Zeit weltweite Veränderungen des Buchgeschäfts fallen – Amazons ständig wachsende Marktanteile, Konzentrationsprozesse des stationären Buchhandels, Lesekompetenzschwund. Die Kontinuität allerdings trägt Mitschuld daran, dass die Buchmesse in einer Krise steckt. Für Corona und den resultierenden Bedeutungsverlust einer Präsenzveranstaltung konnte Boos nichts; wohl aber für die entscheidend von ihm selbst betriebene Positionierung der Frankfurter Buchmesse als Debattenforum für Politik im Allgemeinen sowie Menschenrechte im Besonderen und die parallel dazu versäumte Reaktion auf den Wandel im Buchgeschäft.
Der Ausstellerrückgang ist dramatisch
Die muss nun sein Nachfolger Joachim Kaufmann liefern – wenn es nicht schon zu spät dafür ist. Der Rückgang der Ausstellerzahlen um zwei Fünftel seit Beginn der Pandemie ist dramatisch: Man ist in Frankfurt mit 4350 auf die Zahl von vor fünfzig Jahren zurückgefallen – noch geschönt dadurch, dass die Gemeinschaftsstände zugenommen haben, deren Beteiligte als einzelne Aussteller gezählt werden, obwohl ihr Auftritt der Messe nur einen Bruchteil jener Einnahmen bringt, die eine eigene Koje bedeuten würde. Viele ausländische Verlage haben ihre Anwesenheit wenn nicht gestrichen, so doch zeitlich deutlich reduziert – an den letzten beiden der fünf Messetage muss man schon Glück haben, um mehr als bloßes Aufsichtspersonal an Ständen mit internationalen Gästen vorzufinden.
Überhaupt die fünf Messetage: Bis 2003 waren es noch sechs, je zur Hälfte für Fach- und Normalbesucher. Die Verkürzung trug den immensen Logistikkosten für die Aussteller in Frankfurt Rechnung und war ein erstes Zeichen, dass das alte Schema nicht mehr lange tragen würde. Aber der kurz darauf angetretene Boos hielt an der strikten Trennung der Besuchergruppen fest, und das selbst noch nach Corona, als immer weniger Fach- und wieder mehr allgemein interessiertes Publikum zur Messe kam. Die Folge: gähnend leere erste Tage, überfüllte danach und große Unzufriedenheit der Aussteller über diese Diskrepanz. Zumal sich die Besucherschwemme am Wochenende auf die boomenden New-Romance- und New-Adult-Stände konzentrierte. So mancher Traditionsverlag fragte sich, was er überhaupt noch in Frankfurt soll. Einige sind deshalb schon weggeblieben.

Nun arbeitet der kommende Direktor Joachim Kaufmann noch in einem Haus, das den Spagat zwischen Tradition und neuen Segmenten gut bewältigt hat: Der Hamburger Carlsen-Verlag, Teil der schwedischen Bonnier-Gruppe, ist eine Erfolgsgeschichte und expandierte in den nun auch schon zwanzig Jahren der Geschäftsführung Kaufmanns kräftig. Allerdings war der Grundstock dieses Erfolgs keiner, den Kaufmann bewirkt hätte: Der „Harry Potter“-Romanzyklus erwies sich als Lizenz zum Gelddrucken, doch die Rechte daran hatte der Verlag schon lange erworben, bevor Kaufmann 2005 dort antrat. Mit dem Kapitalzustrom aus dieser Buchreihe ließen sich leicht weitere Verlage zukaufen – was Kaufmann dann auch tat. In Frankfurt wird er ein Unternehmen führen müssen, das schrumpfungsbedingt immer weniger Einnahmen hat – auch wenn er die Buchmesse für in sich wirtschaftlich stabil hält. Das ist Pfeifen im Walde.
Der Neue muss sich mit einem alten Konzept herumschlagen
Nagelprobe wird die zum Abschied von Boos anstehende diesjährige Ausgabe, bei der auf dem Messegelände die Karten neu gemischt werden, weil die Hallenbelegung geändert wird: Publikumsträchtige Verlage sollen in die Erdgeschosse, um Besucherströme besser lenken zu können. Die Folge: Angestammte Plätze gehen verloren, eine Zweiklassengesellschaft entsteht.
Nicht beseitigt wurde das unzeitgemäße Fachbesucherprivileg. Viel leichter wären Massen zu bewältigen, wenn sie sich auf alle fünf Tage verteilten. Aber dann könnte man nicht mehr sündteure Eintrittspreise vom Fachpublikum verlangen – das aber ohnehin spärlicher kommt. Kaufmann will stattdessen für normale Besucher abseits des Messegeländes mehr Literaturevents bieten – obwohl Frankfurt dieses Erfolgsrezept der Konkurrenz in Leipzig schon kräftig kopiert hat. Es hieß zuletzt wieder häufig, dass für zwei große Buchmessen kaum Platz in Deutschland sei. In Zeiten von Corona fiel Leipzig mehrfach aus – anders als Frankfurt. Aktuell jedoch muss man sich um Frankfurt mehr Sorgen machen als um Leipzig.
Source: faz.net